Ge­schla­gen und ge­zeich­net

Bo­xen Wla­di­mir Klitsch­ko fin­det kein Kon­zept ge­gen Ty­son Fu­ry. Wie geht es nun wei­ter mit dem ent­thron­ten Welt­meis­ter? War­um ein Rück­kampf wahr­schein­li­cher ist als ein Rück­tritt

Schwabmuenchner Allgemeine - - Sport - VON FLO­RI­AN HU­BER

Düsseldorf Als der Schluss­gong er­tönt, wird Wla­di­mir Klitsch­ko zum Ab­wehr­spie­ler. Der Box-Welt­meis­ter hebt den rech­ten Arm, es soll ei­gent­lich ei­ne Sie­ger­po­se sein. Sie wirkt wie der ver­un­glück­te Ver­such ei­nes Fuß­bal­lers, sich selbst, die Welt und den Schieds­rich­ter da­von zu über­zeu­gen: „Hey, das war doch Ab­seits. Das zählt doch nicht.“Oh doch, und wie das zähl­te. Ty­son Fu­ry ju­bel­te nicht nur über­zeu­gen­der nach den zwölf Run­den. Er hat zu­vor auch ein­fach bes­ser ge­boxt und Welt­meis­ter Wla­di­mir Klitsch­ko zu­recht ein­stim­mig ent­thront.

Die Box-Sen­sa­ti­on des Jah­res hat Fol­gen für bei­de: Die Ti­tel der Ver­bän­de WBA, WBO und IBF ist Klitsch­ko nun los. Am sehr spä­ten Sams­tag­abend be­nö­tig­te der Ukrai­ner noch die Hil­fe von drei Män­nern, die sei­ne im­po­san­te Gür­tel­samm­lung in den Ring tru­gen. Die Her­ren aus sei­ner En­tou­ra­ge brau­chen künf­tig neue Auf­ga­ben.

Die Gür­tel nennt nun Ty­son Fu­ry sein Ei­gen. Der 27-Jäh­ri­ge prä­sen­tier­te sich un­be­küm­mert wie je­ner Schwer­ge­wichts-Welt­meis­ter, dem er sei­nen Vor­na­men ver­dankt und stark wie das Pferd, an das sein Nach­na­me er­in­nert.

Als Wla­di­mir Klitsch­ko im April 2004 das letz­te Mal zu­vor ei­nen Boxkampf ver­lo­ren hat­te, da war Ty­son Fu­ry ge­ra­de ein­mal 15 Jah­re alt, sein Va­ter einst Preis­bo­xer in Pubs.

Die Ge­dan­ken an die ver­gan­ge- Jah­re gin­gen Klitsch­ko wohl durch den Kopf, als er ge­senk­ten Haup­tes durch den Box-Ring in der Düs­sel­dor­fer LTU-Are­na trot­te­te.

Sein Kopf­schüt­teln fin­gen die Fern­seh-Ka­me­ras gar nicht mehr ein, die­se wa­ren um kurz vor ein Uhr längst nur noch auf den Sie­ger und sei­ne Show ge­rich­tet. Der bri­ti­sche Raub­rit­ter Ty­son Fu­ry träl­ler­te für die Gat­tin noch schnell ein Lied­chen über das Sta­di­onmi­kro­fon. Ei­ne Zei­le dar­in lau­tet: „Ich möch­te nichts ver­pas­sen.“

Der Ti­tel war dann auch Pro­gramm für die 5000 bri­ti­schen Fu­ry-Fans un­ter den 45000 im Sta­di- on, die an­schlie­ßend in der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt die No­vem­ber­Nacht zum Tag ge­macht ha­ben.

Das bri­ti­sche Groß­maul hat sei­nen gro­ßen Wor­ten im Vor­feld auch gro­ße Ta­ten fol­gen las­sen. An­ders als ein Da­vid Haye. Kaum ei­ner hät­te das Fu­ry zu­ge­traut. Die Kom­bi­na­ti­on aus ste­ti­gen Psy­cho­spiel­chen, schnel­len Bei­nen und dem Reich­wei­ten­vor­teil des 2,06 Me­ter-Hü­nen von der In­sel zer­mürb­te den von zwei Cuts ge­zeich­ne­ten Klitsch­ko.

„Fu­ry war bis zur letz­ten Run­de sehr schnell und be­weg­lich – er hat ver­dient ge­won­nen“, sag­te der Ver­nen lie­rer hin­ter­her. Viel zu lan­ge war der 1,98 Me­ter-Mann Klitsch­ko viel zu pas­siv, die sonst so ge­fürch­te­te Rech­te kam erst ins Ziel, als er kurz vor Schluss merk­te, dass die 19. Ti­tel­ver­tei­di­gung nur noch mit ei­nem K.o. er­folg­reich en­den wird.

Das klapp­te aber nicht mehr. Zu­vor hat­ten die zwei Kon­tra­hen­ten bei­na­he Run­de für Run­de wie Tanz­schü­ler ge­wirkt: Die bei­den hiel­ten ein­an­der eng um­schlun­gen beim Klam­mer­blues. Ge­gen den un­or­tho­do­xen Fu­ry, der pha­sen­wei­se oh­ne De­ckung um Klitsch­ko her­um tän­zel­te, fehl­te dem 39-Jäh­ri­gen ein schlüs­si­ges Kon­zept.

Das Blut wird trock­nen, die Wun­den hei­len. Aber dann?

Das ist die Fra­ge, die Klitsch­ko nun be­schäf­ti­gen wird. Sein üp­pig do­tier­ter Ver­trag mit dem Fern­seh­Sen­der RTL sieht noch vier Kämp­fe vor. Aber mit fast 40 Jah­ren darf und muss man sich auch mit dem Kar­rie­re­en­de be­schäf­ti­gen. Mit ei­ner Nie­der­la­ge ab­tre­ten? Das passt so gar nicht zu Wla­di­mir Klitsch­ko. „Er wird stär­ker denn je zu­rück­kom­men“, ist sich sein gro­ßer Bru­der Wi­ta­li Klitsch­ko si­cher.

Es gibt ei­ne Rück­kampf­klau­sel mit Fu­ry. Viel spricht für ein Du­ell auf der In­sel im nächs­ten Jahr. Noch grö­ßer. Noch schril­ler. „Das wer­den wir se­hen“, sprach der jün­ge­re Klitsch­ko dann noch. Dass das die Li­zenz zum Geld­dru­cken ist, weiß auch das Fu­ry-La­ger. „Ich bo­xe ihn wie­der, egal ob in Us­be­kis­tan, Ja­pan oder wie­der Deutsch­land – und dann schla­ge ich ihn wie­der“, stell­te Ty­son Fu­ry noch klar.

-

-

-

-

- - -

LAN­DES­LI­GA SÜD­WEST

-

Foto: Wit­ters

Der Ver­lie­rer: Wla­di­mir Klitsch­ko.

Foto: Rolf Ven­nen­bernd, dpa

Der Sie­ger: Ty­son Fu­ry. Der neue Schwer­ge­wicht­scham­pi­on trägt die Welt­meis­ter­gür­tel der ver­schie­de­nen Ver­bän­de. Mit sei­nem T-Shirt er­in­nert Fu­ry an sei­nen ver­stor­be­nen On­kel Hu­ghie.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.