Schatz­su­che für die gan­ze Fa­mi­lie

Geo­caching mit dem Han­dy ist ein Er­leb­nis

Schwabmuenchner Allgemeine - - Die Welt Unserer Kinder - Beltz Ver­lag, 176 Sei­ten, 9,95 Eu­ro

Vor 25 bis 30 Jah­ren war die Sa­che mit den Gren­zen viel ein­fa­cher als heu­te. Das lag in ers­ter Li­nie dar­an, dass zwi­schen der Er­zie­hung in den Fa­mi­li­en – in de­nen fast al­le die­sel­ben Gren­zen zo­gen – und der Er­zie­hung in Kin­der­gär­ten und Schu­len weit­ge­hen­de Über­ein­stim­mung herrsch­te. Die Er­wach­se­nen be­sa­ßen ei­ne grö­ße­re Ge­wiss­heit als heu­te, was die „rich­ti­ge“Er­zie­hung an­ging. Wa­ren El­tern in Zwei­fel, konn­ten sie sich im Fa­mi­li­en- und Freun­des­kreis um­hö­ren und er­hiel­ten in der Re­gel gleich­lau­ten­de Ant­wor­ten. Mö­gen sie auch selbst ge­zwei­felt ha­ben, so er­fuh­ren sie brei­te Un­ter­stüt­zung von ih­rer Um­ge­bung. Die meis­ten Er­wach­se­nen wa­ren fel­sen­fest da­von über­zeugt, dass Kin­der ler­nen müss­ten, sich ein- und un­ter­zu­ord­nen – not­falls un­ter An­wen­dung von Stra­fen und Ge­walt. Un­ter­schie­de be­stan­den al­len­falls zwi­schen den so­zia­len Schich­ten der Ge­sell­schaft, doch in­ner­halb der ei­ge­nen Schicht konn­te man sich sei­ner Er­zie­hungs­zie­le und -mit­tel ge­wiss sein.

In­zwi­schen ist viel ge­sche­hen, was die Wer­te und Nor­men in Fa­mi­lie und Ge­sell­schaft be­trifft. Un­ser Wis­sen über Kin­der und ih­re Ent­wick­lung ist be­trächt­lich ge­wach­sen. Im „Buch der Mut­ter“von 1925 rät man El­tern ent­schie­den da­von ab, ge­mein­sam mit ih­ren Kin­dern das Abend­es­sen ein­zu­neh­men. Es folg­ten Jahr­zehn­te, in de­nen man es als be­son­ders wich­tig an­sah, dass die Fa­mi­lie ge­mein­sam aß, wäh­rend wir uns heu­te ei­ner Si­tua­ti­on an­nä­hern, in der die El­tern selbst ent­schei­den sol­len, ob sie ge­mein­sa­me Mahl­zei­ten be­vor­zu­gen oder ob je­des Fa­mi­li­en­mit­glied für sei­ne Nah­rungs­auf­nah­me selbst ver­ant­wort­lich sein soll. (...) Die un­ein­ge­schränk­te und to­ta­li­tä­re Macht der Er­wach­se­nen über die Kin­der ge­hört in un­se­rer Kul­tur fast voll­stän­dig der Ver­gan­gen­heit an, und dar­über soll­ten wir al­le froh sein. Ei­ne der ge­gen­wär­ti­gen Fol­gen ist je­doch, dass wir Er­wach­se­nen neue We­ge für die Ge­mein­schaft mit un­se­ren Kin­dern fin­den müs­sen. Denn an der Er­kennt­nis, dass Kin­der am bes­ten in­ner­halb ei­ner Fa­mi­lie auf­wach­sen, in der ge­wis­se Gren­zen exis­tie­ren, hat sich nichts ge­än­dert. Nur be­ste­hen die­se Gren­zen nicht mehr aus den Re­geln und Ver­bo­ten, die frü­he­re El­tern aus­spra­chen: Du musst! Du darfst nicht! Du sollst nicht! (...)

