Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (49)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wetter | Roman -

Das Ger­an­gel hat ein jä­hes, de­fi­ni­ti­ves En­de ge­fun­den, und Ho­ney geht als kla­rer Sie­ger vom Platz. Ich will nicht über­trei­ben, aber ich ver­mu­te stark, dass Tom sei­nen Meis­ter ge­fun­den hat. Ob sich dar­aus et­was er­gibt, ist ei­ne an­de­re Sa­che, ab­hän­gig von der Zeit und den rät­sel­haf­ten We­gen des Flei­sches. Ich neh­me mir vor, die wei­te­re Ent­wick­lung im Au­ge zu be­hal­ten. Früh am nächs­ten Mor­gen ru­fe ich Al Ju­ni­or auf der Tank­stel­le an, aber er ist noch nicht schlau dar­aus ge­wor­den, was mit dem Au­to los ist. „Ich ar­bei­te ge­ra­de dar­an“, sagt er. „So­bald ich es weiß, mel­de ich mich.“

Ich stau­ne selbst, wie we­nig mich die­se Aus­kunft be­rührt. Falls über­haupt, bin ich froh, noch ei­nen Tag auf un­se­rem Hü­gel fest­zu­sit­zen, froh, noch nicht an die Rück­kehr nach New York den­ken zu müs­sen.

Ich ha­be an die­sem Mor­gen et­was zu er­le­di­gen, je­doch ge­lingt es mir nicht, St­an­ley da­zu zu brin­gen, ein­mal lan­ge ge­nug sit­zen zu blei­ben, dass ich ein erns­tes Ge­spräch mit ihm an­fan­gen kann. Er macht uns Früh­stück, aber kaum hat er die Tel­ler vor uns hin­ge­stellt, rennt er auch schon aus der Kü­che nach oben, um un­se­re Bet­ten zu ma­chen. Da­nach hat er ver­schie­de­ne Din­ge im Haus zu tun: Glüh­bir­nen ein­schrau­ben, Tep­pi­che aus­klop­fen, ver­klemm­te Schie­be­fens­ter re­pa­rie­ren. Mir bleibt nichts üb­rig, als auf ei­ne spä­te­re Ge­le­gen­heit zu hof­fen.

Der Mor­gen ist kühl und neb­lig. Wir tra­gen Pull­over, als wir auf die Veran­da tre­ten und den vom Tau ge­tränk­ten Ra­sen be­trach­ten. Nach­her wer­den die Wol­ken sich auf­lö­sen, und dann gibt es wie­der ei­nen fun­keln­den Nach­mit­tag, fürs Ers­te aber sind die Sträu­cher und Bäu­me kaum zu se­hen. Lu­cy hat ein Buch in ih­rem Zim­mer ge­fun­den und mit auf die Veran­da ge­nom­men. Es ist ein schma­les Ta­schen­buch, und da ih­re Hand den Ti­tel ver­deckt, bit­te ich sie, es mir zu zei­gen. Ri­ders of the Pur­p­le Sa­ge von Za­ne Grey. Ich fra­ge sie, ob es gut ist, und sie nickt en­er­gisch. Nicht bloß gut, scheint sie mir zu sa­gen, son­dern ein zeit­lo­ses Meis­ter­werk. Ich fin­de das ei­ne selt­sa­me Lek­tü­re für ein neun­jäh­ri­ges Mäd­chen, wüss­te aber auch nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den. Die Klei­ne liest gern, sa­ge ich mir, und das se­he ich als et­was Po­si­ti­ves, als Be­weis da­für, dass un­se­re klei­ne Aus­rei­ße­rin nicht auf den Kopf ge­fal­len ist. Tom setzt sich auf den Stuhl ne­ben mir, wäh­rend Lu­cy sich mit ih­rem Wes­tern in die Hol­ly­wood­schau­kel legt. Er zün­det sich die üb­li­che Zi­ga­ret­te nach dem Früh­stück an und sagt: „Was meinst du, ob Al Ju­ni­or das Au­to über­haupt re­pa­rie­ren kann?“

„Ich den­ke doch“, ant­wor­te ich. „Aber ich ha­be es nicht ei­lig, von hier weg­zu­kom­men. Du?“

„Nein, ei­gent­lich nicht. So all­mäh­lich ge­fällt’s mir hier.“

„Er­in­nerst du dich an un­ser Es­sen mit Har­ry, vo­ri­ge Wo­che?“

„Als du dir die Ho­se mit Rot­wein be­kle­ckert hast? Wie könn­te ich das ver­ges­sen?“

„Ich ha­be über ei­ni­ges nach­ge­dacht, was du da ge­sagt hast.“

„Wenn ich mich recht er­in­ne­re, ha­be ich ziem­lich viel ge­sagt. Ziem­lich viel dum­mes Zeug. Un­ge­heu­er dum­mes Zeug.“

„Du warst ein biss­chen da­ne­ben. Aber du hast kein dum­mes Zeug ge­re­det.“

„Dann musst du zu be­trun­ken ge­we­sen sein, um das zu mer­ken.“

„Be­trun­ken oder nicht, eins muss ich un­be­dingt wis­sen. Hast du das ernst ge­meint - dei­nen Wunsch, aus der Stadt weg­zu­zie­hen? Oder war das nur Ge­re­de?“

