Wie ei­ne Di­enst­magd zur Bis­tums­hei­li­gen wur­de

Ge­schich­te Die Ver­eh­rung der Ra­de­gun­dis reicht 700 Jah­re zu­rück. Noch heu­te be­kom­men Kin­der da­zu schul­frei / Se­rie (36)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Region Augsburg - VON WAL­TER KLE­BER

Bo­bin­gen/Augs­burg Es muss ein grau­sa­mer Tod ge­we­sen sein, den die Vieh- und Di­enst­magd Ra­de­gun­dis ge­stor­ben ist. Glaubt man der Le­gen­de, dann wur­de die jun­ge Frau – vor über 700 Jah­ren in Wul­ferts­hau­sen bei Fried­berg ge­bo­ren – nachts im dunk­len Wald von ei­nem Ru­del hung­ri­ger Wöl­fe an­ge­fal­len und zer­fleischt. Ra­de­gun­dis, so wird über­lie­fert, sei mit ei­nem Korb Es­sen auf dem Weg vom Schloss Wel­len­burg zu be­dürf­ti­gen, ar­men Leu­ten am Fuß des Schloss­ber­ges ge­we­sen, die sie – heim­lich und zum Miss­fal­len ih­rer Herr­schaft – ver­sorg­te und pfleg­te. Le­ben und Wir­ken der jun­gen Sa­ma­ri­te­rin, die ei­nen so schreck­li­chen Tod ster­ben muss­te, ga­ben schon bald An­lass für ei­ne tie­fe Ver­eh­rung der Magd im ein­fa­chen Volk.

Wis­sen­schaft­lich und his­to­risch be­legt ist ei­ne Di­enst­magd na­mens Ra­de­gun­dis auf Schloss Wel­len­burg zu die­ser Zeit al­ler­dings nicht, wie der frü­he­re Kreis­hei­mat­pfle­ger Wal­ter Pötzl in sei­nem Land­kreis­buch „Brauch­tum“schreibt. An die Stät­te ih­rer ur­sprüng­li­chen Ver­eh­rung er­in­nert un­weit von Wel­len­burg al­ler­dings noch heu­te die 1885 er­bau­te Ka­pel­le.

Das äl­tes­te schrift­li­che Zeug­nis der Ra­de­gun­dis-Hei­li­gen­le­gen­de fin­det sich in ei­nem Augs­bur­ger „Le­gen­dar“von 1601. Ein ge­schnitz­tes Fi­gür­chen – heu­te im Ma­xi­mi­lian­mu­se­um Augs­burg –, drei Holz­schnit­te und drei Ge­denk­mün­zen be­le­gen, dass die Le­gen­de noch rund hun­dert Jah­re äl­ter ist.

Fürst An­selm Ma­ria Fug­ger ließ die sterb­li­chen Über­res­te der bald als Orts­hei­li­ge ver­ehr­ten Ra­de­gun­dis am 5. Au­gust 1812 nach Wald­berg – heu­te ein Stadt­teil von Bo­bin­gen – über­tra­gen, wo sie heu­te im Hoch­al­tar der Pfarr­kir­che ver­ehrt wer­den. Auf Be­trei­ben des Orts­pfar­rers Leonhard Haß­la­cher er­fuhr St. Ra­de­gun­dis am 3. No­vem­ber 1981 ei­ne be­son­de­re Wür­di­gung: Das Augs­bur­ger Dom­ka­pi­tel er­höh­te sie zur Diö­ze­san­hei­li­gen.

Seit 1819 wird in Wald­berg all­jähr­lich am vier­ten Sonn­tag nach Pfings­ten das Ra­de­gun­dis­fest mit ba­ro­ckem Prunk und alt­über­lie­fer­ter Cho­reo­gra­fie ge­fei­ert. Be­reits zei­tig in der Frü­he wer­den die Dorf­be­woh­ner mit Mu­sik ge­weckt. Der mu­si­ka­li­sche Gruß der Blas­ka­pel­le gilt auch den Wall­fah­rern aus Rom­mels­ried, die schon seit vie­len Jah­ren zum Ra­de­gun­dis­fest pil­gern. Zum Hoch­amt wird dann die zwei­te Wall­fah­rer­grup­pe mit Pil­gern aus Wul­ferts­hau­sen er­war­tet. Im An­schluss setzt sich die tra­di­tio­nel­le Pro­zes­si­on über die Flu­ren des Or­tes in Be­we­gung, die an vier ge­schmück­ten Al­tä­ren halt macht und wie­der zur Kir­che zu­rück­kehrt.

Acht Ra­de­gun­dis­mäd­chen in ein­heit­li­chen Trach­ten füh­ren die mit Li­li­en ge­schmück­te Fi­gur der Ra­de­gun­dis im Zug mit. Eng ver­bun­den mit dem Ra­de­gun­dis­fest ist in Wald­berg ein tra­di­tio­nel­ler Jahr­markt. Nach al­ter Tra­di­ti­on ge­nie­ßen die Kin­der von Wald­berg und dem be­nach­bar­ten Kreu­z­an­ger am Fest­mon­tag ein sel­te­nes Pri­vi­leg: Sie ha­ben schul­frei.

Fo­to: Wal­ter Kle­ber

Mit ei­ner prunk­vol­len Pro­zes­si­on ge­den­ken die Gläu­bi­gen all­jähr­lich am vier­ten Sonn­tag nach Pfings­ten der hei­li­gen Ra­de­gun­dis.

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