„In ei­ner Welt kaum noch Er­zieh­ba­rer“

Peter Slo­ter­di­jk Zu sei­nem 70. Ge­burts­tag lie­fert Deutsch­lands pro­mi­nen­tes­ter Phi­lo­soph wie­der Stoff zum Strei­ten. Über Je­sus, Mi­gra­ti­on und un­se­re „ver­wahr­lo­sen­de Ge­sell­schaft“

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton - VON WOLF­GANG SCHÜTZ Suhr­kamp, 364 Sei­ten, 28 Eu­ro

Vor­sicht, Chris­ten! Für die­sen Phi­lo­so­phen ist der „Auf­tritt des va­ter­lo­sen Je­sus von Na­za­reth“nichts we­ni­ger als der „des schreck­lichs­ten Kin­des der Welt­ge­schich­te“. Im Ka­pi­tel „Der Bas­tard Got­tes“steht: „In der Ära ‚nach Chris­tus‘ ist kei­nem Men­schen das Recht ab­zu­spre­chen, sein Le­ben als Bas­tard Got­tes zu füh­ren. Ein Jor­dan fin­det sich über­all. An je­dem be­lie­bi­gen Ort kann ein Mensch, aus dem Was­ser stei­gend, ei­ne Stim­me von oben hö­ren, die sagt, dies sei sein lie­bes Kind, an dem er selbst, der Höchs­te, sein Wohl­ge­fal­len ha­be.“Vor­sicht, Mus­li­me! Für die­sen Phi­lo­so­phen stellt der Ter­ror der Is­la­mis­ten „die Voll­zugs­form der Al­lah-Däm­me­rung“dar: „At­ten­ta­te sind miss­ra­te­ne Be­wei­se ei­nes Got­tes, der die Welt nicht mehr ver­steht.“

Vor­sicht, Po­li­ti­ker! Für Slo­ter­di­jk ist „Sinn al­ler Po­li­tik, die Ver­ti­kal­dif­fe­renz zwi­schen Men­schen in Ho­ri­zon­tal­dif­fe­ren­zen um­zu­wan­deln… Wir dür­fen al­so nicht mehr in ein Hö­her oder Tie­fer, ein Bes­ser oder Schlech­ter ein­tei­len, son­dern müs­sen die Men­schen als We­sen be­schrei­ben, die sich nur noch in der Ho­ri­zon­ta­len un­ter­schei­den, nicht mehr dem Rang oder gar der exis- ten­zi­el­len Wer­tig­keit nach.“Und das meint hier nichts Po­si­ti­ves. So wer­de näm­lich für ei­ne Ver­fla­chung des Mensch­seins ge­sorgt, nach dem Wert des Hei­li­gen und der Kunst auch noch der Wert der In­tel­li­genz ent­sorgt. So­wie­so be­steht nach die­sem Phi­lo­so­phen der Kon­fes­si­ons­krieg un­se­rer Ta­ge im Auf­stand der Mas­sen­kul­tur ge­gen die Hoch­kul­tur, der sich als Feld­zug der Un­zu­frie­de­nen ge­gen die „Eli­ten“mas­kiert. Wo wir doch in ei­ner „ver­wahr­lo­sen­den Ge­sell­schaft le­ben“… Das al­les stammt aus „Nach Gott“, dem neu­en Buch Slo­ter­di­jks. Recht­zei­tig vor sei­nem heu­ti­gen 70. Ge­burts­tag er­schie­nen, zu dem nun zu er­zäh­len wä­re: Der pro­mi­nen­tes­te Phi­lo­soph Deutsch­lands wur­de als Sohn ei­nes Nie­der­län­ders in Karls­ru­he ge­bo­ren, wo er spä­ter auch als Hoch­schul­rek­tor lehr­te. Dass er nach dem Stu­di­um erst ei­ni­ge Jah­re in In­di­en leb­te, in ei­nem selbst be­trie­be­nen Ashram. Dass gleich da­nach aber sein De­büt mit 36, das zwei­bän­di­ge Werk „Kri­tik der zy­ni­schen Ver­nunft“ein Pau­ken­schlag und Best­sel­ler wur­de. Dass er vie­le, oft heiß dis­ku­tier­te Wer­ke nach­leg­te, et­wa 1999 „Züch­tung im Men­schen­park“, und 14 Jah­re lang im

ZDF „Das Phi­lo­so­phi­sche Quar­tett“mo­de­rier­te…

Aber in­ter­es­san­ter ist doch an­ge­sichts die­ses wie­der mit Kan­ten und wuch­ti­gen Schlüs­sen durch­setz­ten neu­en Ban­des (mit Auf­sät­zen und Re­den, die prak­tisch in sei­ne The­men der ver­gan­ge­nen zehn Jah­re ein­füh­ren): Was meint, was will die­ser Phi­lo­soph?

