Die schö­ne Sei­te der Dra­ma Queen

Ten­nis Mit der Let­tin Je­le­na Osta­pen­ko ge­winnt ei­ne New­co­me­rin die French Open. Glück­wün­sche der Kon­kur­renz blei­ben aus, weil die Let­tin ein schril­les Auf­tre­ten hat

Schwabmuenchner Allgemeine - - Sport - VON JÖRG ALLMEROTH Paris 1 Schweiz 2 Por­tu­gal 3 Un­garn 4 Fä­rö­er In­seln 5 An­dor­ra 6 Lett­land Mol­da­wi­en – Ge­or­gi­en Ir­land – Ös­ter­reich Ser­bi­en – Wa­les 1 Ser­bi­en 2 Ir­land 3 Wa­les 4 Ös­ter­reich 5 Ge­or­gi­en 6 Mol­da­wi­en GRUP­PE E Ka­sachs­tan – Dä­ne­mark Mon­te­ne­gro –

Auch im al­ler­letz­ten Mo­ment sieg­te die Frech­heit. Je­le­na Osta­pen­ko hat­te Match­ball, er­war­te­te den Auf­schlag ih­rer Geg­ne­rin Si­mo­na Halep. Es wä­re nor­mal ge­we­sen, den Ball si­cher zu­rück­zu­schla­gen, bloß kei­nen Feh­ler zu ma­chen, tak­tisch vor­zu­ge­hen. Doch was ist schon nor­mal bei Osta­pen­ko, die­ser ver­we­ge­nen Auf­stei­ge­rin? Nicht viel, und des­halb war im nächs­ten Mo­ment ein kra­chen­der Voll­tref­fer zu be­ob­ach­ten, ei­ne un­wi­der­steh­li­che, un­er­reich­ba­re Rück­hand zum 4:6, 6:4, 6:3-Er­folg, die Krö­nung des Al­les-oder-Nichts-Ten­nis, das Osta­pen­ko auf den Thron von Paris ge­führt hat­te. „Es ist un­be­greif­lich. Ich bin erst 20 – und schon Fren­chOpen-Sie­ge­rin“, sag­te die klei­ne Flit­ze­rin, die zwei Wo­chen lang die Ten­nis­welt und die an­ge­stamm­te Hack­ord­nung fast pro­vo­zie­rend auf den Kopf ge­stellt hat­te.

Se­re­na Wil­li­ams in der Schwan­ger­schafts­pau­se, Ma­ria Scha­ra­powa ver­letzt, Vik­to­ria Aza­ren­ka noch in Come­back-Vor­be­rei­tun­gen, die Welt­rang­lis­ten-Ers­te An­ge­li­que Ker­ber au­ßer Form und schnell auf den Heim­weg ge­schickt – das Tor zum Grand-Slam-Ruhm stand für vie­le an­de­re aus dem Esta­blish­ment weit, weit of­fen. Doch hin­durch spa­zier­te sie, die Let­tin Osta­pen­ko, ein Teu­fels­bra­ten von ei­ner Spie­le­rin, wild, un­be­re­chen­bar, cou­ra­giert, lei­den­schaft­lich, gif­tig und streit­bar. „Ein neu­er Star ist ge­bo­ren“, be­fand die ame­ri­ka­ni­sche Ten­nis­le­gen­de Chris Evert, „es wur­de auch Zeit. Das Da­men­ten­nis braucht fri­sches Blut.“

Eins schien ge­wiss: Lang­wei­lig wür­de es Fans und Be­ob­ach­tern nicht wer­den mit die­ser Him­mels­stür­me­rin, die bei die­sen fran­zö­si­schen Meis­ter­schaf­ten 299 di­rek­te Ge­winn­schlä­ge aus­pack­te, mehr als je­der an­de­re Spie­ler, mehr als je­de an­de­re Spie­le­rin. Und die das Kunst­stück fer­tig­brach­te, in vier von sie­ben der Knock-out-Par­ti­en ei­nen 0:1-Satz­rück­stand noch um­zu­bie­gen, auch im Fi­na­le ge­gen die er­klär­te Wett­fa­vo­ri­tin Halep, die schon mit 6:4 und 3:0 ge­führt hat­te.

