Wenn das Meer wär­mer und sau­er wird

Kli­ma­gip­fel 195 Staa­ten wol­len in Pa­ris ei­nen Ver­trag zur Be­gren­zung des glo­ba­len Tem­pe­ra­tur­an­stiegs aus­han­deln. Seit 23 Jah­ren läuft der Kon­fe­renz­ma­ra­thon. Die Ge­fah­ren sind un­über­seh­bar. Nicht nur der Eis­bär be­kommt sie zu spü­ren

Schwabmuenchner Allgemeine - - Politik - VON WIN­FRIED ZÜF­LE

Augs­burg Das be­kann­tes­te Tier, des­sen Exis­tenz von der Kli­ma­er­wär­mung be­droht wird, ist der Eis­bär. Um Rin­gel­rob­ben und an­de­re Beu­te­tie­re zu ja­gen, ist er auf Pack­eis an­ge­wie­sen. Aber Eis­schol­len wer­den im ark­ti­schen Som­mer im­mer sel­te­ner. Denn die Luft­tem­pe­ra­tu­ren in der Ark­tis sind in den ver­gan­ge­nen 100 Jah­ren um fünf Grad ge­stie­gen. Fol­ge: Das Meer­eis geht dra­ma­tisch zu­rück, der Eis­bär ver­liert sei­nen Le­bens­raum.

Dass es in der Nord­see im­mer we­ni­ger Ka­bel­jau gibt, hat eben­falls mit dem Kli­ma­wan­del zu tun. Denn die Was­ser­tem­pe­ra­tu­ren ha­ben sich er­höht. Des­we­gen sind die be­lieb­ten Spei­se­fi­sche nach Nor­den ab­ge­wan­dert. Die Hoch­see­fi­scher müs­sen in hö­he­re Brei­ten aus­wei­chen.

Mu­scheln und an­de­re Scha­len­tie­re, so ha­ben Mee­res­for­scher fest­ge­stellt, kön­nen kei­nen so fes­ten Kalk­pan­zer mehr bil­den wie bis­her. Das hängt da­mit zu­sam­men, dass aus der Luft im­mer mehr Koh­len­di­oxid in den Oze­an ge­langt und da­mit das Was­ser in den obe­ren Schich­ten ver­sau­ert. Die Kon­se­quen­zen sind noch gar nicht ab­seh­bar. Schwin­den­der Er­wär­mung und Ver­saue­rung – die­se drei Bei­spie­le ste­hen für die oft we­nig be­ach­te­ten Fol­gen der vom Men­schen ver­ur­sach­ten Kli­ma­ver­än­de­rung in den Welt­mee­ren.

An­de­re Kon­se­quen­zen, die in den Be­rich­ten der im UN-Auf­trag tä­ti­gen Kli­ma­for­scher be­schrie­ben wer­den, sind da­ge­gen ge­läu­fi­ger: Zu­nah­me der ex­tre­men Wet­ter­la­gen, das heißt al­so mehr Dür­re­pe­ri­oden und Ex­trem­nie­der­schlä­ge, Ver­schie­bung der Kli­ma­zo­nen, ge­min­der­te Er­trä­ge von Wei­zen und Mais, Knapp­heit an Trink­was­ser, An­stieg des Mee­res­spie­gels.

Vor die­sem Hin­ter­grund be­ginnt am Mon­tag in Pa­ris der 21. Kli­ma­gip­fel der Ver­ein­ten Na­tio­nen. Ver­tre­ter aus 195 Staa­ten wer­den dar­über be­ra­ten, wie der An­stieg der glo­ba­len Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur auf zwei Grad Cel­si­us be­grenzt wer­den kann. Wenn dies ge­lingt, blei­ben nach Über­zeu­gung der Wis­sen­schaft­ler die Aus­wir­kun­gen in ei­nem be­herrsch­ba­ren Rah­men.

Vor 23 Jah­ren, auf dem Welt­gip­fel in Rio de Janei­ro, ist der Ver­hand­lungs­pro­zess ge­star­tet wor­den. An­trei­ber war da­mals Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl, wei­te­re Teil­neh- wa­ren un­ter an­de­rem US-Prä­si­dent Ge­or­ge Bush, der fran­zö­si­sche Staats­chef François Mit­ter­rand und Ku­bas Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer Fi­del Cas­tro. Auf­ge­schreckt von der wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis, dass die Tem­pe­ra­tu­ren auf dem Pla­ne­ten stei­gen, weil die Mensch­heit zu viel Koh­len­di­oxid pro­du­ziert, be­sie­gel­ten ins­ge­samt 115 Staats- und Re­gie­rungs­chefs da­mals die Kli­ma­rah­men­kon­ven­ti­on. Dar­in for­mu­lier­ten sie das Ziel, „die Sta­bi­li­sie­rung der Treib­haus­gas­kon­zen­tra­tio­nen in der At­mo­sphä­re auf ei­nem Ni­veau zu er­rei­chen, auf dem ei­ne ge­fähr­lich an­thro­po­ge­ne Stö­rung des Kli­ma­sys­tems ver­hin­dert wird“.