Vor­sicht, Me­di­en! Er hat ja auch die Be­richt­er­stat­tung schon be­zeich­net als „Lü­ge­näther“, so dicht wie seit dem Kal­ten Krieg nicht mehr. Und: Vor­sicht, Frau Mer­kel! Er hat auch schon vor der „Flu­tung Deutsch­lands mit un­kon­trol­lier­ba­ren Flücht­lings­wel­len“ge­warnt. Aber auch: Vor­sicht, Wohl­stands­ge­sell­schaft! Er hat in sei­nem Buch „Im Wel­tin­nen­raum des Ka­pi­tals“be­schrie­ben, wie der Ka­pi­ta­lis­mus die Welt ra­di­kal in zwei Klas­sen von Men­schen tren­ne und Ter­ror und Mi­gra­ti­on uns an die Welt au­ßer­halb un­se­rer Kup­pel er­in­ner­ten – und an un­se­re Ver­ant­wor­tung für sie.

Peter Slo­ter­di­jk ist vor al­lem zwei­er­lei: Ein Den­ker, der mit Lust zu For­mu­lie­rung und The­se im­mer neue Schnei­sen durch die Kul­tur­ge­schich­te schlägt – und als sol­cher im­mer ori­gi­nell. Und er ist Pes­si­mist, was den Fort­schritt des Men­schen an­geht. Den Ein­zel­nen kann er wie im Buch „Du musst dein Le­ben än­dern“zur Ver­bes­se­rung durch Ar­beit an sich selbst er­mu­ti­gen – die Welt aber sieht er kop­f­und halt­los nach vor­ne stür­zen und wünscht sich, sie mö­ge we­nigs­tens an­hal­ten. Sei­ne Do­mä­ne ist es dar­um, his­to­risch zu zei­gen, ab wann was wie schief­ge­lau­fen ist. Und durch die un­bän­di­ge Fül­le an Bil­dern und Er­zäh­lun­gen, die er kor­ri­gie­rend den ge­läu­fi­gen Bil­dern und Er­zäh­lun­gen hin­zu­fügt, wird er zum Stür­mer der Welt­bil­der. Hei­deg­ger trifft Nietz­sche – ir­gend­wie.

Was hat noch Wert? Peter Slo­ter­di­jk wünsch­te: die Bil­dung. Und de­ren Eli­ten. Und in „Nach Gott“? Wohl ei­ne Rück­kehr der Mys­tik ge­gen das Wirk­lich­keits­be­wusst­sein (wenn’s schon nicht zu­rück ins dy­nas­ti­sche Le­ben geht): „Viel­leicht lie­fert das ei­nen Be­griff von dem, was Er­zie­hung in ei­ner Welt von kaum noch Er­zieh­ba­ren hei­ßen könn­te.“Für al­les an­de­re hät­ten wir längst ein „Neue­res Tes­ta­ment“: „Es um­schließt das Ar­chiv all des­sen, was die in Kul­tu­ren zer­split­ter­te Mensch­heit nicht ver­ges­sen darf, wenn sie ih­re wei­te­ren Schick­sa­le un­ter ei­nen em­pha­ti­schen Be­griff der Zi­vi­li­sa­ti­on stel­len will.“

» Peter Slo­ter­di­jk: Nach Gott – Glau­bens und Un­glau­bens­ver­su­che.

Fo­to: Uli Steck, dpa

Ein Wand­be­hang zu Eh­ren des Wi­der­spens­ti­gen: „Peter Slo­ter­di­jk vor der hei­li­gen In­qui­si­ti­on des Tri­vi­al­ge­schmacks“nann­te die Künst­le­rin Marg­ret Ei­cher im Jahr 2011 ihr Werk. Aber mit der Se­rio­si­tät, die er dar­auf in­mit­ten des Wahn­sinns aus­strahlt, ser­viert der Phi­lo­soph tat­säch­lich auch selbst ganz schö­ne Knal­ler.

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