Kampf um die Exis­tenz

Dra­ma Das Schick­sal der Heb­am­me Em­ma steht für die Pro­ble­me ih­rer Be­rufs­kol­le­gin­nen

Schwabmuenchner Allgemeine - - Fernsehen Aktuell Am Montag -

Fern­seh­fil­me sol­len un­ter­halt­sam sein – die meis­ten hier­zu­lan­de sind es. Ei­ni­ge sind obend­rein noch span­nend. Wenn dann noch ein ak­tu­el­les ge­sell­schaft­li­ches The­ma ge­schickt dar­in ver­packt wird, um­so bes­ser. In „Nacht der Angst“geht es um den schüt­zens­wer­ten Be­ruf der Heb­am­me und auch dar­um, dass vie­le Schwan­ge­re nicht im Kran­ken­haus ent­bin­den möch­ten.

Die er­fah­re­ne Heb­am­me Em­ma (Ni­na Kun­zen­dorf) steht vor Ge­richt. Ihr wird vor­ge­wor­fen, ih­re Fä­hig­kei­ten bei ei­ner Ge­burt über­schätzt zu ha­ben und so­mit für die Be­hin­de­rung ei­nes Kin­des ver­ant­wort­lich zu sein – weil sie sich über das Ver­bot von au­ßer­kli­ni­schen Zwil­lings­ge­bur­ten hin­weg­ge­setzt hat. Der Klä­ge­rin war die­ses Ver­bot durch­aus be­kannt: Se­sha (Frie­de­ri­ke Becht) hat­te be­reits ein Kind bei Em­ma im Ge­burts­haus ent­bun­den, und seit­dem sind die bei­den Frau­en be­freun­det.

Doch nun klagt Se­sha ge­gen Em­ma, oder ge­nau­er: Ihr Ehe­mann Pe­ter (Mar­cus Mit­ter­mei­er) und des­sen Mut­ter Do­ris (Eleo­no­re Weis­ger­ber) tun es, wäh­rend Se­sha die Aus­sa­ge ver­wei­gert. We­gen der ge­stie­ge­nen Haft­pflicht­ver­si­che­rung für frei ar­bei­ten­de Heb­am­men ist Em­ma nicht ver­si­chert und muss be­fürch­ten, dass ei­ne Ver­ur­tei­lung ih­re Exis­tenz ver­nich­ten wird.

Das ist der Hin­ter­grund des Films: Heb­am­men kämp­fen nicht nur um das Le­ben der Kin­der, son­dern auch um ihr ei­ge­nes. Freie Heb­am­men be­treu­en Schwan­ge­re Mo­na­te vor der Ge­burt und dür­fen auch Haus­ge­bur­ten durch­füh­ren – nur eben nicht bei Zwil­lin­gen. Bun­des­weit ar­bei­ten der­zeit rund 21 000 Heb­am­men, frei oder an ei­ner Kli­nik. Es gibt le­dig­lich ein hal­bes Dut­zend männ­li­che Kol­le­gen.

Das Ein­stiegs­ge­halt an ei­ner Kli­nik be­trägt 1300 bis 1900 Eu­ro brut­to, Frei­be­ruf­li­che wer­den nach Ge­burt be­zahlt. Die Haft­pflicht be­läuft sich der­zeit auf 6270 Eu­ro im Jahr – die Kos­ten sind na­tür­lich kaum zu de­cken. Im Ju­li 2016 läuft die Grup­pen­haft­pflicht­ver­si­che­rung des Deut­schen Heb­am­men­ver­bun­des aus. Es wird al­so bald kaum noch An­bie­ter ge­ben, bei de­nen sich Heb­am­men ver­si­chern kön­nen.

Ni­na Kun­zen­dorf, 44, war in fünf Fäl­len als Kom­mis­sa­rin Con­ny Mey im „Tat­ort“aus Frankfurt zu se­hen, ihr Film „Mei­ne Schwes­tern“lief kürz­lich bei Ar­te, ihr neu­er Zwei­tei­ler „Das Pro­gramm“kommt im Ja­nu­ar im Ers­ten. „Was mir im Vor­feld nicht be­wusst war: Ein Arzt darf ei­ne Ge­burt oh­ne Heb­am­me nicht durch­füh­ren, ei­ne Heb­am­me oh­ne Arzt aber sehr wohl“, sagt Kun­zen­dorf. „Al­lein schon dar­aus kann man er­se­hen, wie un­glaub­lich wich­tig die­ser Be­ruf ist, den es ja schon so lan­ge gibt.“

Vie­len Heb­am­men droht das be­ruf­li­che Aus. Man merkt Kun­zen­dorf an, wie wich­tig ihr die­se Rol­le ist, die sie sehr zu­rück­ge­nom­men und kon­zen­triert spielt – wo­bei den­noch klar wird, dass es in Em­ma bro­delt. Sie ver­steht ih­re Freun­din nicht mehr, und war­um man ihr so vie­le Ge­mein­hei­ten un­ter­stellt, wo sie doch nur ih­rem Be­ruf (sie hat schon 600 Ba­bys auf die Welt ge­hol­fen) nach­ge­hen woll­te.

Re­gis­seu­rin Ga­b­rie­la Zer­hau hat das klu­ge Dreh­buch ge­schrie­ben, und sie be­schreibt an­hand ei­ner ge­schickt mon­tier­ten Dra­ma­tur­gie mit vie­len Rück­blen­den ei­nen span­nen­den Ge­richts­pro­zess, der sich um ein eben­so emo­tio­na­les wie re­le­van­tes ge­sell­schaft­li­ches The­ma dreht. Ei­ne Do­ku im An­schluss des Films wä­re für den Zu­schau­er ganz hilf­reich ge­we­sen.

Foto: Har­dy Spitz/ZDF

Se­sha (Frie­de­ri­ke Becht) ist Zeu­gin im Pro­zess ge­gen ih­re Freun­din und Heb­am­me Em­ma. Doch die jun­ge Frau will nicht re­den.

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