Spa­zier­gang durch ei­ne Sin­fo­nie

Ex­pe­ri­ment War­um jetzt das Sym­pho­nie­or­ches­ter des Baye­ri­schen Rund­funks in das Len­bach­haus ein­zieht

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton - VON CHRIS­TA SIGG Len­bach­haus München, Lui­sen­stra­ße 33, Sonn­tag, 25. Ju­ni 2017, 16 bis 20 Uhr.

München Au­gen zu und ein­tau­chen in ein Meer von Tö­nen – so stellt man sich den per­fek­ten Mu­sik­ge­nuss vor. Für Ari Ben­ja­min Mey­ers ist das nur die hal­be Wahr­heit. „Die Schall­plat­te gau­kelt uns da seit Jahr­zehn­ten et­was vor“, sagt er, „aber Mu­sik geht weit übers Hö­ren hin­aus.“Des­halb treibt den Kom­po­nis­ten vor al­lem ei­ne Fra­ge um: Wie zeigt man das? Oder bes­ser: Wie stellt man Mu­sik aus?

Mey­ers Lö­sung: der Kunst­raum. Für das Münch­ner Len­bach­haus hat der 45-jäh­ri­ge Ame­ri­ka­ner ei­ne per­for­ma­ti­ve In­stal­la­ti­on ent­wi­ckelt, die das ge­sam­te Mu­se­um ein­neh­men soll – das ist am kom­men­den Wo­che­n­en­de der Hö­he­punkt des Münch­ner Kun­stare­al­fests. Aus­füh­ren wird ihn das Sym­pho­nie­or­ches­ter des

Zeit­ge­nös­si­sches ist zwar längst All­tag des Spit­zenen­sem­bles, doch jetzt be­tre­ten die Mu­si­ker Neu­land. Mit der Par­ti­tur hat das nichts zu tun; Mey­ers ver­langt we­der kom­pli­zier­te Ton­sprün­ge noch ver­track­te Rhyth­mus­wech­sel. Statt­des­sen sol­len sich 80 Orches­ter­mit­glie­der per

Baye­ri­schen Rund­funks.

Hand­lungs­an­wei­sung, doch oh­ne Di­ri­gent, in ei­ner mehr oder we­ni­ger lo­cke­ren Cho­reo­gra­fie im Raum be­we­gen – und von ei­nem Saal zum nächs­ten. Wie das dann mit den No­ten als „Ge­dächt­nis­hil­fen“funk­tio­nie­ren soll, ist noch nicht ganz ge­klärt. Die Marsch­ga­bel der Blas­ka­pel­len wä­re ei­ne bo­den­stän­dig prak­ti­sche Lö­sung. Auch die gro­ße Trom­mel bie­tet, um den Bauch ge­schnallt, ein gut ein­seh­ba­res Pult und könn­te auf die­se Wei­se pro­blem­los durchs Haus wan­dern. Mit dem Rest des Schlag­werks dürf­te es da­ge­gen schwie­rig wer­den. Ge­nau­so brau­chen Bass und Cel­lo die Fi­xie­rung am Bo­den. Zu­dem hat je­der Be­reich ei­ne an­de­re Akus­tik, und wer die ehe­ma­li­ge Künst­ler­vil­la am Kö­nigs­platz kennt, weiß um die vie­len klei­ne­ren Ka­bi­net­te. Nicht nur das Blech kann da leicht übers Er­träg­li­che hin­aus dröh­nen. Mey­ers Ex­pe­ri­ment setzt ei­ne aus­ge­tüf­tel­te Lo­gis­tik vor­aus.

Wie das al­les mit der Kunst zu­sam­men­geht? „Die ha­be ich mir ge­nau an­ge­se­hen“, er­klärt Mey­ers: „Was Sie am Sonn­tag hö­ren, wird kein Kommentar zu ein­zel­nen Wer­ken sein“– wie et­wa Mus­sorgs­kys „Bil­der ei­ner Aus­stel­lung“. Aber viel­leicht ist das nur ei­ne Fra­ge der Fan­ta­sie des ein­zel­nen Be­su­chers.

Die fürs Len­bach­haus so prä­gen­den Ma­ler des Blau­en Rei­ter wa­ren an neu­en Tö­nen stark in­ter­es­siert; Was­si­ly Kand­ins­ky ver­such­te sich mit sei­ner 1912 ver­öf­fent­lich­ten Büh­nen­kom­po­si­ti­on „Der gel­be Klang“an ei­ner abs­trak­ten Syn­the­se von Mu­sik, Far­be und Tanz. Da­mit ist die Städ­ti­sche Ga­le­rie der idea­le Ort für Mey­ers „Sym­pho­ny 80“.

Vier St­un­den soll sie dau­ern und Ein­bli­cke ins In­ne­re ei­ner Orches­ter­ma­schi­ne­rie ge­wäh­ren. Zu­gleich ver­lässt sich Mey­ers auf die Initia­ti­ve der Mu­si­ker, die in Tuch­füh­lung mit ih­rem Pu­bli­kum ge­hen und sich als In­di­vi­du­en prä­sen­tie­ren sol­len. Das be­ginnt schon da­mit, dass sich je­der mit sei­nem In­stru­ment erst ein­mal im Foy­er vor­stellt, um dann wei­ter­zu­zie­hen – bis sich das Haus in ei­ne ko­or­di­nier­te über­di­men­sio­na­le Klang­skulp­tur ver­wan­delt hat. „Die Be­su­cher kön­nen dann durch ei­ne Sin­fo­nie spa­zie­ren“, kün­digt Mey­ers an. Und da­mit bie­tet der an der New Yor­ker Juil­li­ard School aus­ge­bil­de­te Pia­nist und Di­ri­gent ge­nau das, was ihm selbst im­mer ge­fehlt hat: das vi­su­el­le und das kör­per­li­che Er­le­ben.

Mey­ers, der seit 20 Jah­ren in Ber­lin lebt, ist welt­weit ge­fragt. Künst­ler wie Ti­no Seh­gal, Do­mi­ni­que Gon­za­lez-Fo­ers­ter und An­ri Sa­la bin­den ihn seit Jah­ren in ih­re per­for­ma­ti­ven Ar­bei­ten ein. Und für den Thea­ter­re­gis­seur Ul­rich Ra­sche ge­hö­ren Mey­ers re­pe­ti­ti­ve Klän­ge eben­falls zum ele­men­ta­ren Be­stand­teil sei­ner Ins­ze­nie­run­gen – zu­letzt in Schil­lers „Räu­ber“am Münch­ner Re­si­denz­thea­ter. Fast im­mer sind es die dar­stel­len­den und bil­den­den Künst­ler, die auf den Kom­po­nis­ten zu­kom­men. Schön, wenn nun auch die Mu­sik in Be­we­gung ge­rät.

Auf­füh­rung

Fo­to: dpa

Der Ein­gang des er­wei­ter­ten Len­bach hau­ses in München.

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