Kli­ma­wan­del: Die Uhr tickt und al­le schau­en zu

Der Gip­fel in Pa­ris ist mög­li­cher­wei­se die letz­te Chan­ce, die Er­der­wär­mung zu­min­dest zu be­gren­zen. Schon bald wer­den gro­ße Tei­le der Welt sonst un­be­wohn­bar sein

Schwabmuenchner Allgemeine - - Meinung & Dialog - VON MAR­TIN FERBER fer@augs­bur­ger-all­ge­me­nie.de

Das Kli­ma schreibt Ge­schich­te. Es be­ein­flusst den Auf­stieg, die Blü­te und den Nie­der­gang gro­ßer Kul­tu­ren. In an­ge­neh­men Zei­ten sorgt es für Wachs­tum und Wohl­stand, Sta­bi­li­tät und Si­cher­heit. Doch we­he, wenn es aus dem Gleich­ge­wicht ge­rät. Dann sind Ka­ta­stro­phen, Kon­flik­te und Krie­ge die Fol­gen.

In den Ge­schichts­bü­chern ist noch im­mer viel zu viel von den ruhm­rei­chen Ta­ten der Gro­ßen und Mäch­ti­gen die Re­de. Erst in jüngs­ter Zeit rück­te der en­ge Zu­sam­men­hang zwi­schen his­to­ri­schen Ab­läu­fen und dem Kli­ma in den Mit­tel­punkt – un­ter an­de­rem durch die Aus­wer­tung von Tem­pe­ra­tur­da­ten und Wet­ter­auf­zeich­nun­gen.

Die Er­geb­nis­se sind ein­deu­tig: Zu al­len Zei­ten und auf al­len Kon­ti­nen­ten be­schleu­nig­te das Kli­ma po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen. Dra­ma­ti­sche Kli­ma­ver­än­de­run­gen sorg­ten un­ter an­de­rem für den Un­ter­gang der Rö­mer, der Ma­ya und der In­ka. Die so­ge­nann­te klei­ne Eis­zeit am En­de des Mit­tel­al­ters hat­te Hun­gers­nö­te wie die Pest mit Mil­lio­nen To­ten in ganz Eu­ro­pa zur Fol­ge. Die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on 1789 wur­de durch Miss­ern­ten nach ei­ner Rei­he von Re­gen­som­mern aus­ge­löst.

Wenn heu­te in Pa­ris die Welt­kli­ma­kon­fe­renz be­ginnt, auf der sich die in­ter­na­tio­na­le Staa­ten­ge­mein­schaft auf ver­bind­li­che Zie­le zur Be­gren­zung des CO2-Aus­sto­ßes ei­ni­gen will, um den men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del in den Griff zu be­kom­men, soll­te der Blick in die Ge­schichts­bü­cher War­nung und Auf­trag zu­gleich sein. Das Zeit­fens­ter ist nicht mehr lan­ge of­fen.

Än­dern sich die äu­ße­ren Be­din­gun­gen, kom­men staat­li­ches Han­deln und po­li­ti­sche Pro­zes­se schnell an ihr En­de. Der bri­ti­sche Thron­fol­ger Prinz Charles hat erst vor we­ni­gen Ta­gen dar­auf auf­merk­sam ge­macht, dass für den Bür­ger­krieg in Sy­ri­en ei­ne lang an­hal­ten­de Dür­re mit­ver­ant­wort­lich ist, die seit fünf, sechs Jah­ren in der Re­gi­on herrscht. Die Tro­cken­heit ha­be da­zu ge­führt, dass vie­le Men­schen die länd­li­chen Ge­bie­te ver­lie­ßen und in die Städ­te ström­ten, die be­reits mit Flücht­lin­gen aus dem Irak über­füllt ge­we­sen sei­en – ei­ne ex­plo­si­ve Mi­schung. Und auch die ge­wal­ti­gen Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen in Afri­ka sind Fol­ge jah­re­lan­ger Hit­ze, Dür­re und Tro­cken­heit. Der Flücht­lings­strom aus Sy­ri­en, der schon jetzt die Re­gie­run­gen in Eu­ro­pa über­for­dert, dürf­te aber nur ein harm­lo­ses Vor­spiel für das sein, was noch kom­men könn­te: Hält die Er­der­wär­mung un­ver­min­dert an, wer­den noch in die­sem Jahr­hun­dert gan­ze Land­stri­che im Na­hen Os­ten und in Afri­ka un­be­wohn­bar, un­ter an­de­rem die ge­sam­te Golf­re­gi­on. Da­mit nicht ge­nug: Ei­ne Kli­ma­er­wär­mung um zwei Grad Cel­si­us, die in Pa­ris als Ober­gren­ze be­schlos­sen wer­den soll, wür­de den Mee­res­spie­gel, der schon heu­te 20 Zen­ti­me­ter hö­her ist als zu Be­ginn des Jahr­hun­derts, so stark an­stei­gen las­sen, dass 130 Mil­lio­nen Men­schen in Küs­ten­re­gio­nen ih­re Hei­mat ver­lie­ren. Al­lein in Deutsch­land wä­ren rund 1,3 Mil­lio­nen Men­schen be­trof­fen!

Es ist ei­ne pa­ra­do­xe Si­tua­ti­on: Der Mensch, die Krone der Schöp­fung, weiß ganz ge­nau, wie ernst die La­ge ist und was ge­tan wer­den muss, um den Kli­ma­wan­del zu ver­lang­sa­men. Doch er ist auch ein Meis­ter im Weg­se­hen und Ver­drän­gen, weil er dem kurz­fris­ti­gen Vor­teil den Vor­zug vor der lang­fris­ti­gen Um­steue­rung gibt.

Die Uhr tickt. Pa­ris ist mög­li­cher­wei­se die letz­te Chan­ce, das Schlimms­te zu ver­hin­dern, auch wenn es mit Ein­schrän­kun­gen und Be­las­tun­gen ver­bun­den ist. Es wä­re nicht der ers­te Kli­ma­wan­del in der Ge­schich­te, der ei­ne eben noch blü­hen­de Kul­tur und wohl­ha­ben­de Ge­sell­schaft aus­ge­löscht hät­te. Nur mit dem Un­ter­schied, dass er die­ses Mal vom Men­schen sel­ber ver­ur­sacht wur­de.

Kli­ma­wech­sel ha­ben Kul­tu­ren un­ter­ge­hen las­sen

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