Kön­nen wir uns noch si­cher füh­len?

Thea­ter­fes­ti­val Ein Sta­tio­nen­weg durch das ma­ro­de Gro­ße Haus führt zur Aus­ein­an­der­set­zung mit Krieg und Re­li­gi­on

Schwabmuenchner Allgemeine - - &euilleton Regional - VON BIR­GIT MÜL­LER BARDORFF Sta­tio­nen­weg am Sonn­tag, 25. Ju­ni, um 15.30 Uhr, Treff­punkt in der Kas sen­hal­le

Wo stand er noch mal, die­ser Satz, in dem es dar­um geht, dass die Frau­en beim Got­tes­dienst ge­trennt von den Män­nern zu sein ha­ben: in der Bi­bel, im Tal­mud oder im Koran? Ge­spielt wird „1,2 oder 3“, das aus dem Fern­se­hen be­kann­te Kin­der­quiz, bei dem das Pu­bli­kum sich für ei­ne Ant­wort und ein Feld ent­schei­den muss. Wenn das Licht an­geht, wis­sen die Zu­schau­er, dass sie rich­tig ste­hen.

„1, 2 oder 3“wird dies­mal aber nicht in ei­nem Fern­seh­stu­dio ge­spielt, son­dern als in­ter­re­li­giö­ses Show­for­mat der Blue­s­pots Pro­duc­tions und dem Kül­tür­ver­ein im Mal­saal des Thea­ters Augs­burg. Auf ei­nem Sta­tio­nen­weg im Rah­men des Fes­ti­vals „In Got­tes Na­men“geht es quer durch das Gro­ße Haus – vom Foy­er im ers­ten Stock auf die Un­ter­büh­ne, in den Hei­zungs­kel­ler, ins Ma­ga­zin, auf die Hin­ter­büh­ne. Über­all er­war­ten die Be­su­cher Dar­bie­tun­gen von Künst­lern der Frei­en Sze­ne in Augs­burg: Das Mehr-Mu­sik!-En­sem­ble spielt un­ter an­de­rem ei­ne Ver­to­nung des Lu­ther-Tex­tes „Ver­leih uns Frie­den gnä­dig­lich“. Zu Tex­ten von H. M. En­zens­ber­ger und Jo­seph Con­rad bli­cken die Zu­schau­er im Ma­ga­zin in ei­nen Ab­grund, der mit­tels ei­ner Vi­deo­in­stal­la­ti­on von Joss Bach­ho­fer und Jo­chen Strodthoff im­mer nä­her kommt und den Ein­druck ver­mit­telt, als stür­ze man hin­un­ter. Ac­tion-Pain­ting zeigt das Künst­ler­duo Christ Mu­ken­ge und Ly­dia Schell­ham­mer mit sei­ner Per­for­mance „Ex­or­zis­mus“, die sich mit de­mÜber­win­den von Kon­troll­me­cha­nis­men be­schäf­tigt.

Schließ­lich en­det der Rund­gang im Gar­de­ro­ben­foy­er. Dort wird je­nes Loch in der De­cke an­ge­strahlt, das im ver­gan­ge­nen Jahr als Si­cher­heits­lü­cke im Brand­schutz ent­deckt wur­de und zur Schlie­ßung des Gro­ßen Hau­ses führ­te. Des­halb ist das Mot­to des Sta­tio­nen­we­ges, „Söld­ner/In­ne­re und Äu­ße­re Si­cher­heit“durch­aus auch iro­nisch zu ver­ste­hen, gibt In­ten­dan­tin Ju­lia­ne Vot­te­ler zu ver­ste­hen und stellt die Fra­ge: „Wie si­cher kön­nen wir uns denn über­haupt noch füh­len?“Der an­de­re Teil des Mot­tos be­zieht sich auf die Ein­bet­tung des Thea­ter­fes­ti­vals in das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um und des­sen Zu­sam­men­hang mit dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg. „Wie da­mals ste­hen sich heu­te nicht mehr Na­tio­nen ge­gen­über, son­dern Hee­re mit völ­lig un­ter­schied­li­chen Men­schen, die sich im Krieg ver­din­gen“, er­läu­tert die In­ten­dan­tin.

Beim gest­ri­gen Rund­gang führ­te Vot­te­ler da­zu mit dem Ter­ro­ris­mus­ex­per­ten Wolf­gang Kraus­haar und der Kul­tur­his­to­ri­ke­rin Sil­via Se­re­na Tschopp von der Uni­ver­si­tät Augs­burg ein Ex­per­ten­ge­spräch. Kraus­haar stell­te dar, dass der re­li­gi­ös ge­recht­fer­tig­te Ter­ro­ris­mus in sei­ner Di­men­si­on der Schreck­lich­kei­ten grö­ßer sei als einst der po­li­tisch mo­ti­vier­te. Bei der Wie­der­ho­lung des Sta­tio­nen­we­ges an die­sem Sonn­tag um 15.30 Uhr wird an die­ser Stel­le ei­ne Studentin Wolf­ram von Eschen­bachs Hel­den­ge­dicht „Wil­le­halm“vor­tra­gen, in dem ei­ne zum Chris­ten­tum kon­ver­tier­te Mus­li­ma im Krieg um Gna­de für die Hei­den bit­tet, weil sie als Ge­schöp­fe Got­tes zu se­hen sei­en.

Ein zwei­tes Ex­per­ten­ge­spräch er­öff­ne­te den Rund­gang im Foy­er des ers­ten Ran­ges: Dort dis­ku­tier­te Klaus Vo­gelg­sang, Alt­germa­nist und Thea­ter­be­auf­trag­ter der Uni­ver­si­tät Augs­burg, mit den For­schern Ann Tlus­ty und Hel­mut Gra­ser un­ter an­de­rem auch dar­über, wie krie­ge­risch un­se­re Spra­che ge­wor­den ist. Vo­gelg­sang stell­te da­bei auch dar, dass schon in der Bi­bel bei Kain und Abel Glau­bens­fra­gen der Grund für ei­nen Mord wa­ren. „Krieg braucht im­mer ei­ne gro­ße Recht­fer­ti­gung, und da kommt die Re­li­gi­on ge­ra­de recht“, schloss er.

Fo­to: Bir­git Mül­ler Bardorff

Bi­bel, Tal­mud oder Koran ist die Fra­ge beim in­ter­re­li­giö­sen Quiz im Thea­ter.

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