Der wich­tigs­te Un­ter­schied zu frü­her be­steht dar­in, dass die Gren­zen nicht mehr die Gestalt ei­nes elek­tri­schen Zauns ha­ben, der die Kin­der um­gibt, son­dern dass sie die per­sön­li­chen Gren­zen der El­tern zum Aus­druck brin­gen. Statt zu fra­gen: „Was ist rich­tig für das Kind?“müs­sen wir uns fra­gen: „Was ist rich­tig für mich? – Und was be­deu­tet das für mein Kind?“Es gibt kei­nen ver­bind­li­chen Kon­sens, der uns dar­über in­for­miert, was üb­lich, rich­tig oder falsch ist. Statt­des­sen müs­sen wir uns selbst be­fra­gen, was für vie­le von uns ei­ne neue und un­ge­wohn­te Auf­ga­be ist. Wir müs­sen, mit an­de­ren Wor­ten her­aus­fin­den, wer wir sind und wer un­se­re Kin­der sind – und das kann ei­ne ge­rau­me Zeit in An­spruch neh­men.

Es wird oft ge­sagt, dass Kin­der ih­re Gren­zen „aus­tes­ten“, und es ist auch nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass vie­le Päd­ago­gen und El­tern der Mei­nung sind, man sol­le den Kin­dern mehr Gren­zen set­zen und über­haupt stren­ger und kon­se­quen­ter in der Er­zie­hung sein. Mei­ner Er­fah­rung nach ist es je­doch zweck­mä­ßi­ger, kei­ne „Dia­gno­se“zu stel­len, son­dern den Man­gel oder die Sehn­sucht ei­nes Kin­des zu er­grün­den. Kin­der, die an­geb­lich ih­re Gren­zen „aus­tes­ten“, su­chen ge­wis­ser­ma­ßen nach der wah­ren Per­sön­lich­keit ih­rer El­tern. Sie wol­len wis­sen, wer ih­re El­tern ei­gent­lich sind und wo­für sie ste­hen.

An die­ser Stel­le woll­te Je­sper Ju­ul Fra­gen un­se­rer Le­ser be­ant­wor­ten. Das ist ihm im Mo­ment je­doch nicht mög­lich, wird aber nach­ge­holt. Da­her dru­cken wir heu­te ei­nen Aus­zug aus sei­nem Buch:

» Je­sper Ju­ul: Die kom­pe­ten­te Fa­mi­lie Ha­ben Sie ge­wusst, dass in Ih­rer Nach­bar­schaft ver­mut­lich auch ein Schatz schlum­mert? Oder zwei. Oder noch mehr? Gut ver­steckt, von den meis­ten Men­schen un­be­merkt – und doch heiß be­gehrt: von Geo­cachern. Die­se mo­der­nen Schatz­su­cher ha­ben kei­ne al­ten, an­ge­k­okel­ten Kar­ten mehr, sie sind mit Smart­pho­nes aus­ge­stat­tet und nä­hern sich per GPS und mit­hil­fe be­son­de­rer Geo­caching-Apps (zum Bei­spiel bei geo­caching.com) den Schät­zen – üb­ri­gens welt­weit. Ha­ben sie die Kar­te rich­tig ge­le­sen und das gro­be Ter­rain ge­fun­den, heißt es Köpf­chen an­schal­ten. Ei­ni­ge Schät­ze sind näm­lich rich­tig gut ver­steckt und die Hin­wei­se im In­ter­net oder auf den Apps manch­mal kru­de. Hur­ra! Da kann schon mal die gan­ze Fa­mi­lie kno­beln und kom­bi­nie­ren. Hat man ein „Ca­che“ge­fun­den und sich im „Schatz­buch“ver­ewigt, ist das Ge­fühl aber um­so auf­re­gen­der. Wer schon al­les hier war… Und so­fort ploppt der Ge­dan­ke auf: „Ab zum nächs­ten Schatz!“Al­so: Un­be­dingt aus­pro­bie­ren!

(lea)

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