Wie­der zu­rück am Herz der Bran­che

GTV hat das „Aben­teu­er Tür­kei“end­gül­tig be­en­det

schloss+beschlagmarkt - - Industrie -

cfk.-Es lock­ten güns­ti­ge Pro­duk­ti­ons­kos­ten dank nied­ri­ge­rer Löh­ne und Ma­te­ri­al­kos­ten, da­zu ei­ge­ne tür­ki­sche Wur­zeln, al­so hat­te Ca­fer Car­paz, ge­schäfts­füh­ren­der In­ha­ber der Vel­ber­ter Tra­di­ti­ons­schmie­de Ge­brü­der Tief­en­thal (GTV), 2009 die Schloss­pro­duk­ti­on nach Istan­bul ver­la­gert . Am En­de doch kei­ne so gu­te Idee, wie er heu­te, wie­der am Herz der Schlos­sund Be­schlag­bran­che pro­du­zie­rend, weiß.

Kur­zer Blick zu­rück: Im Jahr 2002 muss­te das 1780 ge­grün­de­te Un­ter­neh­men GTV In­sol­venz an­mel­den. Ge­mein­sam mit Sa­dik Öz­gür über­nahm Ca­fer Car­paz das Un­ter­neh­men, das ihm seit 2007, als sein Kom­pa­gnon aus­stieg, al­lei­ne ge­hört. In die­ser Zeit reif­te auch der Ge­dan­ke, die Pro­duk­ti­on zu ver­la­gern. „Es ging auch dar­um, mit den in Po­len oder Chi­na pro­du­zie­ren­den Mit­be­wer­bern preis­lich mit­hal­ten zu kön­nen“, sagt Car­paz. Zu­dem hat­te er als tür­kisch­stäm­mi­ger Ei­gen­tü­mer mit tür­ki­schem Na­men kei­nen leich­ten Stand in der Bran­che hier­zu­lan­de. Al­so sie­del­te er die Schloss­pro­duk­ti­on nach Istan­bul aus. Was zu­nächst ei­ne gu­te Idee schien, barg doch deut­lich mehr Schwie­rig­kei­ten als er­war­tet. „Es gab kaum qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter, das Ben­zin ist in der Tür­kei am teu­ers­ten in ganz Eu­ro­pa, der Strom ist eben­falls recht teu­er und es gab häu­fi­ge Strom­aus­fäl­le“, zählt Car­paz di­ver­se Pro­ble­me auf, die er so nicht be­rück­sich­tigt hat­te. Die Strom­aus­fäl­le brems­ten nicht nur die Pro­duk­ti­on, auch für die Ma­schi­nen wa­ren sie Gift, wenn mit­ten wäh­rend ei­nes Ar­beits­ab­laufs al­les plötz­lich stoppt. Und „auch das Roh­ma­te­ri­al be­kommt man dort nicht in der glei­chen Qua­li­tät wie hier in Deutsch­land“, sagt der Un­ter­neh­mer. Doch hat­te man sei­ner­zeit schon Ma­te­ri­al für die ers­ten zwei Jah­re mit­ge­nom­men, weil man eben noch kei­ne ört­li­chen Roh­stoff­quel­len auf­ge­tan hat­te. Den­noch lief die Pro­duk­ti­on ei­ni­ger­ma­ßen er­folg­reich an, auch konn­te sich das Un­ter­neh­men auf dem tür­ki­schen Markt brei­ter auf­stel­len. Als die mit­ge­brach­te Re­ser­ve all­mäh­lich zur Nei­ge ging, war al­ler­dings im­mer noch kein re­gio­na­ler Lie­fe­rant ent­deckt, die Roh­stof­fe muss­ten aus Deutsch­land im­por­tiert wer­den – kein