Ju­den fürch­ten An­ti­se­mi­tis­mus durch Flücht­lin­ge

Ge­sell­schaft Die jü­di­schen Ge­mein­den in Deutsch­land re­agie­ren zwie­ge­spal­ten auf den Strom der Asyl­be­wer­ber. Sie wol­len hel­fen, war­nen aber, dass un­ter den Ein­wan­de­rern Ju­den­hass ver­brei­tet ist. Wie be­rech­tigt ist die Sor­ge?

Schwabmuenchner Allgemeine - - Politik -

Ber­lin Neu­jahrs­nacht 2015, ein U-Bahn­hof in Ber­lin. Ei­ne Grup­pe Män­ner singt an­ti­se­mi­ti­sche Lie­der und Pa­ro­len wie „Fuck Is­ra­el, Fuck Ju­den“. Ein jun­ger Is­rae­li filmt die Sze­ne mit sei­nem Han­dy, die Män­ner grei­fen ihn an. Die Tä­ter, so be­schrei­ben es Zeu­gen da­mals, wer­den als „ara­bisch aus­se­hend“be­schrie­ben. Es dürf­ten Fäl­le wie die­ser sein, die un­ter ei­ni­gen Ju­den in Deutsch­land die Sor­gen vor Flücht­lin­gen aus ara­bi­schen Län­dern wach­sen las­sen.

Vie­le Mit­glie­der der jü­di­schen Ge­mein­de stün­den Flücht­lin­gen mit zwie­späl­ti­gen Ge­füh­len ge­gen­über, sagt der Prä­si­dent des Zen­tral­rats der Ju­den, Jo­sef Schuster. „Ei­ner­seits ha­ben sie we­gen des ei­ge­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grunds gro­ßes Ver­ständ­nis für das Schick­sal der Men­schen.“Vie­le sei­en be­reit zu hel­fen. „An­de­rer­seits gibt es auch die Sor­ge, dass hier in gro­ßer Zahl Men­schen zu uns kom­men, die in ei­ner is­ra­el- und ju­den­feind­li­chen Um­ge­bung auf­ge­wach­sen sind und wo­mög­lich ei­nen tief sit­zen­den An­ti­se­mi­tis­mus mit­brin­gen.“

Ähn­li­che Be­fürch­tun­gen hört man in Ber­lin. Oder in Stuttgart. Es sei ei­ne Grund­hal­tung der jü­di­schen Re­li­gi­on, Be­dräng­ten und Be­droh­ten zu hel­fen, sagt die Vor­stands­spre­che­rin der Is­rae­li­ti­schen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft Würt­tem­berg, Bar­ba­ra Traub. Aber es kä­men auch Ängs­te auf. Die Si­cher­heits­vor­keh­run­gen im Ge­mein­de­zen­trum sei­en er­höht wor­den. Ist die Sor­ge be­grün­det? Nach An­sicht der An­ti­se­mi­tis­mus­for­sche­rin Stefanie Schü­ler-Sprin­g­o­rum ist noch we­nig über Ein­stel­lun­gen der Flücht­lin­ge be­kannt, die nach Deutsch­land kom­men. „Sie sind ja ge­ra­de da­bei, erst mal re­gis­triert zu wer­den“, sagt die Di­rek­to­rin des Zen­trums für An­ti­se­mi­tis­mus­for­schung der TU Ber­lin. Sie hält die Be­den­ken für be­rech­tigt – warnt aber da­vor, sich vor­schnell ein Ur­teil zu bil­den.

