Ei­nes lan­gen Ta­ges Rei­se in die Nacht

Chro­nik Schafft man es noch recht­zei­tig oder bleibt man lie­ber, wo man ist? Am Sams­tag wa­ren Tau­sen­de in der Stadt un­terw wegs, um die Lan­ge Nacht der Frei­heit, den Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag und das Thea­ter­fes­ti­val „In Got­tes Na­men“zu er­le­ben

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton Regional Extra - Von Rü­di­ger Hein­ze, Micha­el Hoch­ge­muth, Alois Knol­ler, Birgit Mül­ler-Bar­dorff , Alex­an­der Rupflin, Sa­b­ri­na Schatz, Mat­thi­as Zim­mer­mann und An­net­te Zo­epf

Auf dem Eli­as Holl Platz gibt es zwei Äp­fel als Weg­zeh­rung in den Him­mel und vor der Kress­les­müh­le zeigt sich: Satt wird nur, wer mit dem rich­ti­gen Pass durch die Welt reist.

Es ist die Nacht der Näch­te in Augsburg: Zur Lan­gen Nacht der Frei­heit gibt es in die­sem Jahr noch den Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag und das Thea­ter­pro­jekt „In Got­tes Na­men“. Wer da den Über­blick be­hal­ten woll­te, muss­te ei­nen küh­len Kopf be­wah­ren – fast un­mög­lich bei ka­ri­bi­schen Tem­pe­ra­tu­ren. Be­glei­ten Sie uns auf un­se­rem Ma­ra­thon durch die Stadt.

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Er be­ginnt schon am Nach­mit­tag, mit dem Hö­he­punkt des Pro­jekts „In Got­tes Na­men“vom Thea­ter Augsburg. Re­gie- und Schau­spiel­stu­den­ten der Aka­de­mie für Dar­stel­len­de Kunst in Lud­wigs­burg un­ter­su­chen Schil­lers Mo­nu­men­tal­dra­ma „Wal­len­stein“und stel­len Tei­le da­von in his­to­ri­sche oder the­ma­tisch-ak­tu­el­le Be­zü­ge. Sie zi­tie­ren, kom­pi­lie­ren, schrei­ben das Schau­spiel fort. Im Kreuz­gang des

Klos­ters Ma­ria Stern – so ab­ge­schie­den wie zen­tral – er­eig­net sich die ers­te thea­tra­le Um­set­zung, ein „sze­ni­sches Hör­spiel“rund um die Fa­mi­lie Wal­len­stein plus Max, Schwie­ger­sohn in spe. Ge­gen­ge­schnit­ten zu ih­ren po­li­ti­schen und pri­va­ten Pro­ble­men wird das The­ma Müt­ter­lich­keit, spe­zi­ell des­sen Neu­aus­leuch­tung durch Lu­ther. Per Kopf­hö­rer ver­folgt das Pu­bli­kum „Wal­len­stein“-Dia­lo­ge so­wie lo­kal­his­to­ri­sche Er­läu­te­run­gen – und be­trach­tet par­al­lel da­zu stum­me sze­ni­sche Ak­tio­nen im Kreuz­gang und auf dem Ra­sen­ge­viert. Das Ei spielt bei die­sem The­ma na­tür­lich ei­ne Rol­le, der Ein­kaufs- und Kin­der­wa­gen, das Spiel­tier – und die Ver­stri­ckung. Die Auf­füh­rung hat stark per­for­ma­ti­ven Cha­rak­ter im Sin­ne zeit­ge­nös­si­scher Bil­den­der Kunst,

und die Ma­ria-Stern-Schwes­tern glie­dern sich die­nend in die Auf­füh­rung ein (Re­gie: Jas­min Schäd­ler). Sie gie­ßen still den Klos­ter­gar­ten und über­hö­hen das Fi­na­le mit mehr­stim­mi­gem Ge­sang. Ein Kör­per­spiel, ein Ge­dan­ken­im­puls.

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Heiß ist es um kurz vor fünf im An

nahof. Auf der Ter­ras­se ist der Platz un­ter den Son­nen­schir­men so knapp wie der freie Platz auf der Lie­ge­wie­se im Frei­bad. Mehr Platz da­für vor der Büh­ne. Deut­scher Hip-Hop be­schallt den Platz. Man kann es nicht se­hen, sich aber gut vor­stel­len: Dass mit je­dem Bass, der über den Platz wum­mert, ei­ne Rei­he klei­ner Rin­ge durch die Kaf­fee­tas­sen der Ter­ras­sen­gäs­te schwappt. Bumm, bumm. Dann Pau­se, An­sa­ge des nächs­ten Stücks: „Mar­tin hat Gu­tes ge­leis­tet da­mals. Auf je­den Fall tra­gen wir das Werk wei­ter, für Je­sus!“Die Evan­ge­li­sche Ju­gend tobt sich aus. Ne­ben der Büh­ne kö­cheln die Mit­glie­der des Bi­ker­stamm­tischs in dunk­ler Le­der­kluft. Äl­te­re Her­ren vor blit­zen­den Ma­schi­nen. Die Hell’s An­gels sind nicht da­bei.