„Es war mein Ernst, aber es war auch nur Ge­re­de.“

„Bei­des zugleich geht nicht. Eins oder das an­de­re.“

„Es war mein Ernst, aber mir ist doch klar, dass das nie pas­sie­ren wird. Al­so war es nur Ge­re­de.“

„Und was, wenn Har­ry an das gro­ße Geld kommt?“

„Das war auch nur Ge­re­de. So gut soll­test du Har­ry in­zwi­schen ken­nen. Wenn je­mand stän­dig ‹nur Ge­re­de› von sich gibt, dann doch wohl un­ser al­ter Freund Har­ry Bright­man.“

„Ich wer­de dir nicht wi­der­spre­chen. Aber nur mal so: Stell dir vor, er hät­te die Wahr­heit ge­sagt. Stell dir vor, er macht dem­nächst wirk­lich das gro­ße Geld und wä­re be­reit, es in ein Haus auf dem Land zu in­ves­tie­ren. Was wür­dest du dann sa­gen?“

„Ich wür­de sa­gen: ‹Okay, tun wir’s.›“

„Gut. Und jetzt denk mal ge­nau nach. Wenn du dir je­des Haus auf der Welt kau­fen könn­test - wo wür­dest du dann hin­wol­len?“

„So weit ha­be ich noch nicht ge­dacht. Aber es müss­te ziem­lich ab­ge­le­gen sein. Ein Ort, wo wir kei­ne di­rek­ten Nach­barn hät­ten.“

„So et­was wie das Chow­der Inn?“„Ja. Wo du es jetzt sagst: Das hier wä­re ge­nau das Rich­ti­ge.“

„Dann könn­ten wir St­an­ley doch fra­gen, ob er es ver­kau­fen will?“

„Wo­zu? Wir ha­ben nicht das Geld, es zu kau­fen.“

„Du ver­gisst Har­ry.“

„Tu ich nicht. Har­ry hat sei­ne gu­ten Sei­ten, aber er ist der Letz­te, auf den ich mich bei so ei­ner Sa­che ver­las­sen wür­de.“

„Ich ge­be zu, die Chan­cen ste­hen eins zu ei­ne Mil­li­on, aber nur mal an­ge­nom­men, Har­ry kriegt das Kind ge­schau­kelt, dann könn­te man doch mit St­an­ley re­den? Nur so aus Spaß. Wenn er sein In­ter­es­se be­kun­det, wis­sen wir im­mer­hin, wie das Ho­tel Exis­tenz aus­sieht.“

„Auch wenn wir nie­mals hier le­ben wer­den.“

„Ge­nau. Auch wenn wir in un­se­rem gan­zen Le­ben nicht mehr hier­her zu­rück­kom­men wer­den.“

Wie sich her­aus­stellt, denkt St­an­ley schon seit Jah­ren dar­an, das An­we­sen zu ver­kau­fen. Nur Träg­heit und Apa­thie ha­ben ihn da­von ab­ge­hal­ten, „den Stier bei den Hör­nern zu pa­cken“, sagt er, aber wenn der Preis stimmt, schmeißt er so­fort al­les hin. Er kann es nicht mehr er­tra­gen, mit Pegs Geist zu le­ben. Auch die bru­ta­len Win­ter kann er nicht mehr er­tra­gen. Und die Iso­la­ti­on. Ver­mont steht ihm bis hier, und er träumt nur noch da­von, in die Tro­pen zu zie­hen, auf ir­gend­ei­ne In­sel in der Ka­ri­bik, wo es das gan­ze Jahr über warm ist.

Wo­zu dann die Mü­he, das Chow­der Inn wie­der in Schwung zu brin­gen?, fra­ge ich. Nur so, sagt er. Er hat nichts Bes­se­res zu tun, und die Schuf­te­rei hilft ge­gen die Lan­ge­wei­le.

Zeit zum Mit­tag­es­sen. Wir vier sit­zen um den Tisch und es­sen Auf­schnitt, Obst und Kä­se. Der Ne­bel hat sich ge­lich­tet, die Son­ne scheint hell zu den of­fe­nen Fens­tern her­ein, und je­der Ge­gen­stand im Spei­se­raum wirkt deut­li­cher, le­ben­di­ger, far­bi­ger. Wäh­rend un­ser Gast­ge­ber uns von sei­nen Küm­mer­nis­sen er­zählt, bin ich au­ßer­or­dent­lich zu­frie­den da­mit, da zu sein, wo ich bin, in mei­ner Haut zu ste­cken, die Din­ge auf dem Tisch zu be­trach­ten, ein­und aus­zu­at­men, die schlich­te Tat­sa­che zu ge­nie­ßen, dass ich am Le­ben bin. Was für ein Jam­mer, dass das Le­ben ein­mal en­den wird, den­ke ich, was für ein Jam­mer, dass wir nicht ewig wei­ter­le­ben dür­fen.

Tom er­klärt, zur­zeit hät­ten wir nicht das Geld, ihm ein An­ge­bot für das Haus zu ma­chen, aber das kön­ne sich in den nächs­ten Wo­chen än­dern. »50. Fort­set­zung folgt

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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