May­day

Wahl Sie hat hoch ge­po­kert und viel ver­lo­ren. Groß­bri­tan­ni­ens Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May büßt mit ih­ren To­ries die ab­so­lu­te Mehr­heit ein. Nun herrscht po­li­ti­sches Cha­os. Be­kommt sie ei­ne Re­gie­rung zu­stan­de? Die He­cken­schüt­zen in ih­rer Par­tei ste­hen jed

Schwabmuenchner Allgemeine - - Meinung & Dialog - VON KATRIN PRI­BYL

Lon­don Vi­el­leicht wirkt die Si­tua­ti­on so ab­surd, weil es kurz nach vier am Mor­gen ist und das Kö­nig­reich wie­der mal nach ei­ner kur­zen Nacht über­mü­det von ei­nem po­li­ti­schen Erd­be­ben ge­weckt wird. Vi­el­leicht ist es auch ein­fach dem skur­ri­len Bild ge­schul­det: Als Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May in ih­rem Wahl­kreis Mai­den­head mit ih­ren Kon­tra­hen­ten das Er­geb­nis ab­war­tet, steht sie in ei­ner Rei­he mit El­mo, dem Kan­di­da­ten im ro­ten Plüsch­kos­tüm, und Lord Bu­cke­t­head, „dem in­ter­ga­lak­ti­schen Welt­raum-Fürs­ten“, der mit sei­nem schwar­zen Ge­wand und dem Kü­bel über dem Kopf aus­sieht, als sei er ei­ner Karikatur von Star Wars ent­sprun­gen. Spaß­kan­di­da­ten nennt man das. Brin­gen schö­ne Bil­der, lo­ckern das Gan­ze et­was auf, na ja.

May je­den­falls hat in die­sem Mo­ment kei­nen Blick für ih­re Mit­be­wer­ber, ge­schwei­ge denn Sinn für bri­ti­schen Hu­mor. Die Kon­ser­va­ti­ven sind bei der Par­la­ments­wahl stärks­te Par­tei ge­wor­den, ha­ben in ab­so­lu­ten Stim­men so­gar zu­ge­legt. Und doch ha­ben sie ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit ver­lo­ren. Es ist die Nie­der­la­ge von The­re­sa May. Auf gut Deutsch: Sie hat sich ver­zockt.

In der Nacht ist sie noch schnell zur Sie­ge­rin in ih­rem Wahl­kreis Mai­den­head, ei­ner Ge­gend im Speck­gür­tel von Lon­don, ge­kürt wor­den. Nun be­tont sie in ih­rer kur­zen, star­ren Re­de, das Land brau­che ei­ne Pha­se der Sta­bi­li­tät. Ih­re Stim­me zit­tert, sie lä­chelt ge­quält, und we­der Lord Bu­cke­t­head noch El­mo noch dem Rest der Bri­ten dürf­te der Irr­witz ent­ge­hen, der in ih­ren Wor­ten mit­schwingt. Denn de fac­to herrscht in West­mins­ter Cha­os.

Es gibt ein Patt im Par­la­ment. Die Ge­sell­schaft ist zu­min­dest so ge­spal­ten wie vor ei­nem Jahr nach dem Br­ex­it-Vo­tum. Die Wahl hat die­se Grä­ben wei­ter ver­tieft. May rief im April ent­ge­gen frü­he­rer Be­teue­run­gen oh­ne Not Neu­wah­len aus. In Um­fra­gen la­gen die Kon­ser­va­ti­ven mit mehr als 20 Pro­zent­punk­ten Vor­sprung fast un­ein­hol­bar vor der La­bour-Par­tei un­ter Op­po­si­ti­ons­chef Je­re­my Cor­byn. Die Re­gie­rungs­che­fin woll­te sich für die an­ste­hen­den Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen mit Brüssel ein ein­deu­ti­ges Man­dat und die Mehr­heit im Par­la­ment aus­bau­en. Ges­tern, so war der Plan, woll­te sie vors Volk tre­ten und ei­nen his­to­ri­schen Sieg fei­ern. „Sie ging ein ho­hes Ri­si­ko ein und hat sich ver­zockt“, lau­tet statt­des­sen der Te­nor auf der In­sel.

