Die St­un­de der Na­tio­na­lis­ten in Po­len

Hin­ter­grund Die neue Re­gie­rung brüs­kiert ih­re EU-Part­ner. Im Hin­ter­grund zieht ein al­ter Be­kann­ter die Fä­den

Schwabmuenchner Allgemeine - - Politik - VON MICHA­EL STIF­TER

Augs­burg In Wahl­näch­ten, im Rausch des Sie­ges, nei­gen Po­li­ti­ker be­kannt­lich zu Re­den vol­ler Pa­thos. Auch Bea­ta Szydlo ging es so. „Vie­les wird in Po­len nun an­ders“, pro­phe­zei­te die neue na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rungs­che­fin. Gro­ße Wor­te, de­nen sie prompt Ta­ten fol­gen ließ. Ta­ten, die vie­len eu­ro­päi­schen Kol­le­gen nicht ge­fal­len. Da ist zum Bei­spiel die Sa­che mit den Flag­gen. Bis­lang ver­kün­de­ten Mi­nis­ter­prä­si­den­ten in Warschau weg­wei­sen­de Din­ge meist vor der Ku­lis­se von pol­ni­schen und eu­ro­päi­schen Fah­nen. Da­mit ist erst mal Schluss.

Szydlo ließ für ih­re ers­ten Pres­se­kon­fe­ren­zen das blaue Tuch mit den gol­de­nen Ster­nen ent­fer­nen. Schließ­lich ge­he es um na­tio­na­le The­men, sag­te sie zur Be­grün­dung. Es wä­re nur ei­ne Klei­nig­keit, die man nicht so ernst neh­men müss­te – stün­de die Ver­ban­nung des EUBan­ners nicht sym­bo­lisch für ei­nen grund­sätz­li­chen Po­li­tik­wech­sel.

Wie vie­le an­de­re ost­eu­ro­päi­sche Mit­glieds­län­der sucht Po­len die Kon­fron­ta­ti­on mit den eu­ro­päi­schen Part­nern. Im Hin­ter­grund zieht ein Mann die Fä­den, der in Deutsch­land in un­an­ge­neh­mer Er­in­ne­rung ge­blie­ben ist: Ja­roslaw Kac­zyn­ski. Er ist Chef der erz­kon­ser­va­ti­ven Re­gie­rungs­par­tei PiS und steht wie kaum ein an­de­rer für den Na­tio­na­lis­mus in Po­len. Er weiß, wie man Auf­merk­sam­keit be­kommt. So ver­stieg er sich vor ei­ni­gen Jah­ren zu der Theo­rie, Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel sei nur dank Hil­fe der DDR-Sta­si ins Amt ge­kom­men. Im­mer wie­der fällt der Zwil­lings­bru­der des bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz ums Le­ben ge­kom­me­nen frü­he­ren Prä­si­den­ten Lech Kac­zyn­ski mit an­ti- deut­scher Stim­mungs­ma­che aus der Rol­le. Mehr­fach ver­such­te er, selbst Prä­si­dent zu wer­den. Ver­geb­lich. Nun spielt er sei­ne Macht eben im Hin­ter­grund aus. Die Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven ha­ben so viel Ein­fluss wie nie. Szydlo re­giert im Par­la­ment mit sta­bi­ler Mehr­heit, und auch Staats­prä­si­dent An­drzej Du­da kommt ur­sprüng­lich aus dem PiS-La­ger.

Wie die Na­tio­na­lis­ten mit ih­rer neu­en Macht­fül­le um­ge­hen, ha­ben sie in den ver­gan­ge­nen Ta­gen in ver­stö­ren­der Wei­se de­mons­triert. Du­da lös­te ei­nen Eklat aus, in­dem er den frü­he­ren Chef der An­ti-Kor­rup­ti­ons­be­hör­de Ma­ri­usz Ka­min­ski be­gna­dig­te. Die­ser war im März we­gen Amts­miss­brauchs zu drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den. Er leg­te Be­ru­fung ein. Ein neu­es Ver­fah­ren wird es aber nicht ge­ben, denn der Prä­si­dent nahm die Sa­che selbst in die Hand. „Ich ha­be be­schlos­sen, die Jus­tiz von die­ser An­ge­le­gen­heit zu ent­bin­den“, teil­te er la­pi­dar mit. Dass Ka­min­ski PiS-Mit­glied ist? Selbst­re­dend rei­ner Zu­fall! Sein Platz ist nun je­den­falls nicht im Ge­fäng­nis, son­dern in der Re­gie­rung.

Die Op­po­si­ti­on schäumt vor Wut, spricht von Ver­fas­sungs­bruch. Doch Du­da und sei­ne PiS-Mit­strei­ter las­sen sich nicht be­ein­dru­cken. So peitscht die neue Re­gie­rung im Eil­tem­po ein Ge­setz durch, mit des­sen Hil­fe sie sich fünf un­be­que­me Ver­fas­sungs­rich­ter vom Hals schafft. Die­se wa­ren noch vom al­ten Par­la­ment be­stimmt wor­den.

Es folgt ein öf­fent­li­cher Auf­schrei. Dann geht die Re­gie­rung zur Ta­ges­ord­nung über. Auf der ste­hen als nächs­ter Punkt die pol­ni­schen Me­di­en. Der Staat will viel stär­ker als bis­her Ein­fluss auf die Be­richt­er­stat­tung neh­men. Was die Re­gie­rung als „Um­bau“be­zeich­net, ist für an­de­re der An­fang vom En­de der Pres­se­frei­heit.

Wird Po­len das neue Un­garn? Dort nimmt es Pre­mier Vik­tor Or­bán mit der Un­ab­hän­gig­keit von Jus­tiz und Me­di­en be­kannt­lich auch nicht so ge­nau. Und es gibt es noch mehr Par­al­le­len. In der Flücht­lings­kri­se passt kein Blatt Pa­pier zwi­schen Budapest und Warschau. Die ur­sprüng­li­che Zu­sa­ge, Asyl­be­wer­ber auf­zu­neh­men, kas­siert Szydlo nach dem Ter­ror von Pa­ris kur­zer­hand wie­der ein. Die Ru­fe nach eu­ro­päi­scher So­li­da­ri­tät hält sie für „un­an­ge­bracht“.

Und wie soll das wei­ter­ge­hen? Frank-Wal­ter St­ein­mei­er for­mu­liert es so: „Das Ver­hält­nis zum Nach­bar­land ist durch den Re­gie­rungs­wech­sel in Po­len nicht ein­fa­cher ge­wor­den.“Als Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter ist er es schließ­lich ge­wohnt, sich di­plo­ma­tisch aus­zu­drü­cken.

Foto: Ra­dek Pie­trusz­ka, dpa

Ja­roslaw Kac­zyn­ski und Bea­ta Szydlo. Er ist Chef der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven pol­ni­schen Re­gie­rungs­par­tei PiS, sie ist Mi­nis­ter­prä­si­den­tin.

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