Kö­nig Lud­wig II. – (k)ein Spin­ner mit Vi­sio­nen

Ar­chiv­herbst Au­tor stellt aben­teu­er­li­che Pro­jek­te des Mär­chen-Mon­ar­chen vor – wie ei­ne Seil­bahn vom Schloss zum Alpsee

Schwabmuenchner Allgemeine - - Königsbrunner Zeitung | Service - VON MA­RI­ON KEHLENBACH

Kö­nigs­brunn „Traum und Tech­nik“war das The­ma beim Kö­nigs­brun­ner Ar­chiv­herbst, der sich wie ver­gan­ge­nes Jahr wie­der mit Kö­nig Lud­wig II. be­schäf­tig­te. Be­reits zum vier­ten Mal lud Stadt­ar­chi­va­rin Su­san­ne Lo­renz zur Ver­an­stal­tung ein. „Wer ein­mal Ar­chiv­be­nut­zer bei ih­rer Spu­ren­su­che nach ver­bli­che­nen Vor­fah­ren erlebt hat, weiß, wie emo­tio­nal man­ches Do­ku­ment auch heu­te noch be­rüh­ren kann“, schil­der­te sie Mo­men­te ih­re Ar­beit. Bür­ger­meis­ter Franz Feigl hob im Info­pa­vil­lon 955 die her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung des Stadt­ar­chivs her­vor, da­mit nichts in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te. Wie im ver­gan­ge­nen Jahr stand Kö­nig Lud­wig II. im Fo­kus des Abends. Im Vor­jahr ging es um das Le­ben des um­strit­te­nen Mon­ar­chen, dies­mal um die Fra­ge, ob der Re­gent ein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Spin­ner ge­we­sen sei oder mit sei­ner In­no­va­ti­ons­freu­de ein un­kon­ven­tio­nel­ler Vi­sio­när. „Traum und Tech­nik“hieß der Vor­trag vom Re­fe­ren­ten und Münch­ner Au­tor Je­an Lou­is Schlim, der meh­re­re Pu­bli­ka­tio­nen zur Tech­nik­be­geis­te­rung des Mär­chen­kö­nigs ver­fasst hat. Da­für re­cher­chier­te er un­ter an­de­rem im Staats- und Wirtschaftsarchiv und in den Un­ter­neh­mens­ar­chi­ven von MAN, BASF so­wie Vil­le­roy und Boch. Be­le­ge zeig­ten, dass der Kö­nig nicht nur zahl­rei­che (Bau-)Träu­me hat­te, son­dern auch hart­nä­ckig und fach­kun­dig war, wenn es um die Um­set­zung ging. „Lud­wig II. woll­te nicht Kö­nig wer­den, er wä­re lie­ber Pro­fes­sor am Po­ly­tech­ni­kum ge­wor­den“, er­zähl­te Schlim. „In der Öf­fent­lich­keit war der Kö­nig als Spin­ner be­kannt, da­bei war er dem Fort­schritt so zu­ge­wandt“, äu­ßer­te sich Kul­tur­re­fe­rent Chris­ti­an Toth.

Kö­nig Lud­wig II. sei kein grö­ßen­wahn­sin­ni­ger Spin­ner ge­we­sen, son­dern sei­ne In­no­va­ti­ons­freu­de für das heu­ti­ge Bay­ern, war auch die Mei­nung von Je­an Lou­is Schlim. Der Au­tor griff vie­le voll­ende­te, aber auch wie­der ver­wor­fe­ne Pro­jek­te des um­strit­te­nen Mon­ar­chen auf, um zu zei­gen, welch tech­ni­scher Geist sich hin­ter dem Mär­chen­kö­nig ver­barg.