Trotz Rück­tritts­for­de­run­gen von al­len Sei­ten gibt sich die 60-Jäh­ri­ge an der Sei­te ih­res Man­nes Philip stand­haft. Erst holt sie im Bucking­ham-Pa­last bei Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. die for­mel­le Er­laub­nis für die Re­gie­rungs­bil­dung ein, dann tritt sie vor die Pres­se. Wer al­ler­dings er­war­tet hat, dass sie mit ei­ner be­schwich­ti­gen­den An­spra­che an das Volk re­agie­ren wür­de, sieht sich ge­täuscht. Sie wol­le mit Un­ter­stüt­zung der nord­irisch-unio­nis­ti­schen DUP, der De­mo­cra­tic Unio­nist Par­ty, ei­ne Re­gie­rung for­men, kün­digt sie an. Le­dig­lich die Kon­ser­va­ti­ven und die DUP hät­ten die Fä­hig­keit und den Auf­trag, dem Land die drin­gend Sta­bi­li­tät zu ver­schaf­fen. Ei­ner der an­we­sen­den Fo­to­gra­fen verdreht die Au­gen. Ir­gend­wie klingt das wie ih­re Bot­schaft der „star­ken und sta­bi­len Füh­rung“, die sie in den ver­gan­ge­nen Wo­chen nicht mü­de wur­de zu be­to­nen. Kein Wort zur Hän­ge­par­tie, in der die To­ries nun ste­cken. Kein Wort zur Ver­söh­nung an das zer­ris­se­ne Land. Kein Wort der Selbst­kri­tik. Als „Kö­ni­gin des Ver­drän­gens“ver­spot­tet sie die Zei­tung Eve­ning Stan­dard, weil sie schlicht­weg „das De­sas­ter igno­riert“.

Statt May ju­belt nun La­bourChef Je­re­my Cor­byn. Aus­ge­rech­net der 68-jäh­ri­ge Alt-Lin­ke, der in­ner­halb der ei­ge­nen Par­tei hoch um­strit­ten ist, hat es ge­schafft, die Ju­gend zu mo­bi­li­sie­ren. Cor­byn, der Mann mit dem wei­ßen Voll­bart und den un­um­stöß­li­chen Prin­zi­pi­en, wirk­te of­fen­sicht­lich au­then­ti­scher und bot den Wäh­lern ei­ne Kam­pa­ver­schaf­fen gne, die vor al­lem auf so­zia­le Ge­rech­tig­keit fo­kus­sier­te. Als le­bens­lan­ger EU-Skep­ti­ker ver­mied er das The­ma Br­ex­it, so gut es ging. Und doch könn­te der Er­folg der La­bourPar­tei, die sich für ei­nen Ver­bleib im ge­mein­sa­men Bin­nen­markt aus­ge­spro­chen hat, da­für sor­gen, dass The­re­sa May sich mit ih­rer har­ten Br­ex­it-Li­nie nicht durch­setzt.

„Das Er­geb­nis zeigt, dass die Men­schen ei­ne an­de­re Vor­stel­lung von ei­nem Groß­bri­tan­ni­en au­ßer­halb der EU ha­ben als May“, sagt Si­mon Hix, Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler an der Lon­don School of Eco­no­mics. Er er­war­tet, dass sich nun auch die mo­de­ra­ten Kräf­te in­ner­halb der kon­ser­va­ti­ven Par­tei wie­der mel­den. Je­ne EU-An­hän­ger, die nach dem Br­ex­it-Vo­tum von den EUSkep­ti­kern und The­re­sa May zum Schwei­gen ge­bracht wur­den, „wer­den nun nach vor­ne tre­ten und ei­ne Um­kehr des Br­ex­it-Kur­ses for­not­wen­di­ge dern“, pro­phe­zeit Hix. Ein Macht­kampf in­ner­halb der To­ries?

Schon jetzt lau­fen Wet­ten, wie lan­ge sich May an­ge­sichts der ge­schwäch­ten Po­si­ti­on in ih­rem Amt hal­ten kann. Er­neu­te Wah­len in­ner­halb der nächs­ten zwei Jah­re, „vi­el­leicht so­gar schon 2018“, gel­ten als wahr­schein­lich. An­de­re mei­nen, sie über­ste­he nicht ein­mal die­ses Wo­che­n­en­de. Nur: Zum jet­zi­gen Zeit­punkt wür­de sich ein Wech­sel in der Dow­ning Street schwie­rig ge­stal­ten an­ge­sichts der knapp be­mes­se­nen Zeit, die für die Schei­dungs­ge­sprä­che mit Brüssel blei­ben, glaubt der re­nom­mier­te Po­lit-Ex­per­te To­ny Tra­vers. Am 19. Ju­ni sol­len die Ver­hand­lun­gen mit den 27 üb­ri­gen Mit­glied­staa­ten ei­gent­lich be­gin­nen. Das Pro­blem ist: „Ih­re Po­si­ti­on ist nun sehr viel schwä­cher und die Part­ner wis­sen das“, sagt Tra­vers.

