Asyl: Die Re­gi­on stößt an ih­re Gren­zen

So­zia­les Im Groß­raum Augs­burg le­ben über 6600 Asyl­be­wer­ber. Der Wohn­raum für sie wird knapp. War­um neh­men man­che Ge­mein­den trotz­dem kei­ne Flücht­lin­ge auf?

Schwabmuenchner Allgemeine - - Region Augsburg - VON ANDRE­AS SCHOPF 2994

Re­gi­on Geht es um das The­ma Asyl, be­vor­zugt Mar­tin Sai­ler kla­re Wor­te. „Das ist nicht mehr mach­bar“, sagt der Land­rat mit Blick auf die Flücht­lings­strö­me, die dem Land­kreis Augs­burg im kom­men­den Jahr be­vor­ste­hen. Schon jetzt ist die Si­tua­ti­on an­ge­spannt. Knapp 2300 Flücht­lin­ge muss der Land­kreis Augs­burg un­ter­brin­gen. Bis An­fang kom­men­den Jah­res sind es über 3000. „Wir kom­men an die Gren­ze des­sen, was men­schen­wür­dig be­werk­stel­ligt wer­den kann“, sagt Sai­ler. Da­bei könn­te sich die La­ge wei­ter zu­spit­zen. Im kom­men­den Jahr rech­net Sai­ler mit 3000 zu­sätz­li­chen Asyl­be­wer­bern: „Das ist mei­ne gro­ße Sor­ge.“

Vor­aus­sicht­lich Mit­te De­zem­ber sind die ver­füg­ba­ren Wohn­flä­chen des Land­krei­ses er­schöpft. Ein Not­stand, der laut Sai­ler zu­min­dest zum jet­zi­gen Zeit­punkt ver­hin­dert wer­den könn­te. Aus­ge­rech­net Neu­säß, ei­ne der größ­ten Städ­te im Land­kreis, „reißt aus der So­li­da­ri­tät aus“. Die über 21 000 Ein­woh­ner fas­sen­de Stadt bie­tet zum jet­zi­gen Zeit­punkt le­dig­lich 56 Flücht­lin­gen Ob­dach. Zum Ver­gleich: Zus­mar­shau­sen mit rund 6000 Ein­woh­nern bringt über 150 Flücht­lin­ge un­ter. Die feh­len­de Un­ter­stüt­zung sei­ner Hei­mat­stadt Neu­säß macht Sai­ler mitt­ler­wei­le „sprach­los“.

Im Land­kreis Augs­burg ha­ben 20 von 46 Kom­mu­nen bis­lang kei­ne Asyl­be­wer­ber auf­ge­nom­men. Dies ma­che sie je­doch nicht au­to­ma­tisch zu „Ver­wei­ge­rern“, sagt Sai­ler: „Klei­ne Ge­mein­den wie Ell­gau oder He­rets­ried be­mü­hen sich, ha­ben aber schlicht kei­ne pas­sen­den Ob­jek­te.“Die Ver­tei­lungs­quo­te ver­bes­se­re sich aber: „Ei­ni­ge die­ser Kom­mu­nen wol­len Un­ter­brin­gun­gen er­rich­ten. Es ist Be­we­gung in die Sa­che ge­kom­men.“

Um den gut 60 Flücht­lin­gen, die je­de Wo­che neu an­kom­men, zum jet­zi­gen Zeit­punkt ein Dach über dem Kopf zu bie­ten, muss die Re­al­schul­turn­hal­le Neu­säß lang­fris­tig mit 200 Schlaf­plät­zen be­legt wer­den. Wei­te­re Hal­len könn­ten fol­gen – erst land­kreis­ei­ge­ne, dann ge- mein­de­ei­ge­ne. Ei­ne Ein­schrän­kung für Schu­len und Sport­ver­ei­ne: „Das wird Är­ger, Frust und Ent­täu­schung ge­ben“, sagt Sai­ler. „Aber ich ha­be kei­ne Al­ter­na­ti­ve.“

Rund 0,9 Pro­zent der Be­völ­ke­rung im Land­kreis Augs­burg ma­chen mitt­ler­wei­le Asyl­be­wer­ber aus. Kal­ku­lie­re man mit 1,5 Mil­lio­nen Flücht­lin­gen, die nach Deutsch­land ein­rei­sen könn­ten, müs­se der Land­kreis sei­ne Quo­te auf drei Pro­zent stei­gern, sagt Sai­ler.

