So zart, so stark

Die Gei­er­wal­ly Gregor Tu­rec˘eks kunst­fer­ti­ge Ins­ze­nie­rung auf der Brecht­büh­ne in Augs­burg

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton - VON BIRGIT MÜL­LER-BAR­DORFF Auf­füh­rung am 5. De­zem­ber

Augs­burg Idyl­lisch ist in die­sem Hei­mat-Sze­na­rio gar nichts, nicht die be­droh­li­che, kal­te Berg­welt, nicht das Zu­sam­men­le­ben in der dörf­li­chen Ge­mein­schaft. Da herrscht ein fes­tes Wer­te­sys­tem, aus dem kei­ner aus­sche­ren darf.

Ei­ne Frau, die mu­ti­ger ist als al­le Bur­schen, die sich nicht schert um Kon­ven­tio­nen, die nicht den hei­ra­tet, den ihr der Va­ter aus­sucht, die hat dort ei­nen schwe­ren Stand. Wil­hel­mi­ne von Hil­lern stellt das er­grei­fend in ih­rem Hei­mat­ro­man „Die Gei­er­wal­ly“nach ei­nem his­to­ri­schen Vor­bild dar. Zwar ist die Eman­zi­pa­ti­on der Frau vor­an­ge­schrit­ten und Kon­ven­tio­nen sind heu­te lo­cke­rer ge­schnürt als zum Er­schei­nen des Ro­mans 1873 – das Rin­gen um Selbst­be­stim­mung aber ist ein The­ma, das sich zu al­len Zei­ten stellt. Dass „Die Gei­er­wal­ly“nicht in der Ver­sen­kung ver­schwun­den, son­dern all die Jah­re im Film und auf der Büh­ne prä­sent ge­blie­ben ist, hat sie aber nicht nur die­sem uni­ver­sa­len The­ma zu ver­dan­ken. Die Ver­stri­ckung von Lie­be und Hass, die Kon­fron­ta­ti­on ei­ner Au­ßen­sei­te­rin mit der Ge­mein­schaft spie­len sich hier vor ei­ner Al­pen-Sze­ne­rie ab, die den Ge­fühls­stru­del zur Ur­ge­walt wer­den lässt.

All dies greift in Gregor Tu­rec˘eks Ins­ze­nie­rung der „Gei­er­wal­ly“für die Brecht­büh­ne in­ein­an­der – leicht, kunst­fer­tig, hu­mor­voll, un­ter­halt­sam und den­noch dra­ma­tisch. Denn der Re­gis­seur nimmt den Stoff und die Fi­gu­ren ernst, auch wenn er sich par­odie­ren­de und ko­mö­di­an­ti­sche Sei­ten­hie­be wie Schlager–Schmelz oder Groß­wild­tie­re auf Wal­lys Hut er­laubt. Kla­mau­kig wird es den­noch nie.

Der zeit­li­che und re­gio­na­le Hin­ter­grund des Dra­mas ist in der Ins­ze­nie­rung auf­ge­nom­men in den Ko­s­tü­men, die Tracht zi­tie­ren (Jo­han­na Hla­wi­ca) und im his­to­ri­schen Dia­lekt, der – zu­nächst un­ge­wöhn­lich, dann aber reiz­voll – als Kunst­spra­che ge­spro­chen wird. Die Berg­ku­lis­se des Ötz­tals ist auf der Brecht­büh­ne ei­nem glit­zernd fluo­res­zie­ren­den Fa­den-Vor­hang ge­wi­chen, der das Schim­mern von Glet­scher­eis und Fel­sen eben­so sym­bo­li­siert wie die En­ge und Ab­ge­schlos­sen­heit des Tals (Büh­nen­bild Maximilian Lind­ner). Je­der­zeit kann hier ei­ner zwi­schen den Glit­zer­fä­den auf­tau­chen, denn si­cher ist man sich vor den Bli­cken der Dorf­be­woh­ner nie­mals.

So ist al­so dem Au­ge ei­ni­ges ge­bo­ten, doch grell wirkt die Ins­ze­nie­rung nicht. Sie glänzt in der Zu­rück­nah­me und Ein­dring­lich­keit der Darstel­ler. Nichts Fu­ri­en­haf­tes gibt Kers­tin Kö­nig ih­rer Wal­ly – es sind stum­me Bli­cke, ei­ne ver­hal­te­ne Mi­mik und Ges­tik, die den ver­letz­ten Stolz, die jah­re­lang er­tra­ge­ne Här­te und Grau­sam­keit, die Ein­sam­keit, die Sehn­sucht nach Lie­be aus­drü­cken. Wun­der­bar, wie sie mit all ih­rer Zart­heit Stär­ke lebt. Eben­so fa­bel­haft und glaub­wür­dig auch Patrick Nel­les­sen als Bä­ren-Jo­seph, Klaus Mül­ler als ty­ran­ni­scher Va­ter, Tho­mas Praz­ak und Gregor Tra­kis als gut­mü­tig-be­flis­se­ne Klotz-Brü­der, He­le­ne Blechin­ger als red­li­che Afra, Se­bas­ti­an Baum­gart als zu­rück­ge­wie­se­ner Vin­zenz und Butz Ulrich Bu­se als treu­er Knecht Klet­ten­mai­er.

„Und so kommt es denn, daß wir al­les mit zu durch­le­ben glau­ben“, schrieb Theo­dor Fon­ta­ne nach ei­ner Auf­füh­rung. Ge­nau so ist es.

Nächs­te

Foto: Nik Schöl­zel/Thea­ter Augs­burg

Eigenwillig und ein­sam: Die „Gei­er­wal­ly“, in Augs­burg fa­bel­haft ver­kör­pert von Kers­tin Kö­nig (im Hin­ter­grund Klaus Mül­ler).

Foto: dpa

Luc Bon­dy 2014, auf­ge­nom­men im Salz­bur­ger Haus für Mo­zart.

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