Wenn Ge­werk­schaf­ter wie Chefs auf­tre­ten

Af­fä­re Volks­wa­gen ist ein son­der­ba­rer Pla­net. Hier hat der Ge­samt­be­triebs­rats­chef Bernd Os­ter­loh so viel Macht wie kaum ein an­de­rer deut­scher Ar­beit­neh­mer-Mann. Für den Au­to-Ex­per­ten Fer­di­nand Du­den­höf­fer ist das ein Teil des VW-Pro­blems

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wirtschaft - VON STE­FAN STAHL

Augs­burg Im Volks­wa­gen-Reich mag die Welt aus den Fu­gen ge­ra­ten sein, aber das Fei­ern las­sen sich die Be­schäf­tig­ten nicht neh­men. Am 10. De­zem­ber sind sie in das Wolfs­bur­ger Ge­werk­schafts­haus ein­ge­la­den. Bei der „Af­ter Work Par­ty“der IG Me­tall gibt es vor­weih­nacht­li­che Cock­tails von „Sup­per­leg­ge­ra“. An den Plat­ten­tel­lern wird DJ Scott Bells für ei­ne sau­be­re Stim­mung in Zei­ten des Ab­gas-Skan­dals sor­gen.

Viel­leicht ist die vor­weih­nacht­li­che Sau­se ein klei­ner Trost für Be­schäf­tig­te, die für die­ses Jahr, was ei­ne üp­pi­ge Ex­tra­zah­lung be­trifft, wohl in die Röh­re schau­en könn­ten. Der Volks­wa­gen-Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­de Bernd Os­ter­loh deu­tet in sei­ner schnodd­ri­gen Art an, dass die rund 120000 Mit­ar­bei­ter, für die der VW-Haus­ta­rif­ver­trag gilt, ent­täuscht sein dürf­ten. „Zehn Pro­zent von null ist null“, rech­net er vor. Sonst ist es bei VW üb­lich, dass im Früh­jahr zehn Pro­zent des Ge­winns der Kern­mar­ke VW an die Ba­sis als Bo­nus aus­ge­schüt­tet wer­den. Die­ses 15. Ge­halt ist ein Se­gen für Ein­zel­händ­ler an Volks­wa­gen-Stand­or­ten. Denn für 2014 be­trug die Prä­mie 5900 Eu­ro je Be­schäf­tig­tem. Da fällt es ei­nem leich­ter, ei­nen neu­en Fern­se­her zu kau­fen. Die­ser groß­zü­gi­ge Bo­nus ist ein Mi­ni-Kon­junk­tur­pro­gramm für Volks­wa­gen-Re­gio­nen.

Dass es bei dem Au­to­bau­er al­les an­de­re als rund läuft, lässt sich nicht nur an der Brem­sung beim Bo­nus er­ken­nen. Weil die Nach­fra­ge nach Au­tos des Her­stel­lers zu­rück­ge­gan­gen ist, soll die Pro­duk­ti­on in hei­mi­schen VW-Wer­ken vom 17. De­zem­ber bis 11. Ja­nu­ar über­wie­gend ru­hen. Die Kon­zern­toch­ter Au­di, bei der die Ge­schäf­te nach wie vor gut lau­fen, will die vom 21. De­zem­ber bis 10. Ja­nu­ar ge­plan­ten Werks­fe­ri­en aber nicht ver­län­gern.