Seil­bahn Bei­spiels­wei­se ei­ne an ei­nem Bal­lon ge­führ­te Seil­bahn von Schloss Neu­schwan­stein zum Alpsee. Die Bal­lon­fahrt war zu Lud­wigs Zei­ten (1845 – 1886) schon er­fun­den und auch die Dampf­ma­schi­ne, die die Gon­del be­we­gen soll­te. Ein­zig die Spann­brei­te von rund zwei­ein­halb Ki­lo­me­tern und et­wai­ge Sei­ten­win­de be­rei­te­ten den Kon­struk­teu­ren Sor­gen. Draht­sei­le, die ei­ne Zug­kraft auf die­ser Stre­cke aus­hal- könn­ten, gab es noch nicht, und die ge­bräuch­li­chen Hanf­sei­le hiel­ten sol­chen Be­las­tun­gen nicht stand. Auch hät­te die Ge­fahr be­stan­den, dass der Bal­lon bei Wind ab­drif­tet und die Gon­del sich neigt, so­dass der Mon­arch her­aus­ge­stürzt wä­re.

Neu­schwan­stein An­de­re Träu­me konn­te sich Lud­wig mit­hil­fe der Tech­nik er­fül­len. Schloss Neu­schwan­stein se­he zwar wie ein Mär­chen­schloss aus, er­klär­te Schlim; dass aber bei­spiels­wei­se der Thron­saal mit mas­si­ven Säu­len im Ober­ge­schoss ge­baut wer­den konn­te, lag an der aus­ge­feil­ten Un­ter­kon­struk­ti­on: Die Säu­len ste­hen auf stäh­ler­nen Dop­pel-T-Trä­gern und be­ste­hen zu­dem aus ei­nem Stahl­ge­flecht, das mit Kunst­mar­mor ver­klei­det wurVor­bild de. Tech­ni­scher Fort­schritt in­ter­es­sier­te den Mon­ar­chen aber nicht nur, wenn es um sei­ne ei­ge­nen Träu­me ging, mach­te Schlim deut­lich. So ha­be der Kö­nig die Luft­schiff-Ex­pe­ri­men­te des Ae­ro­nau­ten Gus­tav Koch fi­nan­ziert, und un­ter sei­ner Re­gie­rung gab es Ge­wer­beund In­dus­trie­aus­stel­lun­gen mit vie­len In­no­va­tio­nen, auch in Augs­burg.

Far­be für die Ve­nus­grot­te Au­ßer­dem war der Kö­nig ein Per­fek­tio­nist. Für die Ve­nus­grot­te auf Lin­der­hof such­te er das per­fek­te Blau: kräf­tig, aber nicht zu dun­kel. Ei­nen re­gen Post­ver­kehr ha­be es zwi­schen Lud­wig II. und den In­ge­nieu­ren von BASF ge­ge­ben, bis das rich­ti­ge Blau ge­fun­den war. Spä­ter ha­be sich der Far­ben- und Che­mie­her­stel­ler die­ten ses Blau pa­ten­tie­ren las­sen. Ein ame­ri­ka­ni­scher Fa­b­ri­kant, Le­vis Strauss, be­stell­te ge­nau die­ses Blau zum Ein­fär­ben sei­ner Ar­bei­ter­ho­sen aus Se­gel­tuch. Et voi­là: Die Blue­jeans war er­fun­den und Mil­lio­nen Men­schen welt­weit tra­gen Lud­wigs Far­be heu­te tag­täg­lich.

Li­sa-Ma­rie Op­pen­län­der um­rahm­te den Vor­trag mu­si­ka­lisch. Die Schü­le­rin der städ­ti­schen Mu­sik­schu­le macht in die­sem Jahr ihr Ad­ditum Mu­sik am Kö­nigs­brun­ner Gym­na­si­um. Ei­ne Kost­pro­be ih­res Kön­nens bot sie an die­sem Abend un­ter an­de­rem mit ei­nem Ron­do des Fran­zo­sen Nicolas-Charles Boch­sa und dem zeit­ge­nös­si­schen Lied „New Blues“der Ame­ri­ka­ne­rin De­bo­rah Han­son-Co­nant.

Fotos: Ma­ri­on Kehlenbach

Kö­nig Lud­wig II. und Tech­nik, wie passt das zu­sam­men? Die­ser Spur ging Au­tor Je­an Lou­is Schlim nicht nur auf die­ser Fo­to­col­la­ge, son­dern auch in sei­nem Vor­trag zum Kö­nigs­brun­ner Ar­chiv­herbst nach.

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