Hin­der­nis­fahrt zur Kli­ma­ret­tung

Pro­test De­mons­tran­ten brem­sen die Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin auf dem Weg zum Welt­kli­ma­gip­fel. In Pa­ris geht es um viel. Ei­ne Stu­die zeigt, wie ge­fähr­lich die Er­der­wär­mung für die Deut­schen ist

Schwabmuenchner Allgemeine - - Politik -

Frankfurt/Pa­ris In Ber­lin macht Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks noch Scher­ze am Mi­kro­fon des Son­der­zugs. „Sänk juu vor trä­vel­ling wiz Deut­sche Bahn“, imi­tiert die SPD-Po­li­ti­ke­rin das in­zwi­schen zum Kult ge­wor­de­ne „BahnEng­lisch“. Die meis­ten Po­li­ti­ker, Um­welt­ak­ti­vis­ten und Jour­na­lis­ten, die Hend­ricks auf ih­rer be­tont um­welt­freund­li­chen An­rei­se zum UNKli­ma­gip­fel in Pa­ris im ge­char­ter­ten ICE-Zug be­glei­ten, fin­den das lus­tig. Die Stim­mung im Zug ist gut – zu­min­dest bis zum Halt in Frankfurt am Main.

Wie aus dem Nichts tau­chen auf ei­ner War­tungs­brü­cke un­ter dem Bahn­hofs­dach plötz­lich drei jun­ge Men­schen in Ano­raks auf. An neon­gel­ben Sei­len las­sen sie sich her­ab – nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter von der Hoch­span­nungs­lei­tung ent­fernt, be­glei­tet vom lau­ten Ge­schrei des scho­ckier­ten Si­cher­heits­per­so­nals: „Passt auf die Lei­tun­gen auf, da ist Strom drauf!“Ei­ni­ge Schau­lus­ti­ge dre­hen sich scho­ckiert weg: Sie wol­len nicht mit an­se­hen, wie je­mand durch ei­nen Strom­schlag stirbt.

Doch da­zu kommt es nicht. Die Ak­ti­vis­ten set­zen sich auf das Zug­dach. Die jun­gen Pro­tes­tie­rer auf dem Dach des ICE sa­gen, in Pa­ris ver­sam­mel­ten sich kei­ne Kli­ma­ret­ter, son­dern die „Ver­ur­sa­cher“des Kli­ma­wan­dels. Nach­dem die Po­li­zei die De­mons­tran­ten vom Zug­dach holt, kann der deut­sche „Train to Pa­ris“mit zwei­ein­halb­stün­di­ger Ver­spä­tung los­fah­ren und kommt ent­spre­chend spät am Sams­tag­abend in Pa­ris an. Hier wol­len Po­li­ti­ker, Spit­zen­be­am­te und Ex­per­ten aus al­ler Welt von heu­te an zwei Wo­chen lang rin­gen, wie die Er­der­wär­mung ver­lang­samt wer­den kann.

Um­welt­mi­nis­te­rin Hend­ricks weiß, dass der Kli­ma­wan­del auch Deutsch­land mas­siv tref­fen wird. Ei­ne Stu­die, die ihr Haus beim Um­welt­bun­des­amt und dem Deut­schen Wet­ter­dienst in Auf­trag ge­ge­ben hat, zeigt, wie ver­letz­lich die Bun­des­re­pu­blik nicht nur an der Küs­te ist. Nach den Er­war­tun­gen der Me­teo­ro­lo­gen wird es künf­tig mehr und län­ge­re Hit­ze­wel­len ge­ben, die sich auf die Ge­sund­heit der Men­schen aus­wir­ken wer­den – vor al­lem, wenn die Men­schen wie in Deutsch­land im­mer äl­ter wer­den. „Da ra­sen zwei Zü­ge auf­ein­an­der zu“, sagt Paul Becker, Vi­ze­prä­si­dent des Deut­schen Wet­ter­diens­tes – der Kli­ma­wan­del und der al­te­rungs­be­ding­te Be­völ­ke­rungs­wan­del.

