Die St­un­de des ein­sa­men Ent­schei­ders

Hin­ter­grund Kla­re An­sa­gen ka­men bis­her im­mer von Horst See­ho­fer. Die De­bat­te um die drit­te Start­bahn aber hat die CSU-Frak­ti­on jetzt ins nächs­te Jahr ver­scho­ben. Was be­deu­tet das?

Schwabmuenchner Allgemeine - - Bayern - VON ULI BACHMEIER

München Für die ei­nen war es ein fast herz­zer­rei­ßen­der Mo­ment, für die an­de­ren ist es bis heu­te ein Alb­traum: Der Nach­mit­tag im De­zem­ber des Jah­res 2012, als der Sän­ger „Ha­ind­ling“sich in der Gast­stät­te „Ru­der­haus“in Deg­gen­dorf ans Kla­vier setz­te und für Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer zur Me­lo­die des Ever­greens „What a won­der­ful world“die Schön­heit der Do­nau be­sang. Das Er­geb­nis ist be­kannt: See­ho­fer ver­hin­der­te den Aus­bau des letz­ten frei flie­ßen­den Ab­schnitts der Do­nau mit Stau­stu­fen. Na­turund Um­welt­schüt­zer froh­lock­ten. Für vie­le CSU-Po­li­ti­ker, die Jahr­zehn­te für den Aus­bau der Schiff­fahrts­stra­ße ge­kämpft hat­ten, aber brach ei­ne Welt zu­sam­men. In ih­ren Au­gen hat­te die CSU als Par­tei, die seit An­be­ginn für Wirt­schaft und Wachs­tum in Bay­ern strei­tet, kläg­lich ver­sagt.

Dass es da­mals kei­nen er­kenn­ba­ren Wi­der­stand ge­gen den Par­tei­chef gab, hat­te ei­nen ein­fa­chen Grund: Die Land­tags­wahl stand kurz be­vor. Ein of­fe­ner Streit mit dem Par­tei­chef hät­te mög­li­cher­wei­se je­de Chan­ce, die ab­so­lu­te Mehr­heit in Bay­ern zu­rück­zu­er­obern, zu­nich­te ge­macht. Die ge­ball­te Faust blieb in der Ta­sche. Die „al­te CSU“duck­te sich weg.

Im Streit um die drit­te Start- und Lan­de­bahn am Flug­ha­fen München mel­det sie sich jetzt zu­rück. Aus Sicht der Wirt­schafts­po­li­ti­ker um den frü­he­ren CSU-Chef Er­win Hu­ber geht es im Er­din­ger Moos ans Ein­ge­mach­te. Der Flug­ha­fen­aus­bau ist aus ih­rer Sicht das Schlüs­sel­pro­jekt zur Si­che­rung des Wohl­stands in Bay­ern. Wenn übe­r­all in der Welt der Flug­ver­kehr zu­nimmt, so lau­tet ihr Cre­do, dann ge­rät ein Land, das da nicht mit­macht, über kurz oder lang ins Hin­ter­tref­fen.

See­ho­fer aber, der in sei­ner Selbst­wahr­neh­mung die „neue CSU“ver­kör­pert, mag dar­an nicht glau­ben. Er ist der Über­zeu­gung, dass er die Wahl 2013 nur hat­te ge­win­nen kön­nen, weil er in ei­ner „Ko­ali­ti­on mit dem Volk“re­giert. Das Volk woll­te die Be­to­nie­rung der Do­nau mehr­heit­lich nicht, nur da­mit die Schiff­bar­keit für ru­mä­ni­sche Frach­ter für ein paar Wo­chen mehr im Jahr si­cher­ge­stellt ist. Und of­fen­bar ist auch ei­ne Mehr­heit der Be- nicht da­von über­zeugt, dass ei­ne Flä­che, die fast so groß ist wie der Te­gern­see, be­to­niert wer­den muss, nur da­mit in den Stoß­zei­ten ein paar Flie­ger mehr in München lan­den kön­nen.

Zu­min­dest die Münch­ner ha­ben das in ei­nem Bür­ger­ent­scheid schon mal klar­ge­macht. In ei­ner Stadt, in der die größ­te Not die Woh­nungs­not ist, lässt sich mit der Aus­sicht auf zu­sätz­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum kein Blu­men­topf ge­win­nen, selbst wenn der Flug­lärm hier gar nicht zu hö­ren ist. Und in den Land­krei­sen rund um den Flug­ha­fen zieht das Ar­gu­ment, dass mit der drit­ten Start­bahn Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen wür­den, auch nicht wirk­lich. Es sei­en ja, so sa­gen vie­le Bür­ger­meis­ter dort, kei­ne Groß­ver­die- ner, die da kom­men, son­dern in der Mehr­heit Hilfs­ar­bei­ter und Kof­fer­trä­ger, Ser­vice- und Rei­ni­gungs­kräf­te, die ei­ner Ge­mein­de mehr kos­ten als sie ihr brin­gen.

