Li­on Feucht­wan­ger – Er­folg (221)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wetter | Roman -

DUm die Begna­di­gung ih­res zu Un­recht ver­ur­teil­ten Freun­des zu er­rei­chen, setzt Jo­han­na al­le He­bel in Po­li­tik, Kir­che, Adel in Be­we­gung. Er­folg. Drei Jah­re Ge­schich­te ei­ner Pro­vinz. Ro­man ISBN 978-3-7466-5629-8, Bro­schur, 878 Sei­ten, € 14,99. Mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Auf­bau Ver­la­ges, Ber­lin ©

en lan­gen Weg hier­her in dem rat­tern­den Au­to hat­te sie sich ein­ge­häm­mert: nicht durch­ge­hen, sei­ne fünf Sin­ne zu­sam­men­hal­ten. Förtsch, um über die Pein­lich­keit weg­zu­kom­men, re­de­te viel­wor­tig. Brach­te ei­ni­ge an­ge­mes­se­ne, ge­tra­ge­ne Sät­ze vor, die er sich zu­recht­ge­legt hat­te. Wie­der­hol­te sie in an­dern Wen­dun­gen. Er­zähl­te, es sei ein reich­li­cher Nach­laß von Ge­schrie­be­nem vor­han­den; ei­ne aus­ge­dehn­te li­te­ra­ri­sche Hin­ter­las­sen­schaft, sag­te er. Dr. Gsell äu­ßer­te wie­der ei­ni­ges Theo­re­ti­sches über An­gi­na pec­to­ris. Jo­han­na schwieg be­harr­lich, schau­te dem, der je­weils sprach, grad­aus in die Au­gen. Schließ­lich, oh­ne die ge­rings­te Ant­wort, als wä­re von den vie­len Wor­ten, die die bei­den Her­ren ge­re­det hat­ten, kei­nes ge­we­sen, er­klär­te sie, es sei ihr Wunsch, daß die Lei­che so bald wie mög­lich aus der An­stalt her­aus­ge­bracht wer­de. Auch bat sie, den Brot­laib aus der Zel­le mit­neh­men zu dür­fen. Die bei­den Her­ren at­me­ten auf, als sie fort war.

Der Tod des Kunst­his­to­ri­kers Krü­ger mach­te über die Gren­zen hin­aus pein­li­ches Auf­se­hen. Es war nicht das ers­te­mal, daß ein Mann von Na­men in ei­nem deut­schen Ge­fäng­nis ge­stor­ben war un­ter Um­stän­den, die den Arzt der An­stalt in der öf­fent­li­chen Mei­nung be­las­te­ten. Die Li­ga für Men­schen­rech­te er­stat­te­te An­zei­ge ge­gen Dr. Gsell we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung, an­de­re Ver­ei­ni­gun­gen der Link­s­par­tei­en schlos­sen sich an. Die In­sas­sen von Odels­berg lehn­ten es ab, sich von die­sem Arzt wei­ter be­han­deln zu las­sen. Er sel­ber be­an­trag­te ein Ver­fah­ren ge­gen sich. Die Staats­an­walt­schaft, um das Ge­re­de rasch zu kap­pen, ord­ne­te so­gleich die Öff­nung der Lei­che an. Sie wur­de vor­ge­nom­men von dem zu­stän­di­gen Amts­arzt. Ihr Er­geb­nis war, daß der Tod des Straf­ge­fan­ge­nen Krü­ger auch von dem er­fah­rens­ten Arzt nicht hat­te vor­aus­ge­se­hen und nicht hat­te ver­hü­tet wer­den kön­nen. Der Staats­an­walt stell­te das Ver­fah­ren ein.