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Jetzt Fort­set­zung „Wal­len­stein“im Hoff­mann­kel­ler. „Wal­len­steins La­ger“, Teil 1 der Tri­lo­gie, liegt zu­grun­de. Aber we­der drau­ßen, im Ru­he- und Ver­sor­gungs­la­ger der ge­sperr­ten Ka­sern­stra­ße, noch drin­nen, tief im Ge­wöl­be, drän­geln sich Ba­tail­lo­ne aus al­ler Her­ren Län­der. Ein Mas­sen­la­ger wird zum Kam­mer­spiel. Das Schau­spie­ler-Quar­tett wirft sich mit Ver­ve ins ima­gi­nier­te Ge­tüm­mel, tauscht die Rol­len wie Hem­den bzw. Brust­pan­zer, agiert auf­tritts- und kör­per­be­tont.

Klas­se mimt in die­ser Klein­grup­pen-Dy­na­mik die bur­schi­ko­se Zoe Valks ei­nen neu ge­kauf­ten Sol­da­ten, mit des­sen Hoff­nun­gen auf flot­tes Le­ben, Man­nes­wert im Feld und la­chen­des Glück gleich­zei­tig Schand­ta­ten ge­gen­über al­len ein­her­ge­hen, die Ober­wei­te und Rock tra­gen. Der jun­ge Sol­dat lernt schnell, sich zu neh­men, was er be­gehrt… Die Vor­stel­lung (Re­gie: Jo­hann Diel) schwebt an­ge­mes­sen tra­gi­ko­misch.

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Ei­ne Kirch­turm­uhr schlägt 18 Uhr. Auf dem Eli­as Holl Platz lie­gen 50 Holz­stan­gen auf ei­nem Hau­fen zu­sam­men. „Heinz baut“heißt die Per­for­mance, aber der jun­ge Mann, der sich mit den Stan­gen Stück für Stück in die Hö­he knüpft, heißt Ju­li­an Bel­li­ni. Zwei Äp­fel lie­gen ne­ben den Stan­gen: Weg­zeh­rung auf dem Weg in den Him­mel.

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Und jetzt geht auch die Lan­ge Kunst­nacht end­lich los – im Gol­de

nen Saal mit ei­nem Streif­zug durch Kon­zert und Oper, de­ren Schau­plät­ze oft we­ni­ger frei­heit­lich sind als die in der heu­ti­gen Fug­ger­stadt. Was die Kom­po­nis­ten nicht dar­an hin­der­te, groß­ar­ti­ge, schö­ne Mu­sik zu schrei­ben. Thea­ter­chor­lei­te­rin Katsia­ry­na-Ih­nat­sye­va-Ca­dek di­ri­giert ein um­ju­bel­tes Pro­gramm: Na­tür­lich Beet­ho­vens Ge­fan­ge­nen­chor

aus „Fi­de­lio“, da­zu Lu­i­gi Che­ru­bi­nis pral­les Frei­heits­dra­ma „Lo­dois­ka“, Ver­dis „Tra­viata“, Bi­zets „Car­men“und vie­les mehr.

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Vom Saal hin­aus auf den Rat­haus

platz: dort Ge­sang aus vie­len Keh­len. Ge­zählt hat sie nie­mand, doch es dürf­ten an­nä­hernd 2017 Sän­ge­rin­nen und Sän­ger sein, die sich um Vier­tel nach sie­ben auf dem Rat­haus­platz ein­fin­den. Ein Lied auf die Frei­heit sol­len sie an­stim­men. Al­ler­dings müs­sen sie sich zu­nächst ge­dul­den, denn Ire­ne Sperr und ih­re Band tes­ten erst mal die Ver­stär­ker­an­la­ge aus, ehe die Vox Hu­ma­na sich ent­fal­ten darf. Mäch­tig klingt schließ­lich das trot­zi­ge Volks­lied „Die Ge­dan­ken sind frei“aus den Keh­len. Auch die we­ni­ger auf­stän­di­sche Stro­phe „Ich lie­be den Wein, mein Mäd­chen vor al­lem“, die bit­te vor al­lem die Her­ren sin­gen sol­len. Ach, wä­re doch auch Lu­thers Cho­ral „Ein fes­te Burg ist un­ser Gott“im Re­per­toire, denn un­durch­dring­lich ver­bar­ri­ka­diert ist der Fest­platz zum Rat­haus hin durch ei­ne Ket­te von Last­wa­gen und An­hän­gern. Frei­heit sieht an­ders aus.