Seit 1995 gibt es die jähr­lich statt­fin­den­den Kon­fe­ren­zen der Ver­trags­staa­ten, ab­ge­kürzt COP (Con­fe­rence of the Par­ties). Ers­ter Hö­heLe­bens­raum, punkt war 1997 im ja­pa­ni­schen Kyo­to: Dort wur­de erst­mals ein Ab­kom­men ver­ein­bart, in dem sich die In­dus­trie­staa­ten ver­pflich­te­ten, ih­re Treib­haus­ga­se um fünf Pro­zent zu re­du­zie­ren. Da die USA nicht mit­mach­ten, blieb der Auf­trag an den Mit­glieds­staa­ten der EU und an Ja­pan hän­gen. 2009 in Ko­pen­ha­gen schien al­les vor­be­rei­tet, das Nach­fol­ge­ab­kom­men für das aus­ge­lau­fe­ne Kyo­to-Pro­to­koll ab­zu­schlie­ßen. Doch auf der Kon­fe­renz ge­lang kei­ne Ei­ni­gung. Ob­wohl sich US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma per­sön­lich ins Zeug warf, fan­den die USA und Chi­na, die bei­den größ­ten Treib­haus­gas-Emit­ten­ten auf dem Glo­bus, nicht zu­ein­an­der.

Das soll jetzt in Pa­ris nach­ge­holt wer­den. Von ver­bind­li­chen Quo­ten wie im Kyo­to-Pro­to­koll ist al­ler­dings nicht mehr die Re­de. Jetzt for­mu­lie­ren die Staa­ten ih­re Zie­le selbst. 177 Na­tio­nen ha­ben Min­de­rungs­plä­ne vor­ge­legt. Doch häu­fig fehl­te es am nö­ti­gen Ehr­geiz. Vie­le der „Ge­plan­ten na­tio­nal fest­ge­leg­ten Bei­trä­ge“(In­ten­ded Na­tio­nal­ly De­ter­mi­ned Cont­ri­bu­ti­ons, INDC) sei­en „so va­ge for­mu­liert, dass sie wo­mög­lich auf Dau­er kei­nen Be­stand ha­ben“, sag­te Ott­mar Eden­mer ho­fer, Chef­öko­nom des Pots­damIn­sti­tuts für Kli­ma­fol­gen­for­schung, der Wo­chen­zei­tung Die Zeit. Auch EU-Kli­ma­kom­mis­sar Mi­guel Ari­as Cañe­te fürch­tet, „dass wir am En­de ei­ne Mi­ni­mal­ver­ein­ba­rung ha­ben“.

Nach An­ga­ben der Bun­des­re­gie­rung wür­den die ge­mach­ten Zu­sa­gen bei vol­ler Um­set­zung den Tem­pe­ra­tur­an­stieg auf le­dig­lich 2,7 bis 3,4 Grad be­gren­zen – statt der an­ge­streb­ten zwei Grad. Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks gibt sich aber zu­ver­sicht­lich, dass die Staa­ten­ge­mein­schaft nach Pa­ris die Min­de­rungs­zie­le wei­ter aus­baut.

Die Sze­na­ri­en des Welt­kli­ma­rats blei­ben da­mit wei­ter ak­tu­ell. Das Ex­per­ten­gre­mi­um der UN rech­net in sei­nem jüngs­ten Sach­stands­be­richt mit ei­ner Er­hö­hung der mitt­le­ren glo­ba­len Tem­pe­ra­tu­ren an der Erd­ober­flä­che bis zum Jahr 2100 um bis zu 5,4 Grad ge­gen­über der vor­in­dus­tri­el­len Zeit (ein Plus von rund ei­nem Grad ist be­reits jetzt er­reicht). Der Mee­res­spie­gel könn­te im sel­ben Zei­t­raum um bis zu 82 Zen­ti­me­ter an­stei­gen (rund 19 Zen­ti­me­ter sind be­reits Rea­li­tät).

Das trifft dann nicht mehr nur den Eis­bä­ren, son­dern di­rekt den Men­schen.

„Die Kli­ma­zie­le vie­ler Staa­ten sind so va­ge for­mu­liert, dass sie wo­mög­lich auf Dau­er kei­nen Be­stand ha­ben.“

Ott­mar Eden­ho­fer vom Pots­dam-In­sti­tut für Kli­ma­fol­gen­for­schung

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