„Die Hei­mat ver­lässt kei­ner oh­ne Wei­te­res“

Interview Hans Well wur­de mit der Bier­mösl Blosn be­rühmt. Heu­te tritt er zu­sam­men mit sei­nen Kin­dern auf. Well­bappn heißt die neue Grup­pe. Der po­li­ti­sche Qu­er­kopf über die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik, die CSU und das heu­ti­ge Bay­ern

Schwabmuenchner Allgemeine - - Bayern -

stö­re ich Sie denn ge­ra­de? Hans Well: Ich sitz am Com­pu­ter und ver­such ei­nen Text zu schrei­ben . . .

Zum The­ma Flücht­lin­ge? Well: Hab ich schon was. Ich pro­bie­re ei­nen Text über den Trend zur in­dus­tri­el­len Land­wirt­schaft, der vie­le Bau­ern vom so­ge­nann­ten Milch­markt ver­schwin­den lässt.

Ein Ab­ge­sang auf den Bau­ern­stand? Well: Klei­ne­re Bau­ern ha­ben nach dem Fall des Milch­kon­tin­gents kei­ne Chan­ce mehr.

Es ist ja kein ganz neu­es The­ma. Well: Im Mo­ment schaut es nach ei­ner fi­na­len Flur­be­rei­ni­gung vom Bau­ern­stand aus. Mit al­len Kon­se­quen­zen. Man hat die­ser Ent­wick­lung we­der von Sei­ten der Po­li­tik noch des Bau­ern­ver­ban­des was ent­ge­gen­zu­set­zen.

Ih­re Pro­gno­se fürs Jahr 2025? Well: Die Kin­der in der Schu­le se­hen Bil­der von ei­nem Bau­ern­hof, und der Leh­rer sagt: „So war das frü­her, Kin­der!“Es wird höchs­tens noch ei­nen Dorf­bau­ern ge­ben, aber kein Bau­ern­dorf mehr.

Gibt es ei­gent­lich noch rich­ti­ge Bau­ern­dör­fer? Well: Die gro­ßen Bau­ern von frü­her sind heu­te Klein­bau­ern. Und in Zu­kunft ackert dann ei­ner, der 50 Ki­lo­me­ter weit vom Dorf ent­fernt in sei­ner Seg­mül­ler-Bau­ern­stub’n wohnt und am Abend „Daho­am is Daho­am“schaut.

Der Agrar­be­trieb wird in­dus­tri­ell? Well: Das sieht man doch schon jetzt an der Ver­mai­sung. Be­son­ders schlimm trifft es das baye­ri­sche Ober­land, auch das All­gäu. 600 bis 1200 Kü­he pro Hof, das wird Nor­ma­li­tät. Es wird nicht mehr bloß Milch­se­en ge­ben, son­dern in Zu­kunft auch Gül­le­se­en!

Wenn es kei­ne Bau­ern­dör­fer mehr gibt, was heißt das dann für Bay­ern? Well: Die bäu­er­li­che Kul­tur hat das Land lan­ge Zeit ge­prägt. Da geht viel ver­lo­ren. Da­für wach­sen dann – wie bei Augs­burg – an der Ro­man­ti­schen Stra­ße auf den Äckern Hal­len wie die von Ama­zon.

Sie wa­ren über Jahr­zehn­te der po­li­ti­sche Qu­er­kopf der Bier­mösl Blosn. Jetzt sind Sie mit den Well­bappn un­ter­wegs, Ih­ren er­wach­se­nen Kin­dern. Sind Sie zu Ih­ren Wur­zeln zu­rück­ge­kehrt? Well: Das stimmt. Es ist so: Die Ge­sell­schaft än­dert sich, und die Par­tei­en da­mit auch. Wenn man nicht mit der Zeit geht, geht die Zeit über ei­nen hin­weg. Das g’wam­per­te Selbst­be­wusst­sein der CSU wie zu Strauß-Zei­ten ist weg. Der See­ho­fer meint, die Ener­gie­wen­de ge­lingt, in­dem man sich mög­lichst schnell dreht. Mit ei­ner ge­stan­de­nen Po­li­tik hat das we­nig zu tun.

Lang­wei­lig für ei­nen wie Sie, wenn die gro­ßen Rei­bungs­flä­chen ver­schwin­den? Well: Na ja, die baye­ri­sche Po­li­tik ist nach wie vor ein Jung­brun­nen, Do­brinth, Scheu­er, Sö­der, Ai­g­ner ha­ben ein ho­hes Ko­mik­po­ten­zi­al. Und der Haupt­teil un­se­res Pro­gramms be­schäf­tigt sich eh mit ge­sell­schaft­li­chen Phä­no­me­nen: Wie zum Bei­spiel Müt­ter am Spiel­feld­rand re­agie­ren, wenn ih­re Lieblinge ver­lie­ren. Lus­tig Ab­sur­des darf nicht zu kurz kom­men, ich lach’ ja sel­ber auch gern.

Auch wenn es nun schon ein paar Ta­ge her ist: Kön­nen Sie noch ein­mal er­kläWo­bei ren, war­um sich die be­rühm­te Bier­mösl Blosn auf­ge­löst hat? Well: Puh! Ich glaub, wir ha­ben uns ab­ge­nützt. Und die Lust, mit mir wei­ter­zu­ma­chen, war bei mei­nen Brü­dern nicht mehr da. Ich woll­te halt al­te Tex­te nicht ewig wei­ter sin­gen, auch wenn sie von mir wa­ren. Jetzt spie­len sie mit ei­nem an­de­ren Bru­der wei­ter, was be­stimmt auch gut ist. Als Tex­ter der Bier­mösln ha­be ich die Grup­pe in­halt­lich stark ge­prägt, wie jetzt bei den Well­bappn auch . . .