Für den Ge­werk­schaf­ter Os­ter­loh spürt VW ei­ne „Ver­trau­ens­kri­se“. Die­se führt er auf die zu nied­rig an­ge­ge­be­nen CO2- und Sprit­ver­brauchs­wer­te zu­rück. Wenn der 59-jäh­ri­ge kahl­köp­fi­ge Hü­ne mit den brei­ten Schul­tern und dem gro­ßen Brust­korb za­ckig und kna­ckig die VW-Welt kom­men­tiert, wirkt er fast wie der Chef des Kon­zerns mit welt­weit rund 600 000 Mit­ar­bei­tern. Sei­ne Macht grün­det sich auf dem ex­trem ho­hen Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad sei­ner Ge­werk­schaft bei dem Un­ter­neh­men in Deutsch­land. Et­wa 90 Pro­zent der VW-Stamm-Mit­ar­bei­ter ge­hö­ren der IG Me­tall an. So muss sich Os­ter­loh im­mer wie­der Kri­tik ge­fal­len las­sen, er und sein Be­triebs­rat sei­en Teil des VW-Pro­blems. Der Vor­wurf lau­tet: Die mäch­ti­gen Volks­wa­gen-Ge­werk­schaf­ter ha­ben die Miss­stän­de ge­gen­über dem Ma­nage­ment nicht an­ge­pran­gert, weil sie sich im Ge­gen­zug Job- und Stand­ort­ga­ran­ti­en für deut­sche Wer­ke si­chern konn­ten. Der Au­to­mo­bil-Ex­per­te Fer­di­nand Du­den­höf­fer spricht hier ge­gen­über un­se­rer Zei­tung von ei­ner „Un­kul­tur“und be­trach­tet die IG Me­tall als „Be­stand­teil des VW-Pro­blems“. Für den Pro­fes­sor ist Os­ter­loh mit­ver­ant­wort­lich für das De­ba­kel. Er sei ein Kof­fer­trä­ger. Das wird der selbst­be­wuss­te Mann nicht ger­ne hö­ren. Bei Atta­cken auf ihn sagt er der­zeit ger­ne: „Manch­mal ha­be ich den Ein­druck, es macht vie­len ein­fach Spaß, jetzt VW-Ba­shing zu be­trei­ben.“Der­glei­chen öf­fent­li­che Be­schimp­fun­gen emp­fin­det der Ge­werk­schafts-Ma­na­ger als un­pas­send, schließ­lich ha­be der Be­triebs­rat im­mer wie­der laut Kri­tik ge­übt und Ve­rän­de­run­gen ein­ge­for­dert.

Da­bei ist Os­ter­loh nicht als War­ner vor Ab­gas-Skan­da­len auf­fäl­lig ge­wor­den. Was der ge­bür­ti­ge Braun­schwei­ger aber mit Ve­he­menz be­treibt, ist ein für Ge­werk­schaf­ter un­ge­wöhn­li­ches Hob­by. Der Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­de for­dert im­mer wie­der die Ge­schäfts­lei­tung auf, durch ver­ein­fach­te Pro­duk­ti­ons­ab­läu­fe und ei­nen Ab­bau von Bü­ro­kra­tie Un­sum­men im Kon­zern ein­zu­spa­ren: „Wir ha­ben 320 Mo­del­le. Da sind ei­ni­ge hun­dert Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr drin. Al­so über die nächs­ten Jah­re ei­ni­ge Mil­li­ar­den.“Ein Ge­werk­schaf­ter, der wie ein Re­struk­tu­rie­rungs-Ex­per­te das Ma­nage­ment wie­der­holt zum Spa­ren auf­for­dert, das ge­nießt in der Land­schaft gro­ßer deut­scher Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten Sel­ten­heits­wert.

Os­ter­loh ist seit 2005 der mäch­tigs­te VW-Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter des Kon­zerns, in dem er 1977 als Ar­bei­ter in der Pro­duk­ti­on sei­ne Kar­rie­re be­gann. Der IG-Me­tall-Mann wirkt ro­bust. Er hält sich im­mer noch ganz oben in dem selt­sa­men VW-Kos­mos. Wäh­rend Kon­zernPa­tri­arch Fer­di­nand Piëch und Un­ter­neh­mens-Chef Mar­tin Win­ter­korn ih­re Äm­ter ab­ge­ben muss­ten, be­wahrt Os­ter­loh er­folg­reich sei­ne Macht. Da­bei hat er sich in ei­ner Sa­che ver­schätzt. Noch 2011 be­haup­te­te der Ge­werk­schaf­ter, Win­ter­korn und er wür­den dar­auf ach­ten, dass kein VW-Ma­na­ger sei­ne Kom­pe­ten­zen über­schrei­te. So sag­te Os­ter­loh: „Wenn mal Leu­te im Un­ter­neh­men mei­nen, sie könn­ten übers Was­ser ge­hen, dann hau­en ih­nen Vor­stand und Be­triebs­rat ganz schnell auf die Pfo­ten.“Das mit den Hän­den und der Züch­ti­gung hat in der Ab­gas-Af­fä­re nicht ge­klappt.

Foto: dpa

Bernd Os­ter­loh ist ein mäch­ti­ger Ge­werk­schaf­ter.

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