„Die Sor­gen stam­men da­her, dass man da­von aus­geht, dass die Men­schen aus Staa­ten kom­men, die seit Jah­ren im Krieg mit Is­ra­el lie­gen und in de­nen ju­den­feind­li­che Pro­pa­gan­da ver­brei­tet wird“, sagt sie. Das gel­te vor al­lem für Sy­ri­en, Irak, Pa­kis­tan und Af­gha­nis­tan. „Gleich­wohl müs­sen wir aber auch da­von aus­ge­hen, dass nicht je­de Pro­pa­gan­da, die vom Staa­te kommt, eins zu eins über­nom­men wird. Das ha­ben wir auch in der DDR nicht erlebt.“

Auch der Zen­tral­rat der Ju­den be­stä­tigt, kon­kre­te Vor­fäl­le im Zu­sam­men­hang mit der Flücht­lings­kri­se sei­en nicht be­kannt. Wahr­schein­lich zeigt die De­bat­te, wie auf­ge­la­den die Stim­mung mo­men­tan ist. Da­bei geht es auch um die Fra­ge, wie Flücht­lin­ge zu Ho­mo­se­die xua­li­tät und zu Frau­en ste­hen. Und dar­um, wie vie­le Flücht­lin­ge Deutsch­land noch auf­neh­men kann.

Zen­tral­rats­prä­si­dent Schuster ern­te­te ver­gan­ge­ne Wo­che hef­ti­ge Kri­tik, als er Ober­gren­zen für Flücht­lin­ge for­der­te. Wer asyl­be­rech­tigt sei, müs­se auch Asyl er­hal­ten. Da­zu ge­hör­ten aber zwei Aspek­te: „Wir müs­sen die Flücht­lin­ge auch men­schen­wür­dig ver­sor­gen kön­nen und müs­sen in der La­ge sein, sie er­folg­reich in un­se­re Ge­sell­schaft zu in­te­grie­ren.“Da­her wer­de Deutsch­land um ei­ne Be­gren­zung oder Kon­tin­gen­tie­rung auf Dau­er nicht her­um­kom­men.

In den jü­di­schen Ge­mein­den gibt es Stim­men, die sol­che Gren­zen ab­leh­nen. Nach An­sicht des Vor­sit­zen­den der Jü­di­schen Lan­des­ge­mein­de Thü­rin­gen, Rein­hard Schramm, un­ter­gra­ben sie das Asyl­recht. „Nicht zu­letzt nach dem furcht­ba­ren Schick­sal des jü­di­schen Vol­kes wur­de das Asyl­recht zur le­bens­ret­ten­den Er­run­gen­schaft. Der da­für ge­zahl­te Preis er­for­dert die en­ga­gier­te Ver­tei­di­gung die­ses

Ex­per­ten war­nen vor ei­ner ganz an­de­ren Ge­fahr

Men­schen­rech­tes.“Auch Schuster be­ton­te, der Zen­tral­rat ha­be sich von Be­ginn an für ei­ne Auf­nah­me der Flücht­lin­ge aus­ge­spro­chen. „Uns ist es aber sehr wich­tig, dass die Flücht­lin­ge in un­ser Wer­te­sys­tem in­te­griert wer­den. Die Ab­leh­nung des An­ti­se­mi­tis­mus ge­hört da­zu.“

Für For­sche­rin Schü­ler-Sprin­g­o­rum vom Zen­trum für An­ti­se­mi­tis­mus­for­schung gibt es noch ei­ne ganz an­de­re Ge­fahr: „Man darf auch nicht igno­rie­ren, dass sich die frem­den­feind­li­che Pro­pa­gan­da, die sich der­zeit ge­gen Mus­li­me und Flücht­lin­ge rich­tet, auch ge­gen an­de­re Min­der­hei­ten rich­ten kann. Al­so auch ge­gen Ju­den.“Und ein Blick in die Po­li­zei­sta­tis­tik zei­ge: „95 Pro­zent der an­ti­se­mi­ti­schen Straf­ta­ten wer­den im­mer noch von deut­schen Rechts­ra­di­ka­len be­gan­gen.“

Foto: Ma­ja Hi­tij, dpa

De­mons­tra­ti­on ge­gen Ju­den­hass in Deutsch­land ver­gan­ge­nes Jahr: Zen­tral­rats­prä­si­dent Schuster ern­te­te ver­gan­ge­ne Wo­che hef­ti­ge Kri­tik, als er Ober­gren­zen für Flücht­lin­ge for­der­te.

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