The­re­sa Mays Kam­pa­gne, die kom­plett auf sie zu­ge­schnit­ten war, geht der­weil als „schlech­tes­te in die Ge­schich­te der To­ries“ein, wie es ges­tern un­auf­hör­lich auf den Flu­ren von West­mins­ter hieß. Un­ge­lenk, zau­dernd, ver­krampft – May prä­sen­tier­te sich als mi­se­ra­ble Wahl­kämp­fe­rin mit ei­nem Pro­gramm, von dem sie ei­ni­ge Tei­le nach ei­nem öf­fent­li­chen Sturm der Ent­rüs­tung wie­der zu­rück­nahm.

Am En­de hin­ter­lässt die­se Nacht et­li­che Ver­lie­rer, selbst un­ter den po­li­ti­schen Schwer­ge­wich­ten. Nick Clegg, der ehe­ma­li­ge Vi­ze-Pre­mier von den eu­ro­pa­freund­li­chen Li­be­ral­de­mo­kra­ten, ver­liert sei­nen Sitz eben­so wie der ehe­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent Schott­lands, Alex Sal­mond. Der ver­kör­per­te einst wie kein an­de­rer den Wil­len zur Un­ab­hän­gig­keit des nörd­li­chen Lan­des­teils. Nun straf­ten die Wäh­ler den Ex-Chef der Schot­ti­schen Na­tio­nal­par­tei (SNP) ab. Die Par­tei ist künf­tig mit 21 Sit­zen we­ni­ger im Un­ter­haus ver­tre­ten. Re­gie­rungs­che­fin Ni­co­la Stur­ge­on schiebt das ent­täu­schen­de Ab­schnei­den „zwei­fel­los“auch auf die Plä­ne, ein zwei­tes Re­fe­ren­dum über die Ei­gen­stän­dig­keit

Ih­re Stim­me zit­tert, sie lä­chelt ge­quält Die­se Nacht hin­ter­lässt noch ganz an­de­re Ver­lie­rer

Schott­lands ab­hal­ten zu wol­len. Laut Um­fra­gen lehnt ein Groß­teil der Schot­ten so­wohl die Ab­spal­tung vom Kö­nig­reich als auch ei­ne er­neu­te Ab­stim­mung dar­über ab.

The­re­sa May hat­te den Plan, mit ih­rer har­ten Br­ex­it-Li­nie die rund vier Mil­lio­nen Ukip-Stim­men zu über­neh­men, die die Rechts­po­pu­lis­ten bei der Ab­stim­mung vor zwei Jah­ren er­hal­ten ha­ben. Die Rech­nung ging nicht auf. Statt zu den Kon­ser­va­ti­ven über­zu­lau­fen, stimm­te der Groß­teil für La­bour. Und Ukip? Ist Op­fer des ei­ge­nen Er­folgs. Die EU-feind­li­che Par­tei hat­te mit dem An­set­zen ei­nes Re­fe­ren­dums und dem Br­ex­it-Vo­tum ihr wich­tigs­tes Ziel er­reicht. Par­tei­chef Paul Nut­tall trat ges­tern zu­rück. Die Rechts­po­pu­lis­ten konn­ten kei­nen ein­zi­gen Sitz ge­win­nen.

El­mo, der Kan­di­dat im Plüsch­kos­tüm, ist in Mai­den­head üb­ri­gens nicht als se­riö­se Al­ter­na­ti­ve be­trach­tet wor­den. Er er­hielt nur drei Stim­men. Lord Bu­cke­t­head brach­te es da­ge­gen auf 249 und freu­te sich so über­schwäng­lich, wie das mit ei­nem Ei­mer auf dem Kopf nur mög­lich sein kann – an­ders als sei­ne al­te und neue Ab­ge­ord­ne­te im Par­la­ment: The­re­sa May.

Foto: Adri­an Den­nis, afp

The­re­sa May hat sich ver­zockt. Ein Ex­per­te sagt: „Ih­re Po­si­ti­on ist nun sehr viel schwä­cher, und die EU Part­ner wis­sen das.“

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