Die bay­ri­sche Re­gie­rung ließ sich das Ge­schrei we­nig küm­mern. Sie war An­wür­fe we­gen der Un­voll­kom­men­heit ih­res Jus­tiz­ap­pa­rats ge­wöhnt. Das Ab­kom­men mit der Ka­li­for­ni­schen Land­wirt­schafts­bank war pa­ra­phiert. Ak­ten­mä­ßig war al­les in Ord­nung. Der Jus­tiz­mi­nis­ter Hartl strahl­te. Bei­na­he wä­re er, in­fol­ge die­ser ame­ri­ka­ni­schen An­lei­he, ge­zwun­gen ge­we­sen, den von ihm selbst Ver­ur­teil­ten zu am­nes­tie­ren. Jetzt wur­de die­ses Ur­teil vom Him­mel, von der Vor­se­hung sel­ber ge­wis­ser­ma­ßen, be­stä­tigt.

Der Fin­ger Got­tes, dach­ten auch die Ge­schwo­re­nen des Volks­ge­richts, das da­mals den Spruch ge­fällt hat­te, der Gym­na­si­al­leh­rer Feicht­in­ger, der Hand­schuh­händ­ler Dir­mo­ser. Sie er­in­ner­ten sich, wie frech und un­ge­bär­dig der An­ge­klag­te Krü­ger vor sei­nen Rich­tern ge­we­sen war. Ein Herz­lei­den, über­leg­te der Brief­trä­ger Cor­te­si und stell­te Er­wä­gun­gen an, wie vie­le Brief­trä­ger in­fol­ge des Trep­pen­stei­gens ihr Herz­lei­den weg­hat­ten.

Jo­han­nas Ab­sicht, den To­ten ver­bren­nen zu las­sen, stieß auf Schwie­rig­kei­ten. Die kirch­li­chen Be­hör­den, sich be­ru­fend auf Bi­bel­stel­len, un­ter­stützt vom Staat, ver­lang­ten, daß man die To­ten be­er­di­ge, nicht ver­bren­ne. Man for­der­te von Jo­han­na ei­ne schrift­li­che Ver­fü­gung des To­ten oder zu­min­dest ei­ne ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung zwei­er Oh­ren­zeu­gen, daß Mar­tin Krü­ger die Verbrennung sei­ner Lei­che aus­drück­lich ge­wünscht ha­be. Kas­par Pröckl hat­te von dem To­ten nie ein Wort dar­über ge­hört, aber er stell­te Jo­han­na so­gleich die ge­wünsch­te Er­klä­rung aus. Wen noch konn­te Jo­han­na bit­ten? Sie rief kur­zer­hand Paul Hess­rei­ter an. Herrn Hess­rei­ter hat­te die Un­glücks­nach­richt in Be­dräng­nis ge­stürzt. Er war an der Sa­che Mar­tin Krü­ger be­tei­ligt ge­we­sen: daß sie so jäh und übel aus­ging, war ein Fehl­schlag für ihn per­sön­lich. Wie jetzt Jo­han­na sich an ihn wand­te, hob ihn das. Er hat­te den Mann nicht nä­her ge­kannt, ge­schwei­ge denn ein Wort von ihm ge­hört, wie er be­stat­tet zu wer­den wün­sche. Oh­ne zu zö­gern, un­ter­zeich­ne­te er die ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung.

Die Ver­ei­ne der Lin­ken for­der­ten auf, an der Be­stat­tung Krü­gers teil­zu­neh­men; vie­le Mu­se­en und Kunst­ge­sell­schaf­ten des Reichs und des Aus­lands mel­de­ten ih­re Be­tei­li­gung an. Die Münch­ner Ga­le­ri­en, Hoch­schu­len, of­fi­zi­el­len Ver­ei­ni­gun­gen blie­ben ab­seits. Der Po­li­zei­prä­si­dent ver­öf­fent­lich­te ei­ne Er­klä­rung, er wer­de nicht zu­las­sen, daß die Lei­chen­fei­er zu ei­ner De­mons­tra­ti­on aus­ar­te. Aus ei­ner Un­ter­re­dung der Ver­ant­wort­li­chen im Mi­nis­te­ri­um wur­de ein Wort kol­por­tiert: „Die To­ten sol­len das Maul hal­ten.“

