Die Le­bens­rei­se ei­nes Was­ser­trop­fens

Ca­pi­to-Se­rie Er­wach­se­ne er­zäh­len Gu­te-Nacht-Ge­schich­ten für Kin­der. Heu­te: Ger­trud Hörr aus Obern­dorf

Schwabmuenchner Allgemeine - - Gesundheit -

Am Him­mel hing ei­ne gro­ße, dunk­le Re­gen­wol­ke. Dar­in tum­mel­ten sich vie­le klei­ne Re­gen­trop­fen. War das ein Ge­drän­ge! Die Wol­ke war so voll ge­wor­den, dass die klei­nen Trop­fen fast kei­nen Platz mehr hat­ten. Sie scho­ben und drück­ten sich ge­gen­sei­tig so fest, dass ir­gend­wann die Wol­ke ein Loch be­kam und platz­te, so­dass die klei­nen Re­gen­trop­fen her­aus­plumps­ten. Welch ein Schreck. Nun pur­zel­ten sie nach­ein­an­der und ne­ben­ein­an­der durch die Luft. Da kam auch noch ein Wind da­her, der sie kräf­tig durch­ein­an­der­wir­bel­te. War das ei­ne stür­mi­sche Rei­se für die klei­nen Tröpf­chen! Auf ih­rem Weg zur Er­de konn­ten sie erst gar nicht viel se­hen, weil sich die Son­ne ver­steckt hat­te. Erst nach ei­ner Wei­le sa­hen sie auf der Er­de Tie­re sprin­gen, die sich in ei­nem Stall oder un­ter ei­nem Dach ver­ste­cken woll­ten. Auch die Men­schen such­ten Schutz in ih­ren Häu­sern. Man­che tru­gen ei­nen Re­gen­schirm mit sich, um sich zu schüt­zen, oder ver­such­ten, sich ir­gend­wo un­ter­zu­stel­len. Die klei­nen Trop­fen freu­ten sich über ih­re Frei­heit und konn­ten gar nicht ver­ste­hen, war­um sich die gro­ßen Men­schen und Tie­re vor ih­nen fürch­te­ten. Sie konn­ten doch gar nicht zwi­cken oder bei­ßen. Sie wa­ren nur harm­lo­se Was­ser­trop­fen. Oh­ne sie könn­ten die Leu­te auf der Er­de doch gar nicht le­ben. Al­so tanz­ten sie lus­tig durch die Luft und lie­ßen sich vom

Wind hin- und her- trei­ben, bis sie auf der Er­de an­ka­men. Die ei­nen fie­len gleich wie­der ins Was­ser in gro­ße Se­en oder Flüs­se und wur­den mit der Mas­se fort­ge­tra­gen. An­de­re fie­len zwi­schen Blu­men im Gar­ten. Die­se freu­ten sich dar­über, weil die Er­de schon ganz tro­cken war. Auf al­le Din­ge, die auf der Er­de wa­ren, setz­ten sich die klei­nen Re­gen­trop­fen nie­der. Als dann die Son­ne her­vor­kam, glit­zer­ten sie und leuch­te­ten in al­len Far­ben. Ein win­zi­ger Trop­fen saß ganz al­lein auf der Spit­ze ei­nes Ge­trei­de­hal­mes. Er hat­te hier ei­nen wun­der­ba­ren Aus­blick über das gan­ze Feld. Aber er war trau­rig, weil er mein­te, dass al­le sei­ne Ka­me­ra­den ei­ne Auf­ga­be hat­ten. Die ei­nen durf­ten sor­gen, dass der Fluss ge­nü­gend Was­ser hat­te, die an­de­ren durf­ten Blu­men und Bäu­me gie­ßen. Nur er saß hier oben und schau­te in die Welt. Da kam ein klei­ner Vo­gel ge­flo­gen, setz­te sich auch auf den Ge­trei­de­halm und hat ihn ent­deckt und ver­schluckt, weil er so durs­tig war. Da wuss­te der klei­ne Re­gen­trop­fen, war­um er ge­ra­de hier auf der Spit­ze die­ses Hal­mes ge­lan­det ist. Ge­nau­so ist es auch bei uns Men­schen. Egal, ob wir groß sind oder klein, arm oder reich , ein je­der hat sei­ne Auf­ga­be an sei­nem Platz, und al­les hat ei­nen Sinn. Auch wenn wir es nicht im­mer gleich er­ken­nen.

So hat auch die Nacht ih­ren Sinn. Und dar­um schla­fe jetzt gut bis mor­gen früh. Gu­te Nacht!

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