*** „Wal­len­stein“zum Drit­ten. In der Brecht­büh­ne wird es bei „Ent­schei­de dich! mit Fried­land Wal­len­stein“erst stau­nens­wert sa­ti­risch – und dann bit­ter­bös-zy­nisch. Die Idee da­hin­ter: Wo­für oder wo­ge­gen wür­de Wal­len­stein heu­te kämp­fen? Die Ant­wort von Re­gis­seu­rin Ame­lie Haf­ner und ih­rem Schau­spie­ler­quar­tett: Wal­len­stein und sei­ne Frau wür­den heu­te die Ga­li­ons­fi­gu­ren ei­ner il­lus­tren Cha­ri­ty-Event­Ge­sell­schaft ab­ge­ben, die – mit po­si­ti­ven Pa­thos­si­gnal­for­meln wie „Hoff­nung“, „Herz“, „Po­ten­zi­al“, „Chan­ce“, „Ver­trau­en“, „Leits­tern“, „Kin­der“, „Emo­ti­on“, „Her­aus­for­de­rung“, „In­ves­ti­ti­on“, „Glück“– dem gut­gläu­bi­gen Volk Spen­den­gel­der für ei­ne tol­le Zu­kunft der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus der Ta­sche zie­hen. Groß­ar­ti­ge, über­dies sprach­lich ge­schlif­fe­ne Idee! Das wür­de mit Si­cher­heit auch klap­pen – wenn es nicht Stör­feu­er sei­tens der Grä­fin Terz­ky und sei­tens Max Pic­co­lomi­ni ge­ben wür­de, die links­so­zi­al für das Volk und ge­gen die schwer­rei­che Macht­spit­ze im Land an­tre­ten. Der Plot ist stark im ers­ten Drit­tel und im Fi­na­le, zwi­schen­rein pur­zel­te man­ches et­was un­über­sicht­lich durch­ein­an­der. Am En­de aber blieb die herz­lich la­pi­da­re Fra­ge of­fen, ob es sich über­haupt loh­ne, die­se Welt zu ret­ten. Im Tru­bel der lan­gen Kunst­nacht wur­de die Aus­ein­an­der­set­zung dar­über erst ein­mal ver­tagt.

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Auf dem Weg zur Kress­les­müh­le noch ein­mal schnell bei „Heinz baut“auf den Eli­as Holl Platz vor­bei. Ju­li­an Bel­li­ni hat be­gon­nen, sie­ben Stan­gen sind mit Sei­len schon an­ein­an­der­ge­knüpft, der Weg zum Him­mel ist noch weit.

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Schafft man es noch recht­zei­tig zu

„Ich wün­sche mir ei­ne Rei­se um die Er­de mit mei­ner gan­zen Klas­se.“Wün­sche von Kin­dern trug die­ser Baum im il­lu­mi­nier­ten Fron­hof in die Nacht. Das Thea­ter Anu aus Ber­lin hat­te dort ein La­by­rinth aus hun­der­ten von Lich­tern auf­ge­baut, in dem die Be­su­cher Träu­me, Wün­sche und Ge­schich­ten ent­de­cken konn­ten.

Die evan­ge­li­sche Ju­gend traf sich auf dem Mar­tin Lu­ther Platz, um der Mu­sik zu lau­schen.

Zum gro­ßen Frei­heits­chor fan­den sich vie­le Augs­bur­ger auf dem Rat­haus­platz ein.

Ein al­ba­ni­scher Män­ner­chor ver­blüff­te im Gol­de­nen Saal mit iso po­ly­pho­nem Ge­sang.

Man­cher nahm sich die Frei­heit, auch au­ßer­halb des Pro gramms auf der Stra­ße zu mu­si­zie­ren.

„Wal­len­steins La­ger“im Hoff­mann­kel­ler: Ein jun­ger Sol­dat lernt schnell, sich zu neh­men, was er be­gehrt.

„In Got­tes Na­men“fand das Wal­len­stein Pro­jekt als Fes­ti­val des Thea­ters Augsburg statt.

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