Den CSU-Wirt­schafts­po­li­ti­kern ist die­se Satt­heit in und um München ein Graus. Schon ei­ne In­ter­kon­ti­nen­tal­ver­bin­dung mehr, so sa­gen sie, wir­ke sich öko­no­misch aus wie ein zu­sätz­li­ches mit­tel­stän­di­sches Un­ter­neh­men. Dar­auf und auf die vie­len wei­te­ren Stand­ort­vor­tei­le durch die drit­te Start­bahn kön­ne Bay­ern zwar viel­leicht im Mo­ment, aber eben nicht auf Dau­er ver­zich­ten. Mag auch die Zahl der Flug­be­we­gun­gen zur Zeit deut­lich hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück­blei­ben – ir­gend­wann, so rau­nen sie, könn­te es zu spät sein. Es ist ein Glau­bens­völ­ke­rung krieg, der aus Sicht der Kon­tra­hen­ten den „Mar­ken­kern“der CSU be­trifft. „Man muss dem Volk aufs Maul schau­en, ihm aber nicht nach dem Mund re­den.“Die­ser Satz von Franz Jo­sef Strauß wird von sei­nen Kri­ti­kern ge­gen den „Po­pu­lis­ten“See­ho­fer ger­ne ins Feld ge­führt.

Sie spü­ren, an­ders als 2012 bei der Ent­schei­dung über die Do­nau, neue Kräf­te. Es ste­he ak­tu­ell kei­ne Wahl ins Haus. Wenn jetzt schnell ge­baut wür­de, wä­re der Är­ger mit den Start­bahn­geg­nern im Wahl­jahr 2018 Schnee von ges­tern. Au­ßer­dem sei See­ho­fer kein Hoff­nungs­trä­ger mehr. Er hat sei­nen Ab­schied aus der Po­li­tik für das Jahr 2018 an­ge­kün­digt. Des­halb müs­se sich ihm die Par­tei auch nicht mehr un­ter­wer­fen. Das sind of­fen­kun­dig die Über­le­gun­gen. Das er­mu­tig­te 66 Land­tags­ab­ge­ord­ne­te, mit ih­rer Un­ter­schrift auf ei­nem An­trag an die CSU-Frak­ti­on den Wil­len zum Bau der Start­bahn zu do­ku­men­tie­ren.

Ob der Mut reicht, See­ho­fer in ei­ner Frak­ti­ons­sit­zung of­fen zu wi­der­spre­chen oder gar ge­gen sei­nen Vor­schlag zu stim­men, ist frei­lich noch längst nicht klar. „Die Zeit der ein­sa­men An­sa­gen ist vor­bei“, hat­te Er­win Hu­ber be­reits ver­gan­ge­nes Jahr in ei­nem Interview fest­ge­stellt. Die An­sa­gen in der CSU aber ka­men wei­ter­hin von See­ho­fer.

Er setz­te zur Start­bahn­fra­ge ei­nen „Dia­log­pro­zess“in Gang, der vie­le an den Dia­log auf dem Aus­flugs­schiff „Kris­tall­kö­ni­gin“er­in­nert, das da­mals in Deg­gen­dorf an­leg­te, wo „Ha­ind­ling“das Herz des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten rühr­te. See­ho­fer aber traf kei­ne emo­tio­na­le, son­dern ei­ne sach­li­che Ent­schei­dung nach dem Mot­to: Nicht ge­gen die Mehr­heit.

Tho­mas Kreu­zer, der Chef der CSU im Land­tag, hat den Streit nun erst ein­mal ent­schärft, in­dem er die Start­bahn-De­bat­te in der Frak­ti­on auf „Fe­bru­ar oder März“ver­leg­te. See­ho­fer hat wohl oder übel nach­ge­ben müs­sen. Aber noch ist er der Chef. Au­ßer­dem hat er ein wei­te­res Ar­gu­ment auf sei­ner Sei­te. Die Start­bahn­be­für­wor­ter ha­ben of­fen­bar noch kei­ne Ah­nung, wie sie den Bau der Bahn ge­gen den er­klär­ten Wil­len der Stadt München durch­set­zen wol­len, die An­teils­eig­ner des Flug­ha­fens ist. Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Rei­ter (SPD) und sein Vi­ze Jo­sef Schmid (CSU) ste­hen im Wort, den Bür­ger­ent­scheid zu ach­ten.

Für die Be­ton­frak­ti­on in der CSU sieht es al­so eher nach ei­nem neu­en Alb­traum aus. Sie kann ver­mut­lich bes­ten­falls ver­hin­dern, dass das Pro­jekt auf Dau­er be­er­digt wird.

Die ge­ball­te Faust blieb da­mals in der Ta­sche

Foto: Chris­tof Stache, afp

Wie viel Macht hat Horst See­ho­fer noch? Und wie viel Macht hat die CSU-Frak­ti­on? Die Start­bahn-De­bat­te je­den­falls ist erst ein­mal ent­schärft.

Foto: dpa

Bay­ern hat ei­nen IS-Sym­pa­thi­san­ten prä­ven­tiv ab­ge­scho­ben.

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