bil­li­ges Ver­gnü­gen. Nichts­des­to­trotz lief das Ge­schäft in der Tür­kei ei­ni­ger­ma­ßen gut. Zu je­ner Zeit wur­de Car­paz die „Pro­dukt­li­nie Pro­fil­zy­lin­der FCV“an­ge­bo­ten. Die 1956 ge­grün­de­te FCV Flie­ther & Co. Gm­bH mit Stand­ort Vel­bert war 2008 vom ehe­ma­li­gen Schwes­ter­un­ter­neh­men KFV Karl Flie­ther Gm­bH & Co. KG nach In­sol­venz über­nom­men wor­den. „Ei­ne star­ke Mar­ke, tief ver­wur­zelt in der Re­gi­on und mit ei­ner ho­hen Ak­zep­tanz und Sym­pa­thie bei den Kun­den“nann­te Car­paz im April 2010 im schloss+be­schlag­markt die Grün­de für den Er­werb des un­ge­fähr gleich­gro­ßen Un­ter­neh­mens. „Das war ei­ne recht schnel­le Ent­schei­dung da­mals“, sagt er da­zu heu­te. Auch di­ver­se Auf­trä­ge wur­den mit über­nom­men, Auf­trä­ge, die „al­ler­dings schon recht lan­ge la­gen. Ei­ni­ge Kun­den wa­ren schon et­was ver­är­gert“, berichtet Car­paz. Zu­dem hat­te FCV nichts mehr auf La­ger, kei­ne Ma­te­ria­li­en mehr, al­les ha­be man be­sor­gen und pro­du­zie­ren müs­sen. Bei Groß­kun­den ha­be man dann er­folg­reich ver­sucht, die­se von FCV- auf GTV-Pro­duk­te um­zu­po­len. „Zu al­lem Über­fluss hat­te FCV sehr nied­ri­ge Prei­se, die ha­ben am En­de der Pro­duk­ti­on so­gar ein Mi­nus be­deu­tet“, berichtet Car­paz und ge­steht, dass er heu­te FCV nicht noch ein­mal er­wer­ben wür­de. Doch 2012 schien es so, als soll­te sich die FCV-Über­nah­me doch noch tüch­tig aus­zah­len. Sei­ner­zeit reif­ten die Über­le­gun­gen, aus den be­reits ge­schil­der­ten Grün­den die Pro­duk­ti­on in der Tür­kei auf­zu­ge­ben und wie­der kom­plett in Deutsch­land zu fer­ti­gen. „Da trat ein tür­ki­scher Groß­kun­de auf den Plan, woll­te jähr­lich 500 000 Zy­lin­der ab­neh­men, aber nur, wenn die­se auch in der Tür­kei pro­du­ziert wür­den“, berichtet Car­paz. Bis­lang wa­ren dort nur Schlös­ser pro­du­ziert wor­den, für die Zy­lin­der­pro­duk­ti­on stan­den je­doch aus­rei­chend Ma­schi­nen durch den FCV-Er­werb zur Ver­fü­gung. Al­so wur­de in­ner­halb von Istan­bul um­ge­zo­gen, die Ma­schi­nen dort­hin ver­frach­tet und schließ­lich mit 70 Mit­ar­bei­tern in der tür­ki­schen Me­tro­po­le Schloss und Zy­lin­der pro­du­ziert. Der an­fäng­li­che Groß­kun­de wur­de nicht nur zu ei­nem Part­ner in­ner­halb des tür­ki­schen Zwei­ges des Un­ter­neh­mens, er über­nahm auch die Ge­schäfts­füh­rung vor Ort und es ent­wi­ckel­ten sich so­gar freund­schaft­li­che Ban­de un­ter den Un­ter­neh­mern. Doch aus dem Hap­py End wur­de nichts,