Noch mehr ge­for­dert wä­re dann auch der Land­kreis Aichach-Fried­berg, wo der An­teil mo­men­tan bei et­wa 1,1 Pro­zent liegt. Dort­hin wer­den pro Wo­che 62 Asyl­be­wer­ber zu­ge­wie­sen. „Für uns wird die Un­ter­brin­gung zu­neh­mend schwie­ri­ger“, sagt Land­rat Klaus Metz­ger. „Es könn­te sein, dass auch wir auf Al­ter­na­ti­ven wie Trag­luft­hal­len aus­wei­chen müs­sen.“Ent­las­tung ver­spricht er sich durch ei­ne Über­gangs­erst­auf­nah­me mit 180 Plät­zen in Der­ching, die im De­zem­ber er­öff­net wird. Metz­ger gibt aber zu be­den­ken: „Ir­gend­wann ge­hen auch uns die Mög­lich­kei­ten aus.“Laut dem Land­rat ha­ben bis­her al­le Ge­mein­den au­ßer Steindorf und Tod­ten­weis Un­ter­künf­te ge­schaf­fen. „Hier be­fin­den wir uns in Pla­nung oder Um­set­zung“, sagt Metz­ger. „Wir ach­ten dar­auf, dass al­le nach und nach ih­re Quo­ten er­fül­len.“

Knapp 3000 Flücht­lin­ge sind in der Stadt Augs­burg un­ter­ge­bracht – gut ein Pro­zent der Be­völ­ke­rung. 67 Men­schen kom­men pro Wo­che neu da­zu. „Wenn es da­bei bleibt, könn­ten wir mit un­se­ren Wohn­flä­chen hin­kom­men“, sagt Chris­ti­an Ger­lin­ger vom So­zi­al­re­fe­rat. Man müs­se aber von Wo­che zu Wo­che im­pro­vi­sie­ren. „Wenn die Zu­wei­sun­gen stei­gen, wird es kri­tisch. Wir hof­fen, dass wir von gro­ßen Sprün­gen ver­schont blei­ben.“

Das noch grö­ße­re Pro­blem sieht Ger­lin­ger aber in der lang­fris­ti­gen In­te­gra­ti­on der Neu­an­kömm­lin­ge. Ele­men­tar hier­für: der Ein­satz von Eh­ren­amt­li­chen. „Die Hilfs­be­reit­schaft ist un­ge­bro­chen“, sagt Metz­ger.

Ei­ne Ein­schät­zung, die sein Kol­le­ge Sai­ler nicht teilt: „Der ei­ne oder an­de­re sagt jetzt schon: So kann es nicht wei­ter­ge­hen.“Den Hel­fern im kom­men­den Jahr ei­ne Ver­dopp­lung der Flücht­lin­ge zu­zu­mu­ten, ist aus sei­ner Sicht „nicht mach­bar“. Schon jetzt fie­len Eh­ren­amt­li­che weg. „Und ich be­fürch­te, dass die Mo­ti­va­ti­on wei­ter ab­nimmt“, sagt Land­rat Sai­ler.

„Das wird Är­ger, Frust und Ent­täu­schung ge­ben. Aber ich ha­be kei­ne Al­ter­na­ti­ve.“

Land­rat Mar­tin Sai­ler

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Foto: Jens Noll

Die Ge­mein­schafts­un­ter­kunft für Flücht­lin­ge in der Augs­bur­ger Schü­le­stra­ße ist ei­ne der größ­ten in der Stadt. Dort sind vor al­lem Fa­mi­li­en und al­lein­ste­hen­de Frau­en un­ter­ge­bracht.

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