Zwei Schwes­tern rin­gen um Frie­den

Urauf­füh­rung Vom All­tag ins Mys­te­ri­um: Wie Patrick Schä­fers Frie­dens­oper „Letz­te Nacht“in St. An­na be­rührt

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton Regional - VON MAN­FRED EN­GEL­HARDT 25. Ju­ni, um 21 Uhr am Sonn­tag,

Wie kann man den Ge­dan­ken, die Kon­se­quen­zen der Re­for­ma­ti­on künst­le­risch-mu­si­ka­lisch dar­stel­len? Zum 500-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um hat der Kir­chen­vor­stand von St. An­na ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Hö­he­punkt in Gang ge­setzt: Der jun­ge Augs­bur­ger Kom­po­nist Patrick Schä­fer er­hielt den Auf­trag für ei­ne Frie­dens­oper. In St. An­na er­fuhr jetzt die Oper „Letz­te Nacht“, rea­li­siert in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Thea­ter Augsburg, ei­ne ein­drucks­vol­le Urauf­füh­rung.

Der Grund­ge­dan­ke war, die Po­la­ri­tät dar­zu­stel­len, in der sich der re­li­giö­se Standpunkt ver­or­ten will: Wie ge­hen die Frei­heit des Dis­kur­ses über die Re­li­gi­on und Glau­bens­si­cher­heit in eben die­ser Frei­heit zu­sam­men? Das jun­ge Pro­duk­ti­ons­team – Patrick Schä­fer, Re­gis­seu­rin Mai­ke Bou­schen, Li­bret­tist Ma­xi­mi­li­an Dor­ner – hat den Ver­such ei­nes klei­nen Welt­thea­ters ge­wagt. Sym­bo­li­sche Per­so­nen und so­zia­le Grup­pen kom­men in ei­nem ver­dich­te­ten Zei­t­raum und an ei­nem un­be­stimm­ten Ort zu Wort und Klang: Es ist die Nacht, in der die rea­len Ak­tio­nen ru­hen.

In der „Letz­ten Nacht“wer­den in sie­ben Sze­nen ex­em­pla­risch Nö­te und Wün­sche, All­tags­sor­gen wie auch die Sehn­sucht nach dem Er­ken­nen des Mys­te­ri­ums der mensch­li­chen Exis­tenz zum Aus­drucks ge­bracht. Die Haupt­fi­gu­ren, die un­ter­schied­li­chen Schwes­tern Stel­la und So­le­dad als sym­bo­li­sche Hand­lungs­trä­ger, tra­gen kul­ti­sche Ge­wän­der, Pries­te­rin­nen des Rin­gens um die Ent­schei­dung, wie der Frie­den in ei­ner auf­ge­wühl­ten Welt zu ge­stal­ten ist. Stel­la ver­harrt im ak­ti­ons­lo­sen Seh­nen ih­res mys­ti­schen Be­wusst­seins. So­le­dad da­ge­gen will dras­ti­sche Ve­rän­de­run­gen, das Al­te ge­gen das Neue aus­tau­schen, und hat im „Ge­sand­ten“ei­nen Hel­fer. In All­tags­klei­dern da­ge­gen agiert der Chor der Müt­ter, Grenz­wäch­ter, der Lie­ben­den, An­ge­stell­ten, Al­ten. Aber auch vom Schick­sal ge­trie­be­ne Ein­zel­per­so­nen, wie Ay­sha, das Flücht­lings­mäd­chen, die krebs­kran­ke Ma­rie, oder der klei­ne Be­ne­dikt, tra­gen All­tags­look.

Patrick Schä­fers Mu­sik trägt mit ei­ner hin­rei­ßen­den Ex­pres­si­vi­tät die teils som­nam­bul flüs­tern­de, teils ex­plo­die­ren­de, teils me­lo­di­ös strö­men­de klin­gen­de Büh­ne von Sze­ne zu Sze­ne: Flir­ren­de, in Be­leuch­tung und Far­be chan­gie­ren­de Lie­ge­tö­ne, ato­nal mes­ser­schar­fe Rei­bun­gen, auch ein­ge­floch­te­ne Cho­ral-For­meln, mo­to­ri­sche Treib­sät­ze wech­seln sich ge­schmei­dig ab. Die Augs­bur­ger Phil­har­mo­ni­ker un­ter Ca­ro­lin Nord­mey­er rea­li­sie­ren dies prä­zis und bild­stark. Den Prot­ago­nis­tin­nen Stel­la (Su­san­ne Si­men­ec) und So­le­dad (Li­at Him­mel­he­ber) hat Schä­fer sehr kan­ta­bles Me­los ins Buch ge­schrie­ben, das von ih­nen bril­lant aus­ge­sun­gen wird. Coun­ter­te­nor Ni­cho­las Ha­ria­des als Ge­sand­ter, Ma­ria Mag­da­le­na Mund (Ay­sha), Sa­bi­ne Böß (Ma­rie) und Ju­lia Me­nach­er (Be­ne­dikt) ge­fie­len eben­so wie der groß­ar­tig von Micha­el Non­nen­ma­cher ein­stu­dier­te Ma­d­ri­gal­chor. Wenn man auch in die­sem Klang­kos­mos, sprich der hal­len­den Akus­tik, den sehr dis­kur­si­ven Li­bret­to-Text nicht ver­steht, sich aber mit dem Text­buch im Pro­gramm be­hel­fen kann, wirkt die­ses mu­si­ka­li­sche Er­leb­nis sehr nach­hal­tig wei­ter. Rau­schen­der Ap­plaus.

Wei­te­re Auf­füh­rung

Fo­to: Fred Schöll­horn

Ih­re Nö­te und Wün­sche brin­gen die bei­den Schwes­tern So­le­dad (Li­at Him­mel­he­ber, lie­gend) und Stel­la (Su­san­ne Si­men­ec) zum Aus­druck.

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