Stopp! Darf ich da kurz ver­bal rein­grät­schen? Well: Wenn es nicht weh tut.

Auf Ih­rer In­ter­net­sei­te steht: Die Kin­der las­sen den Va­ter „gnä­di­ger­wei­se“noch mit­spie­len . . . Well: Das ent­spricht voll der Wahr­heit. Aber weil die Well­bappn halt ei­nen Tex­ter brau­chen, las­sen sie mich al­ten Krau­te­rer mit­spie­len.

Für al­le Nicht­bay­ern: Was ist ei­ne Bappn? Well: Im Du­den wür­de man das als lo­ses Mund­werk über­set­zen. Das bay­ri­sche Syn­onym wä­re „gfotz­ad“.

In ei­ner Kri­tik der „Augs­bur­ger All­ge­mei­nen“stand zu le­sen, die Well­bappn wür­den „Wind ins al­te Se­gel bla­sen“. Wie könn­te man das in­ter­pre­tie­ren? Well: Klingt so, als wä­re ich das al­te Se­gel, und es geht vor­wärts. Die­se Kri­tik war üb­ri­gens die Initi­al­zün­dung, dass ich mit den Kin­dern wei­ter­ge­spielt ha­be. Ich woll­te erst gar nicht so rich­tig. Nach dem Abend im An­na­pam in Augs­burg und der Kri­tik in Ih­rer Zei­tung war das ent­schie­den. Jetzt füh­le ich mich auf der Büh­ne wie­der so wie in den ers­ten 20 Jah­ren mit mei­nen Brü­dern. Ha­ben Sie ei­gent­lich noch Kon­takt zu Ih­ren Brü­dern? Well: Kaum mehr. Wir ha­ben uns schon vor­her aus­ein­an­der­ge­lebt, was dann zum Plat­zen der Blosn ge­führt hat. Am An­fang war’s für mich hart, ich woll­te ja mit den Brü­dern wei­ter­ma­chen. Durch das Spie­len mit den Well­bappn hat sich das ge­legt.

Herr Well, kom­pri­mie­ren Sie Ih­re Mei­nung zum The­ma Flücht­lin­ge bit­te in drei Sät­ze? Well: Die meis­ten Po­li­ti­ker du­cken sich weg und über­las­sen Frei­wil­li­gen die Ar­beit! Vie­le Po­li­ti­ker, auch mit dem C im Na­men, ver­su­chen Ka­pi­tal für die Wah­len raus­zu­schla­gen. Auf der an­de­ren Sei­te be­wei­sen gro­ße Tei­le der Be­völ­ke­rung, dass sie nicht die fal­sche Re­li­gi­on ha­ben.

Und was sa­gen Sie de­nen, die Angst ha­ben und for­dern, dass Zäu­ne um Deutsch­land er­rich­tet wer­den müs­sen? Well: Die sol­len sich mal über­le­gen, was sie tun wür­den, wenn sie in ei­ner Kriegs­si­tua­ti­on wä­ren. Die Hei­mat ver­lässt kei­ner oh­ne Wei­te­res.

Noch kurz zum pri­va­ten Well Hans. Was macht der, wenn er ge­ra­de mal nicht Tex­te schreibt? Well: (er lacht). Der fährt ger­ne mit dem Radl um den Am­mer­see rum. Er ratscht, isst und lacht gern und bringt sich in der Dorf­ent­wick­lung bei uns ein. Au­ßer­dem hab ich ei­nen klei­nen Wald.

Ei­nen Wald! Wie groß ist der denn? Well: So um die 8000 Qua­drat­me­ter. Und da hab ich be­stimmt schon über 1000 Bäum­erl nach­ge­pflanzt. Ich hab ei­nen klei­nen Bull­dog, ei­nen Fendt GT. Mit dem schnack­le ich durch die Ge­gend, das macht mir gro­ßen Spaß. Interview: Jo­sef Karg

Ge­bo­ren

am 1. Mai 1953 in Wilprechts­zell.

Kar­rie­re Nach­dem sich die le­gen­dä­re Bier­mösl Blosn im Ja­nu­ar 2012 nach 35 Jah­ren auf­lös­te, trat Hans Well in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu­sam­men mit sei­nen Kin­dern Sa­rah, 24, Ta­bea, 22, und Jo­nas, 19, in neu­er For­ma­ti­on als Hans Well & Well­bappn das Er­be der Bier­mösl an. Weil Jo­nas Well in­zwi­schen auf Welt­rei­se ist, ver­tritt ihn bis Au­gust 2016 Se­bas­ti­an Gröl­ler, ein Trom­pe­ten­vir­tuo­se aus Arn­bruck im Baye­ri­schen Wald.

Al­ben Die ers­te CD der Well­bappn mit dem Ti­tel „un­ter­bay­ern­über­bay­ern“er­schien im April 2013. Das jüngs­te Al­bum heißt schlicht „schnel­ler“. (jok)

Hans Well

Foto: Da­ni­el Kar­mann, dpa

Jahr­zehn­te­lang hat Hans Well als po­li­ti­scher Qu­er­kopf die Tex­te für die Bier­mösl Blosn ge­schrie­ben. Doch die Brü­der ha­ben sich aus­ein­an­der­ge­lebt. Heu­te tritt Hans Well mit sei­nen er­wach­se­nen Kin­dern auf.

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