In der Kli­schee­fal­le

Fern­se­hen In nur vier der bis heu­te 964 ab­ge­dreh­ten Tat­ort-Fol­gen spie­len Ju­den ei­ne Haupt­rol­le. Ein Ex­per­te er­klärt in Augs­burg, war­um sie an­ti­se­mi­ti­sche Er­war­tun­gen be­die­nen

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton Regional - VON STEFANIE SCHOENE

Häss­lich, or­tho­dox, ver­däch­tig: Die jü­di­schen Haupt­fi­gu­ren in den vier Fil­men der seit 1970 er­folg­reichs­ten deut­schen Kult­se­rie Tat­ort sind das Ge­gen­teil von Hel­den, weil die Dreh­bü­cher trotz ih­res po­li­ti­schen kor­rek­ten An­spruchs in die an­ti­se­mi­ti­sche Kli­schee­fal­le tap­pen. Weil der sonn­täg­li­che Tat­ort Teil der deut­schen All­tags­kul­tur ist, sind die For­schun­gen über vi­su­el­le Spra­che, Emo­ti­on und An­ti­se­mi­tis­mus des Film­wis­sen­schaft­lers Da­ni­el Wild­mann vom re­nom­mier­ten Leo Ba­eck In­sti­tu­te in Lon­don be­un­ru­hi­gend. Auf Ein­la­dung des Ja­kob-Fug­gerZen­trums so­wie der Lehr­stüh­le für Kunst- und Li­te­ra­tur­ge­schich­te be­rich­te­te er von sei­nen Er­geb­nis­sen.

Fil­me le­ben von Emo­tio­nen, die sie zei­gen und in den Zu­schau­ern her­vor­ru­fen. Bö­se Cha­rak­te­re sor­gen für Em­pö­rung, gu­te für Iden­ti­fi­ka­ti­on und Freu­de. Wild­manns The­se: Auch über „das Jü­di­sche“exis­tiert in Deutsch­land ein kul­tu­rel­les Ge­dächt­nis, und die vier Tat­ort-Fol­gen knüp­fen mit fil­mi­schen Mit­teln an die­se an­ti­se­mi­ti­schen Er­zäh­lun­gen an. Der Wis­sen­schaft­ler stellt zur Dis­kus­si­on, ob nicht die po­li­tisch über­aus kor­rek­ten Kom­mis­sa­re es dem Zu­schau­er so­gar er­lau­ben, „gu­ten Ge­wis­sens al­te An­ti­se­mi­tis­men zu ge­nie­ßen“.

Ba­sis sei­ner The­sen sind Mi­kro­ana­ly­sen der Tat­or­te „Das Ge­heim­nis des Go­lem“(Schi­man­ski, 2004) und „Der Schäch­ter“(2004). Letz­te­rer spielt in Konstanz. Der Mör­der legt die Lei­che ei­nes jun­gen Man­nes im Gar­ten der Vil­la ei­nes Ju­den ab. Dass das Op­fer nach ei­nem Hals­schnitt ver­blu­te­te und der Vil­len­be­sit­zer Ja­kob Leeb (Ni­ko­laus Pa­ry­la) im na­hen Frank­reich als Schäch­ter ar­bei­tet, bringt die­sen in Ver­dacht. Der Vor­wurf: Ri­tu­al­mord. Der Film be­dient sich die­ser jahr­hun­der­te­al­ten an­ti­jü­di­schen Er­zäh­lung eben­so wie der kli­schee­haf­ten Darstel­lung Leebs mit Kip­pa, schüt­te­rem Haar, Ak­zent und jid­di­schen Vo­ka­beln. „Die­se De­tails ent­spre­chen Er­war­tun­gen des deut­schen Pu­bli­kums an das Jü­di­sche“, er­klärt Wild­mann. „Die­ser Tat­ort will auf­klä­ren, des­we­gen kann Leeb na­tür­lich nicht der Mör­der sein. Aber die an­ti­se­mi­ti­schen Vor­stel­lun­gen des Pu­bli­kums wer­den sub­til be­dient.“Die kor­rek­te Kom­mis­sa­rin Blum hilft dem Ju­den und fin­det schließ­lich den Tä­ter. Am En­de will Leeb Konstanz ver­las­sen. Blum wirft ihm vor, sie in ih­rem Kampf ge­gen Ju­den­feind­lich­keit im Stich zu las­sen. Er bleibt. „Das ist of­fen an­ti­se­mi­tisch. Blum hilft ihm, er­zieht aber das An­ti­se­mi­tis­mus-Op­fer zu mo­ra­li­schen Wer­ten. Ab­surd“, kom­men­tiert Wild­mann.

In „Das Ge­heim­nis des Go­lem“ist das Jü­di­sche vor al­lem rät­sel­haft: Num­mern­kon­ten, auf de­nen Ju­den wäh­rend des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus heim­lich Geld si­cher­ten, ver­fal­le­ne Sy­nago­gen in Ant­wer­pen, ein Rab­bi­ner im ver­wit­ter­ten Kel­ler­bü­ro. Auch Schi­man­ski steht auf der Sei­te der Gu­ten, hilft den Ju­den. Doch die Kon­tras­te im äs­the­ti­schen Set­ting – Schi­man­ski (Götz Ge­or­ge) in ge­wohnt of­fe­nem Hemd, mit mus­ku­lö­sem Ober­kör­per – wer­te­ten die jü­di­schen Fi­gu­ren ab: „Die jü­di­schen Män­ner – der or­tho­do­xe Rab­bi­ner so­wie das spä­te­re Mord­op­fer Da­vid Ro­sen­feld (Ni­ko­laus Pa­ry­la) – sind phy­sisch schwäch­lich und we­nig an­zie­hend. Sie ru­fen ab­leh­nen­de Emo­tio­nen ab, und das ist an­ti­se­mi­tisch.“Der Mör­der von Ro­sen­feld – ein Staats­schüt­zer – steht zwar mo­ra­lisch ein­deu­tig auf der fal­schen Sei­te. Doch er wird re­ha­bi­li­tiert. In Au­schwitz-Äs­t­he­tik, um­ge­ben von Ne­bel und Ei­sen­bahn­wag­gons, schießt er sich auf ei­nem Gü­ter­bahn­hof in den Kopf. „Er ist wie ein Held ge­stor­ben, das wer­tet ihn wie­der auf“, so das Fa­zit von Wild­mann.

Die­se sub­ti­le vi­su­el­le Tat­or­tSpra­che wer­tet Wild­mann als zen­tral für an­ti­se­mi­ti­sche Er­zäh­lun­gen. An­ders sei dies in der Mi­ni­se­rie „Im An­ge­sicht des Ver­bre­chens“. Sie um­schif­fe die Ste­reo­ty­pen und han­de­le das Jü­disch­sein ih­rer Haupt­fi­gur, des Po­li­zis­ten Marek Gorsky, ge­konnt en pas­sant und un­ver­krampft ab.

Foto: Uwe Strat­mann/dpa

Ju­den wer­den in der „Tat­ort“-Fol­ge „Das Ge­heim­nis des Go­lem“als Schwäch­lin­ge dar­ge­stellt (hier ei­ne Sze­ne mit Götz Ge­or­ge, rechts)als Kom­mis­sar Schi­man­ski und Ni­ko­laus Pa­ry­la).

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