Die Sau im ei­ge­nen Gar­ten frisst ger­ne Kek­se

Haus­tier Seit fünf Jah­ren hält die Fa­mi­lie Grö­ger ein Wild­schwein bei sich. Es ist Strei­chel­tier und Wach­hund in ei­nem

Schwabmuenchner Allgemeine - - Mensch & Tier - VON ANDRE­AS SCHOPF

Al­ten­stadt Wenn nichts mehr hilft, kom­men die Crois­sants zum Ein­satz. „Für Sü­ßig­kei­ten tut er al­les“, sagt Cor­du­la Grö­ger und ra­schelt mit ei­ner Plas­tik­tü­te voll mit dem fran­zö­si­schen Ge­bäck. Doch nach wie vor kei­ne Spur von Eber­hardt. „Ebi“, ruft Grö­ger. „Na komm, Bu­bi.“Aus der Blech­hüt­te in ei­ner Ecke ih­res Gar­tens grunzt es. Grö­ger macht den Zaun vor der Hüt­te auf und geht in das Ge­he­ge. Wie­der schüt­telt sie ih­re Tü­te. Und dann kommt Eber­hardt. Lang­sam wuch­tet er sei­nen fül­li­gen Kör­per durch den Matsch – am Vor­tag hat es ge­reg­net – und reckt sei­ne Schnau­ze in Rich­tung der Crois­sants. Grö­ger streicht über das bors­ti­ge Fell und lä­chelt. „Du bist schon ei­ne fau­le Sau.“

Das ist nicht mal bö­se ge­meint. Eber­hardt, so heißt das Haus­tier der Grö­gers, ist nicht ir­gend­ein Haus­tier. Eber­hardt ist ein Wild­schwein. Und lebt im Gar­ten der drei­köp­fi­gen Fa­mi­lie in Al­ten­stadt (Land­kreis Neu-Ulm). Sein Reich ist ein et­wa zehn auf 15 Me­ter gro­ßes Ge­he­ge mit schlam­mi­gem Bo­den und ei­ner Was­ser­stel­le zum Suh­len so­wie ei­ner Blech­hüt­te als Un­ter­stand. Auch im rest­li­chen Gar­ten darf er sich aus­to­ben – aber nur un­ter Auf­sicht. „An­sons­ten gräbt er uns den gan­zen Gar­ten um“, sagt Grö­ger.

Ein Wild­schwein als Haus­tier – wie kommt man da­zu? Im Fall von Eber­hardt hat­te ein Jä­ger des­sen Mut­ter er­legt. Das war vor fünf Jah­ren. Die ver­blie­be­nen Frisch­lin­ge – Eber­hardt und sein Bru­der – brauch­ten ein neu­es Zu­hau­se. Der be­freun­de­te Jä­ger kam auf die Grö­gers zu, die die bei­den Jung­tie­re bei sich auf­nah­men. Der Bru­der starb nach nur ei­nem Tag, doch Eber­hardt hielt durch. Auch dank der Pfle­ge sei­ner neu­en Fa­mi­lie. Die päp­pel­te das klei­ne Wild­schwein mit ei­ner Fla­sche auf. Schnell ge­wöhn­te sich Eber­hardt an die Men­schen um sich her­um – und konn­te nicht mehr oh­ne sie. „Man konn­te ihn nicht mal kurz zum Ein­kau­fen al­lei­ne las­sen, oh­ne dass er laut ge­quiekt hat“, er­zählt Cor­du­la Grö­ger. „Die ers­ten Mo­na­te ha­ben un­glaub­lich viel Ner­ven ge­kos­tet.“

Doch die Grö­gers be­hiel­ten das un­ge­wöhn­li­che Haus­tier, das mitt­ler­wei­le ge­schätzt um die 200 Ki­lo­gramm schwer ist. Gas­si ge­hen sie mit ihm je­doch nicht. „Wir ha­ben es ver­säumt, ihn früh an ei­ne Lei­ne zu ge­wöh­nen, jetzt ist es zu spät da­für.“

Da­für ha­ben die Grö­gers in ihm ei­ne Art Wach­hund. Denn: Bei Frem­den, die sich dem Grund­stück nä­hern, gibt Eber­hardt ei­nen laut­star­ken Warn­ruf von sich. Ab­schre­cken­de Wir­kung ha­ben auch sei­ne spit­zen Zäh­ne. „Das sind Waf­fen, da­vor muss man Re­spekt ha­ben“, sagt Grö­ger. Zum Schutz der an­de­ren kommt er des­halb auch nur sel­ten in Kon­takt mit den Tie­ren, die bei der Fa­mi­lie woh­nen. Das sind je­de Men­ge: ein Huhn, zwei Hun­de, vier Zie­gen, fünf Kat­zen und sie­ben Ha­sen. Au­ßer­dem mit in Eber­hardts Stall: zwei klein­wüch­si­ge Haus­schwei­ne. Am Gar­ten­tor warnt ein Schild vor dem Wild­schwein: „Vor­sicht, er könn­te schlecht ge­launt sein!“

Doch im Grun­de ist Eber­hardt ein Lie­ber. Er ge­nießt es, ge­krault und ge­bürs­tet zu wer­den. Und ist scharf auf Sü­ßig­kei­ten. Ne­ben Crois­sants mag er am liebs­ten Kek­se mit Scho­ko­la­de. Da so et­was nicht zur na­tür­li­chen Nah­rung ei­nes Wild­schweins ge­hört, gibt es sol­che Le­cker­lis aber nur sel­ten. An­sons­ten frisst Eber­hardt so ziem­lich al­les: Obst, Ge­mü­se, Brot, Nu­deln, Kar­tof­feln, Wurst. Was auf dem Kü­chen­tisch nicht auf­ge­ges­sen wird, fin­det in ihm ei­nen dank­ba­ren Ab­neh­mer. „Nur Brok­ko­li mag er nicht“, sagt Grö­ger und lacht.

Das Wild­schwein ist ein Teil der Fa­mi­lie ge­wor­den. Und soll es auch wei­ter blei­ben. „So­lan­ge er nicht ge­fähr­lich wird, bleibt er bei uns. Er ist uns viel zu sehr ans Herz ge­wach­sen.“Um Eber­hardt und ih­re an­de­ren Tie­re zu hal­ten, ver­zich­ten die Grö­gers auf ei­ni­ges. Zum let­zen Mal wa­ren sie vor mehr als 20 Jah­ren im Ur­laub. In die­sem Punkt ist auch kei­ne Bes­se­rung in Sicht, ist sich Grö­ger be­wusst: „Wer wür­de denn auf ein Wild­schwein auf­pas­sen?“

Fo­tos: Andre­as Schopf

Auch Wild­schwei­ne brau­chen Zu­wen­dung: Cor­du­la Grö­ger ver­passt ih­rem Eber­hardt sei­ne ge­lieb­ten Strei­chel­ein­hei­ten.

Be­su­cher wer­den am Gar­ten­ein­gang vor Eber­hardt ge­warnt.

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