der Part­ner und Ge­schäfts­füh­rer er­krank­te schwer und ver­starb schließ­lich. Ein ad­äqua­ter Er­satz, der sich ent­spre­chend um den Be­trieb küm­mer­te, konn­te nicht ge­fun­den wer­den. Schließ­lich dau­er­te es noch vie­le Mo­na­te, bis al­les rund um das Er­be ge­klärt war. So war es am En­de laut Car­paz doch ein Mi­nus­ge­schäft. Letzt­lich wur­den die Ma­schi­nen wie­der nach Deutsch­land ge­schafft. Ei­ne klei­ne Druck­gie­ße­rei, die le­dig­lich Zu­be­hör für tür­ki­sche Si­cher­heits­schlös­ser pro­du­ziert, so­wie die Ver­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on sind heu­te die letz­ten Stand­bei­ne der GTV am Bo­spo­rus. „Der ein­zi­ge Ge­winn, der aus den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren hän­gen­ge­blie­ben ist, ist dar­in zu fin­den, dass aus den gut 60 Län­dern, in die wir ex­por­tie­ren, die Tür­kei von ei­nem der hin­te­ren Plät­ze an die Spit­ze ge­rückt ist“, ge­steht Car­paz, denn „wir be­lie­fern un­ter an­de­rem die drei größ­ten tür­ki­schen Fens­ter­pro­du­zen­ten.“Nun hat sich der Un­ter­neh­mer für den deut­schen Markt viel vor­ge­nom­men, will das Feld neu be­stel­len. Zu­nächst ein­mal wird die Pro­duk­ti­on von FCV ein­ge­stellt. „Wir ha­ben im­mer bei­des gleich­zei­tig pro­du­ziert, uns da­bei nur ver­zet­telt“, sagt er. Al­so wur­den al­le Kun­den be­reits ver­gan­ge­nen Herbst an­ge­schrie­ben, dass die Pro­duk­ti­on im De­zem­ber 2016 ein­ge­stellt wer­de. „Die bis da­hin auf­ge­lau­fe­nen Be­stel­lun­gen wer­den ab­ge­ar­bei­tet, dann wird FCV nur noch in Not­fäl­len pro­du­ziert“, so Car­paz. In den letz­ten bei­den Jah­ren ha­be man durch das gan­ze Thea­ter in der Tür­kei und dem Pro­duk­ti­ons­aus­fall wäh­rend des Um­zugs zu­rück nach Deutsch­land viel ver­lo­ren und den ei­nen oder an­de­ren Kun­den si­cher­lich auch ver­är­gert. So wer­den jetzt vie­le al­te Kun­den be­sucht, teil­wei­se vom Ge­schäfts­füh­rer selbst, um sie von ei­nem Neu­start mit GTV zu über­zeu­gen. „Man­che, mit de­nen wir frü­her eng ge­ar­bei­tet ha­ben, kom­men so­gar schon von sich aus zu­rück“, so der Ge­schäfts­füh­rer. Das La­ger wird wie­der ver­nünf­tig auf­ge­baut, um kur­ze Lie­fer­we­ge und -zei­ten zu bie­ten. „In drei Mo­na­ten sind wir wie­der ganz die al­ten“, zeigt er sich op­ti­mis­tisch. Platz für wei­te­re Ma­schi­nen gibt es vor Ort zwar nicht, aber die Pro­duk­ti­on sei ja auch noch nicht aus­ge­reizt. „Seit ein paar Wo­chen ar­bei­ten wir im Zwei-Schicht-Be­trieb“, berichtet er, und dass ge­ra­de fünf neue Mit­ar­bei­ter ein­ge­stellt wur­den. Der­zeit ma­chen Schließ­an­la­gen und Zy­lin­der mit 80 Pro­zent den Lö­wen­an­teil der Pro­duk­ti­on aus, doch „die Schloss­pro­duk­ti­on soll auf 40 Pro­zent wach­sen“, ist das an­ge­streb­te Ziel. „Wir ha­ben ne­ben den DIN-Schlös­sern vie­le Spe­zi­al­schlös­ser in der Pro­duk­ti­on, zum Bei­spiel für den Be­reich Me­tall­bau, Gar­ten­bau oder auch Ent­sor­gungs­be­trie­be“, nennt Car­paz ei­nen wich­ti­gen Fak­tor, der die Kun­den­ak­qui­se doch et­was er­leich­tert. Das er­klär­te Ziel lau­tet, En­de die­sen, spä­tes­tens Mit­te nächs­ten Jah­res wie­der Um­satz­zah­len zu er­rei­chen, wie sie vor dem Tür­kei-Aben- teu­er ge­schrie­ben wur­den. „Und dann wol­len wir uns wei­ter stei­gern“, ist die­ses Ziel nur ein Etap­pen­ziel. Auf je­den Fall, so sagt Car­paz, sei es nun ei­gent­lich wie­der wie da­mals zu Be­ginn sei­nes En­ga­ge­ments bei GTV: „Das Geld kommt aus der Tür­kei, aber die Pro­duk­ti­on ist ,ma­de in Ger­ma­ny’.“

FO­TOS: RE­DAK­TI­ON/CFK

GTV-Ei­gen­tü­mer Ca­fer Car­paz an sei­nem Schreib­tisch in Vel­bert.

Von der jahr­hun­der­te­al­ten Tra­di­ti­on und Be­deu­tung des Hau­ses GTV zeu­gen nicht zu­letzt di­ver­se al­te Bil­der und Pla­ka­te.

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