Jo­han­na, be­glei­tet von Kas­par Pröckl und der Tan­te Amets­rie­der, fuhr zum Öst­li­chen Fried­hof. Die Stra­ßen wa­ren schwarz von Men­schen. Po­li­zei si­cher­te mit star­ken Kräf­ten die Lud­wigs­brü­cke, die Cor­ne­li­us­brü­cke, die Rei­chen­bach­brü­cke, al­le Zu­gangs­stra­ßen zum Fried­hof.

Jo­han­na stand in der Hal­le des Fried­hofs, schwarz ge­klei­det, das bräun­lich­wei­ße Ge­sicht starr, die Ober­lip­pe ein­ge­klemmt. Die Men­schen preß­ten sich in dem gro­ßen Raum. Jo­han­na sah Ge­sich­ter, Krän­ze, Ge­sich­ter, Krän­ze. Sie stand steif und höl­zern. Man hielt Re­den, leg­te Krän­ze nie­der. Jo­han­na sah die Men­schen, hör­te die Re­den. Stand im­mer gleich steif, un­be­wegt. Den Leu­ten, wenn sie in die­ses brei­te, star­re Ge­sicht sa­hen, wur­de es un­be­hag­lich.

Da lag er, vie­le Blu­men la­gen über ihm, die Blu­men­ver­käu­fer hat­ten gu­te Ge­schäf­te ge­macht. Vie­le be­rühm­te Leu­te hiel­ten Re­den, die wahr­schein­lich mit vie­ler Mü­he aus­ge­feilt wa­ren. Sie spra­chen viel von der Be­deu­tung des To­ten, von sei­nen Bü­chern, von sei­ner Leis­tung. Ein we­nig auch von sei­nem tra­gi­schen En­de. Nicht aber spra­chen sie von dem Un­recht, das an ihm ge­tan war; denn das war ver­bo­ten. „Die To­ten sol­len das Maul hal­ten“, hat­te ei­ner ver­fügt. Jo­han­na stand da, sie sah und sie hör­te, sie sah nicht und sie hör­te nicht. Die To­ten sol­len das Maul hal­ten. Das er­bit­ter­te sie. Das durf­te nicht sein, daß ei­ner so was ver­fü­gen konn­te. Das war ein Är­ger­nis, das muß ge­än­dert wer­den. Sie dach­te an­ge­strengt nach, wie man es än­dern könn­te. Wie ei­ner wohl in ei­nem Traum ei­ne Auf­ga­be hat, er kann sie nicht er­fül­len, aber er muß sie doch er­fül­len, und er ver­sucht tau­send Mit­tel, und dann das tau­send­un­der­s­te, so, wäh­rend man Re­den hielt und Krän­ze nie­der­leg­te, kur­bel­te Jo­han­na ihr Ge­hirn an, im­mer von neu­em, und quäl­te es ab, wie man er­wir­ken könn­te, daß die­ser To­te den Mund auf­macht.

Man re­de­te, leg­te Krän­ze nie­der, sang. Es wird gar nicht ein­fach sein, dach­te Jo­han­na, es wird ver­flucht hart sein, aber ich wer­de es schaf­fen. Krän­ze, Re­den. Ich wer­de es schaf­fen, be­schloß sie. Die­ser To­te wird den Mund nicht hal­ten. Das wird sie be­wei­sen, das wird sie den Her­ren Hartl und Flau­cher ins Ge­sicht hin­ein be­wei­sen.

Als der Sarg hin­aus­ge­tra­gen wur­de und die Ver­samm­lung aus­ein­an­der ging, ge­wahr­te Jo­han­na, daß auch Dr. Gsell und Mi­nis­te­ri­al­rat Förtsch da wa­ren.

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