Und Mar­tin Lu­ther mit­ten­drin

Ge­schich­te An­fang des 16. Jahr­hun­derts ge­hört die Stadt zu den be­deu­tends­ten Zen­tren des Reichs. Der Re­for­ma­tor stat­tet ihr ei­nen un­frei­wil­li­gen Be­such ab. Wie man sich das da­ma­li­ge Augs­burg vor­stel­len muss / Von Ni­co­le Prestle

Schwabmuenchner Allgemeine - - Augsburg -

ist das Jahr, in dem

Lu­ther in Wit­ten­berg sei­ne 95 The­sen an­schlug. Es jährt sich heu­er zum 500. Mal. Ein Jahr spä­ter, 1518, wur­de Lu­ther nach Augs­burg be­or­dert, wo er vor dem päpst­li­chen Ge­sand­ten Ca­je­t­an wi­der­ru­fen soll­te. In wel­che Stadt kam der Re­for­ma­tor da­mals? Wie muss man sich Augs­burg um 1517 und 1518 vor­stel­len? Ein Be­schrei­bungs­ver­such.

● Ein­woh­ner Die Be­völ­ke­rungs­zahl in Augs­burg liegt in den Jah­ren von 1500 bis 1550 un­ge­fähr auf dem sel­ben Ni­veau: Rund 30000 bis 35000 Men­schen le­ben in der Stadt. Für da­ma­li­ge Ver­hält­nis­se ist das viel: Augs­burg ist zu die­ser Zeit nach Köln und Prag die dritt­größ­te Stadt des Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches D eu­t­scher Na­ti­on. Drei Ver­glei­che, um die­se Be­völ­ke­rungs­zahl ein­ord­nen zu kön­nen: Zur Rö­mer­zeit hat Au­gus­ta Vin­de­li­cum rund 12000 Ein­woh­ner. Im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, al­so von 1618 bis 1648, nimmt die Be­völ­ke­rung dras­tisch ab: 1635 le­ben in Augs­burg nur noch knapp 16 000 Men­schen. Ak­tu­ell steu­ert die Stadt auf 300000 Ein­woh­ner zu.

● Ar­chi­tek­tur Der Baustil um 1520 ist die Re­nais­sance und sie ist in der Reichs­stadt Augs­burg gut ver­tre­ten. Trend­set­ter sind die Fug­ger: Ihr Stadt­pa­lais in der heu­ti­gen Ma­xi­mi­li­an­stra­ße weist Merk­ma­le ei­nes ita­lie­ni­schen Pa­las­tes auf und ist wohl ei­nes der pracht­volls­ten Ge­bäu­de in die­ser Zeit. Die Schau­brun­nen mit Her­ku­les, Mer­kur und Au­gus­tus gibt es An­fang des 16. Jahr­hun­derts noch nicht. Statt­des­sen steht in­mit­ten der Ma­xi­mi­li­an­stra­ße – auf Hö­he des heu­ti­gen Stan­des­am­tes – das so­ge­nann­te Sie­gel­haus, wo die Wein­fäs­ser kon­trol­liert wer­den. Zwi­schen die­sem Haus und St. Mo­ritz, wo noch das Tanz­haus steht, gibt es ei­nen an­sehn­li­chen Platz, der für gro­ße Fes­te ge­nutzt wird. Lu­ther, der wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts in St. An­na wohnt und in den Fug­ger­häu­sern auf Ca­je­t­an trifft, spa­ziert auf sei­nem Weg al­so an zahl­rei­chen Stadt­pa­läs­ten vor­bei.

● Ein­kau­fen Na­tür­lich darf man sich die „Ge­schäf­te“von einst nicht so vor­stel­len wie die heu­te. In den Häu­sern ent­lang der Ma­xi­mi­li­an­stra­ße gibt es kei­ne Lä­den und kei­ne Schau­fens­ter. Die Augs­bur­ger Bür­ger kau­fen ih­re Wa­ren auf Märk­ten: Zwi­schen St. Mo­ritz und dem Rat­haus bei­spiels­wei­se liegt der Brot­markt, um St. Ja­kob her­um der Sau­markt. Schon da­mals gibt es die Os­ter­und die Michael­i­dult, da Lu­ther aber En­de Ok­to­ber in Augs­burg weilt, dürf­te er bei­de ver­passt ha­ben. Und für den Weih­nachts­markt, der auch da­mals schon exis­tiert, ist es noch zu früh.