„Da stößt ei­ne be­las­ten­de Si­tua­ti­on auf ei­ne Be­völ­ke­rung, die das nicht mehr so ab­kann“, sagt Becker. Der Me­teo­ro­lo­ge ver­weist auf den dies­jäh­ri­gen Tem­pe­ra­tur­re­kord von 40,3 Grad in Fran­ken seit Be­ginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen im Jahr 1881. „Das ist hoch­be­las­tend, und wenn Sie 40,3 Grad ein paar Ta­ge hin­ter­ein­an­der ha­ben, dann füh­len Sie sich nicht mehr wohl.“Dies sei ein Vor­ge­schmack des­sen, was Deutsch­land er­war­tet. Zu­dem könn­ten sich in der Na­tur ge­sund­heits­be­denk­li­che Schäd­lin­ge aus­brei­ten, to­xi­sche Blau­al­gen in Se­en, Schäd­lin­ge oder Über­trä­ger von Krank­heits­er­re­gern wie Mü­cken, Ze­cken oder Na­ger.

Auch re­gio­na­le Le­bens­räu­me in Deutsch­land sind be­droht – das Wat­ten­meer und das Öko­sys­tem der Al­pen samt künf­ti­ger Win­ter­sport­mög­lich­kei­ten. Und auch in vie­len Bal­lungs­ge­bie­ten wie München stei­gen schon heu­te die Durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­ren. Die­se Warm-Kli­maGe­bie­te wer­den grö­ßer wer­den. Wo be­son­ders vie­le Men­schen le­ben, wer­den Hit­ze­wel­len be­son­ders ge­fähr­lich. Die Ex­per­ten for­dern ne­ben

„Der Kli­ma­wan­del ist wie ein As­te­ro­iden-Ein­schlag in Su­per­zeit­lu­pe. Wir ver­drän­gen ihn we­gen sei­ner Lang­sam­keit.“Der Kli­ma­for­scher Hans Joa­chim Schelln­hu­ber

der all­ge­mei­nen Ab­sen­kung des Treib­haus­gas­aus­sto­ßes ganz kon­kre­te Maß­nah­men für Städ­te – et­wa hel­le­re Stra­ßen­be­lä­ge und mehr Grün­an­la­gen, um die dicht be­bau­ten Ge­bie­te küh­ler zu ma­chen.

Zu­gleich wer­den vor­aus­sicht­lich vor al­lem in Nord- und West­deutsch­land auch ex­tre­mer Re­gen und Über­flu­tun­gen zu­neh­men. Das Elb­hoch­was­ser 2013 ha­be das schmerz­lich spü­ren las­sen, so die Ex­per­ten. Und auch die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik könn­te sich ver­schär­fen, warnt der Kli­ma­for­scher Hans Joa­chim Schelln­hu­ber: „Wenn der Kli­ma­wan­del un­ge­bremst fort­schrei­tet und wir am En­de des Jahr­hun­derts ei­ne Welt­be­völ­ke­rung von elf Mil­li­ar­den Men­schen ha­ben, dann wird es mas­si­ve Flucht­be­we­gun­gen Rich­tung Eu­ro­pa ge­ben.“

Schelln­hu­ber warnt des­halb vor fa­ta­ler Gleich­gül­tig­keit: „Der Kli­ma­wan­del ist wie ein As­te­ro­idenEin­schlag in Su­per­zeit­lu­pe. Und des­halb ist er ei­ne rie­si­ge psy­cho­lo­gi­sche Her­aus­for­de­rung: Wir ver­drän­gen ihn we­gen sei­ner Lang­sam­keit.“

Foto: Frank Rum­pen­horst, dpa

De­mons­tran­ten ka­per­ten in ei­ner le­bens­ge­fähr­li­chen Ak­ti­on das Dach des Son­der­zugs, mit dem Um­welt­mi­nis­te­rin Hend­ricks zum Gip­fel fuhr.

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