Übe­r­all Frau­en – übe­r­all De­sas­ter

Hoff­manns Er­zäh­lun­gen Ein tra­gi­scher Opern­held rennt wie­der und wie­der ge­gen die­sel­be Wand. Aber am Thea­ter Augs­burg dau­ert es ein we­nig, bis der Alb­traum rich­tig drückt

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton - VON RÜ­DI­GER HEIN­ZE

Augs­burg Es wird ja auf den Büh­nen nicht we­nig ge­zecht. Trink­lie­der sind fast schon ein ei­ge­nes Gen­re in Oper und Ope­ret­te. Ve­ri­ta­ble Af­fen sau­fen sich Os­min, Frosch und Frank und auch Hoff­mann in „Hoff­manns Er­zäh­lun­gen“an. Letzt­ge­nann­te Opé­ra fan­tas­tique ist so­gar ein mons­trö­ser Son­der­fall zum The­ma Kampf­trin­ken: Man darf be­haup­ten, dass die Ak­te 2, 3 und 4 qua­si Aus­ge­burt des Hof­mann­schen De­li­ri­ums sind. Da er­zählt er bei Bier, Wein, Punsch drei Ka­ta­stro­phen der Lie­be und Ver­blen­dung – wo­bei kein Zu­hö­rer in Lu­thers Kel­ler Ge­wiss­heit dar­über er­hält, was gut er­fun­den, was bö­se erlebt. Hoff­manns Mu­se ent­steigt dem Wein­fass. Die Geis­ter, die er ruft, wird er nicht mehr los. Und der fünf­te Akt hängt gleich noch ei­ne wei­te­re Lie­bes-Nie­der­la­ge an – in­dem sich die von ihm an­ge­be­te­te Mo­zart­sän­ge­rin Stel­la nach ab­sol­vier­ter Don-Gio­van­ni-Auf­füh­rung von ihm ab­wen­det. Weil er halt wie­der ha­cke­zu ist. Ja, Hoff­mann ist ein Loo­ser, ei­ne ver­krach­te Exis­tenz; wo­mög­lich zei­tigt der Alk auch schon psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Wir­kung: Schreck­ge­stal­ten, Phan­tas­ma­go­ri­en all­über­all. Der ech­te E. T. A. Hoff­mann einst hat­te üb­ri­gens noch Lu­es . . .

Auf je­den Fall sind „Hoff­manns Er­zäh­lun­gen“, kom­po­niert von dem sonst so amü­sant-par­odis­ti­schen Jac­ques Of­fen­bach zu­tiefst ab­grün­dig und de­struk­tiv. Zum Thea­ter Augs­burg muss man jetzt Ge­duld mit­brin­gen, bis sich eben die­ses Ab­grün­di­ge und der Hor­ror und das Dä­mo­ni­sche ih­ren Weg auf die Büh­ne bah­nen. Man­ches treibt in­sze­na­to­risch in den ers­ten drei Ak­ten eher ge­launt statt ver­bind­lich da­hin, ob­wohl auch da schon die­se Oper kei­ne Ope­ret­te ist.

Ein­ge­räumt: Es gibt schö­ne Re­gie­ein­fäl­le, et­wa Stel­la als „fer­ne (Pla­kat-)Ge­lieb­te“, et­wa der Ko­lo­ra­tu­ren-Sing­au­to­mat Olympia auf dem Cat­walk als ein Frau­en­ma­schi­nen-Pro­to­typ un­ter meh­re­ren Frau­en­ma­schi­nen-Pro­to­ty­pen, auch die Jazz-Com­bo mit Frantz, Ni­k­lausse und An­to­nia. Aber ei­nen sar­kas­tisch-er­schre­cken­den Zug in Rich­tung De­sas­ter-Fi­na­le, wo Hoff­man (mu­si­ka­lisch ab­rupt) er­le­digt sein wird, hat das nicht. Die we­sent­li­che Di­men­si­on des Alb­traums kommt noch zu kurz. Auch weil Hoff­manns Ge­gen­spie­ler, sän­ge­risch zu­sam­men­ge­fasst in ei­ner Person, eher wie In­tri­gan­ten nur wir­ken, nicht wie Höl­len­fürs­ten. Auch, weil Re­gis­seur Jim Lu­cas­sen bei der Per­so­nen­re­gie doch häu­fig et­was steif, for­mel­haft, kreuz­brav ar­bei­te­te. Bis­wei­len wird mit hän­gen­den Ar­men ge­sun­gen.