● Ge­sell­schaft Augs­burg, sagt der His­to­ri­ker Prof. Rolf Kieß­ling, war um 1520 ei­ne bun­te und le­ben­di­ge Stadt. Wer durch die Stra­ßen fla­nier­te, be­geg­ne­te Men­schen aus al­len Be­völ­ke­rungs­schich­ten. Zwi­schen Dom und St. Ul­rich, in der so­ge­nann­ten Ober­stadt, hiel­ten sich vor­nehm­lich Pa­tri­zi­er und Kauf­leu­te auf. Ging man den Berg nach un­ten in die heu­ti­ge Alt­stadt, be­fand man sich im Hand­wer­ker­vier­tel, wo es sehr ge­schäf­tig zu­ging, weil dort vie­le Werk­stät­ten la­gen.

● Wirt­schaft­li­che La­ge Das Augs- des 16. Jahr­hun­derts ist, un­ter an­de­rem, ei­ne We­ber­stadt. Als Lu­ther hier­her kommt, gibt es zwi­schen 1000 und 1500 We­ber­werk­stät­ten. Auch Ger­ber und Fär­ber ar­bei­ten hier, sie ha­ben ih­re Werk­stät­ten – eben­so wie die Metz­ger – an den Ka­nä­len in der heu­ti­gen Alt­stadt. Das Trei­ben be­ginnt dort früh­mor­gens, mit Son­nen­auf­gang. „Das Le­ben hing da­mals noch stark am Ta­ges­licht“, sagt Kieß­ling. Was vie­le nicht wis­sen: Ab 1520 spielt Augs­burg zu­neh­mend ei­ne Rol­le im Berg­bau, um 1530 teilt es sich den eu­ro­päi­schen Kup­fer­markt mit Nürnberg auf. Ein drit­ter, wich­ti­ger Wirt­schafts­fak­tor ist das Ban­ken­we­sen, zu­dem ist Augs­burg ei­nes der gro­ßen Druck­zen­tren des Rei­ches. ● Ess­ge­wohn­hei­ten „Ich ess, was ich mag, ich sterb, wann Gott will.“Die­ses Mot­to gilt da­mals fürs Es­sen. Lu­ther kommt wäh­rend sei­nes Augs­burg-Auf­ent­halts im da­mals ka­tho­li­schen Klos­ter St. An­na un­ter. Die Kar­me­li­ten dort, schätzt Prof. Kieß­ling, dürf­ten kei­ne Kost­ver­äch­ter ge­we­sen sein – ob­wohl es sich um ei­nen Bet­tel­or­den han­del­te. Die ein­fa­chen Bür­ger er­näh­ren sich um 1520 vor al­lem von Ha­fer- und Ge­trei­de­mus. Fleisch gibt es bei ih­nen höchs­tens zwei- oder drei­mal die Wo­che. Die Pa­tri­zi­er spei­sen bes­ser: Es gibt Bra­ten, Ge­sot­te­nes, Wild­bret und sü­ße Nach­spei­sen. Die rei­chen Augs­bur­ger kön­nen sich au­ßer­dem teu­re Ge­wür­ze wie Pfef­fer leis­ten. Ge­mü­se und Milch­pro­duk­te kom­men da­mals vom Land, Wein­trau­ben vom Bo­den­see. Und: Es gibt gro­ße Och­sen­trie­be, in de­nen man die Tie­re von Un­garn nach Schwa­ben treibt. In den dor­ti­gen Schlacht­häu­sern wer­den sie dann ver­ar­bei­tet. Lu­ther wird in Augs­burg ziem­lich si­cher gut ver­sorgt: Die Kar­me­li­ten gel­ten als gast­freund­lich. Stadt­schrei­ber Peu­t­in­burg ger lädt den Mönch au­ßer­dem zu ei­nem Fest­mahl in sein Haus ein. Auch ei­ni­ge Rats­mit­glie­der sind da­bei. Das Mes­ser ha­ben die Men­schen da­mals in der Re­gel stets da­bei, den Löf­fel eben­falls – er hängt am Ho­sen­bund. Die Ga­bel da­ge­gen ist um die­se Zeit ein Zei­chen der Zi­vi­li­sa­ti­on und noch nicht so häu­fig in Ge­brauch.

● Geld Selbst Lu­ther, ein Mönch, dürf­te da­mals wohl ei­ni­ge Mün­zen bei sich ge­tra­gen ha­ben, da er auf Rei­sen ja Kost und Lo­gis be­zah­len muss­te. Im 16. Jahr­hun­dert ken­nen die Men­schen nur Münz­geld: Hel­ler, Bat­zen und Schil­lin­ge ge­hö­ren zur Sil­ber­wäh­rung. Mehr wert ist die Gold­wäh­rung: Gul­den und Flo­ri­ne. Man trägt sie in Beu­teln bei sich. Der Jah­res­lohn ei­nes Hand­wer­kers be­trägt da­mals rund 20 bis 30 Gul­den. Zum Ver­gleich: Der Au­gus­tus­brun­nen, der von 1588 bis 1594 ent­steht, kos­tet 10 000 Gul­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.