Osta­pen­ko hat vie­le Ge­sich­ter auf dem Ten­nis­platz, nicht al­le sind schön, vie­les, was sie da tut, ist nicht un­be­dingt zur Nach­ah­mung emp- Die Let­tin spielt ris­kant, wa­ge­mu­tig, ver­blüf­fend, sie kennt kei­ne Kom­pro­mis­se, sie be­stimmt fast ge­gen je­de Geg­ne­rin das Spiel. Auch in ih­rem bis­her größ­ten Spiel war das so: Sie schlug 54 Voll­tref­fer, mach­te aber auch 54 Feh­ler. Halep be­kann­te frap­piert: „Ich war oft nur ei­ne Zu­schaue­rin in die­sem Match.“

Osta­pen­ko ist aber auch ein Vul­kan, der im­mer vor dem Aus­bruch zu ste­hen scheint. Als Dra­maQueen hat sie sich ei­nen we­nig schmei­chel­haf­ten Ruf auf der Ten­nis­tour er­wor­ben, ein auf­merk­sa­mer Zeit­ge­nos­se no­tier­te in den so­zia­len Me­di­en, dass die han­dels­üb­li­chen Glück­wün­sche der lie­ben Kol­le­gin­nen nach dem Osta­pen­koSieg in Paris na­he­zu voll­stän­dig aus- ge­blie­ben sei­en. Es muss dann wohl mit den Es­ka­pa­den Osta­pen­kos zu tun ha­ben, manch schril­lem Auf­tritt, den vie­len Ti­ra­den, die sich ge­gen al­les Mög­li­che und zu­wei­len auch ge­gen die ei­ge­ne En­tou­ra­ge rich­ten. Im Fi­na­le sah es so aus, als wür­de Osta­pen­ko ih­re ei­ge­ne Mut­ter, die auch lan­ge Zeit ih­re al­lei­ni­ge Trai­ne­rin war, zum Ver­las­sen des Sta­di­ons er­mun­tern. „Ich bin, wie ich bin. Ich ver­su­che das ab­zu­stel­len, aber es klappt nicht im­mer“, sagt Osta­pen­ko.

Aber man darf auch ver­mu­ten, dass sie nicht un­ter­wegs ist, um Sym­pa­thie­punk­te zu ho­len oder Be­liebt­heits­wett­be­wer­be zu ge­win­nen. An Furcht­lo­sig­keit, Kon­se­quenz und Ag­gres­si­vi­tät be­steht kein Man­foh­len. gel bei ihr, der un­wahr­schein­lichs­ten Grand-Slam-Sie­ge­rin der letz­ten Jah­re. Ganz aus dem Nichts kommt der Er­folg na­tür­lich nicht. Vor drei Jah­ren sieg­te sie in Wim­ble­don im Ju­nio­rin­nen-Wett­be­werb, doch vie­le hat­ten Zwei­fel, ob sie ei­ne Her­ku­les­auf­ga­be wie ei­nen Gran­dSlam-Tri­umph wür­de stem­men kön­nen. Doch die Un­be­re­chen­ba­re hat trotz al­lem Un­per­fek­ten die Ant­wort ge­ge­ben: Sie hat vie­le Feh­ler ge­macht, aber am En­de im­mer noch ein biss­chen mehr rich­tig.

Wird sie ein One-Hit-Won­der blei­ben? Nie­mand weiß das, aber sie hat das Po­ten­zi­al für ei­ne strah­len­de Zu­kunft. Wahr­schein­lich so­gar am ehes­ten, wenn sie so bleibt, wie sie ist. Näm­lich Miss Po­wer­play. GRUP­PE D Die neun Grup­pen­sie­ger qua­li­fi­zie­ren sich di­rekt für die WM 2018 in Russ­land. Die acht bes­ten Zweit­plat­zier­ten spie­len in Ent schei­dungs­spie­len vier wei­te­re Teil­neh­mer aus.

Fo­to: Chris­to­phe Simon, afp

Die Let­tin Je­le­na Osta­pen­ko hat erst­mals ein Grand Slam Tur­nier ge­won­nen. Die 20 Jäh­ri­ge könn­te in der Zu­kunft ei­ne prä­gen­de Rol­le im Pro­fi Ten­nis ein­neh­men.

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