Spät dann, ge­gen En­de des vier­ten Ak­tes kriegt der Abend Ent­set­zen: Vor der glück­se­lig-wie­gen­den Hin­ter­grund­mu­sik der Bar­ca­ro­le – Opern­hit­mu­sik gleich „Va, pen­sie­ro“aus Na­buc­co – er­dros­selt Hoff­mann Schle­mihl zärt­lich, be­vor er Pi­tichi­n­ac­cio er­schlägt. Ein To­ter mehr als in den üb­li­chen „Hoff­mann“-Fas­sun­gen bis zur Jahr­tau­send­wen­de. Die Ver­zweif­lungs­ta­ten und der zu­cker­sü­ße Klang der ve­ne­zia­ni­schen Le­be­ge­sell­schaft um das Biest Gi­uli­et­ta, das Hoff­mann die See­le ent­reißt, klaf­fen nacht­schwarz aus­ein­an­der.

Die­ser Hoff­mann ist bei Re­gis­seur Jim Lu­cas­sen we­ni­ger Dich­ter als Bil­den­der Künst­ler. Er ver­trau­er­ar­bei­tet sei­ne tra­gi­schen Lie­ben zu Olympia, An­to­nia, Gi­uli­et­ta in drei ab­stra­hie­ren­den Skulp­tu­ren – er­kenn­bar in ei­ner Schaf­fens­kri­se ste­ckend: Sei­ne ge­bas­tel­ten Wer­ke, die im Ver­lauf des Abends im Ein­heits­büh­nen­raum ei­nes Foy­ers ent­hüllt wer­den (Büh­ne: Marc Wee­ger), dürf­ten es schwer ha­ben, ei­ne Fach­ju­ry zu über­zeu­gen. Es fehlt noch an Form­fer­tig­keit. Und für sich selbst, be­zie­hungs­wei­se für sein Al­ter Ego „Klein­zach“, zim­mert Hoff­mann ei­ne Vo­gel­scheu­che. So ist er als Künst­ler und Cha­rak­ter her­un­ter­ge­kom­men.

Die­sen Hoff­mann singt Ji-Woon Kim mit an­spre­chen­dem Tim­bre, mit­un­ter et­was vor­sich­tig in der Hö­he, aber pro­fund und durch­schla­gend in der Tie­fe – ein Vor­teil der Auf­füh­rung, wie über­haupt die So­lis­ten­leis­tun­gen die Pro­duk­ti­on em­por­he­ben: Ein­mal mehr be­glückt Cath­rin Lan­ge, dies­mal als Zwit­scher­ma­schi­ne Olympia; Adréa­na Kra­schew­ski als wun­der­bar sich ver­strö­men­de An­to­nia soll­te man ei­gent­lich fest ver­pflich­ten; Sal­ly du Randt glänzt als be­rech­nen­de Gi­uli­et­ta; Chris­tia­ne Bé­lan­ger hört und sieht man um­ge­hend die fran­zö­si­sche Mut­ter­spra­che und ei­ne ge­wis­se müt­ter­li­che Ver­ant­wor­tung für Hoff­mann an. Des­sen Kon­tra­hen­ten (von Lin­dorf bis Da­per­tut­to) singt Young Kwon mit ge­wich­ti­gem Bass, nun müss­te noch das Per­fi­de ins Spiel kom­men. Sze­nen­ap­plaus für die ori­gi­nel­le E-Gi­tar­ren-Ein­la­ge von Frantz (Chris­to­pher Bu­si­et­ta).

Nicht un­pro­ble­ma­tisch zeigt sich die mu­si­ka­li­sche Ge­samt­an­la­ge des Abends. Die Ins­ze­nie­rung ver­langt ei­ni­ge „Kunst­pau­sen“, Lan­ce­lot Fuhry am Pult vor Phil­har­mo­ni­kern und Opern­chor setzt mit Fin­ger­spit­zen­ge­fühl auf aus­for­mu­lier­te De­tail­ar­beit – doch bei­des (plus viel­fa­cher Num­mer­n­ap­plaus) ma­chen die Auf­füh­rung mit­un­ter auch et­was be­hä­big. Wack­ler im Orches­ter und Chor ka­men hin­zu; an­de­res wie­der­um er­klang be­tö­rend schön (Horn­satz). Ein we­nig mehr Zu­sam­men­halt, ein we­nig mehr Flüs­sig­keit im sze­ni­schen und or­ches­tra­len Ablauf: der Ge­samt­ein­druck ist stei­ger­bar. Das Pu­bli­kum sei­ner­seits ließ un­ge­bro­che­ne Zu­stim­mung hö­ren.

Cath­rin Lan­ge als Zwit­scher­ma­schi­ne

Nächs­te Auf­füh­run­gen: 3., 6., 9., 12., 25. De­zem­ber

Foto: A. T. Schae­fer

Dass er von der am Thea­ter Augs­burg drei­fach auf­ge­spal­te­nen Gi­uli­et­ta (Sal­ly du Randt, Mit­te) sei­ne See­le ge­raubt be­kommt, ahnt Hoff­mann (Ji-Woon Kim) noch nicht, wenn er ihr sein Spie­gel­bild schenkt.

Foto: afp

Ein klei­ner Me­xi­ka­ner als John Len­non in Pa­ra­de­uni­form.

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