An­ru­fer droht mit Bom­ben und Hin­rich­tun­gen

Ein 49-Jäh­ri­ger ruft beim Job­cen­ter an, er­reicht aber nur die Mail­box. Dar­auf­hin ras­tet der Mann völ­lig aus

Schwabmuenchner Allgemeine - - Schwabmünchen - VON MICHA­EL LINDNER Land­kreis Augs­burg

Der Mann nimmt den Te­le­fon­hö­rer und wählt ei­ne ihm be­kann­te Num­mer – die des Job­cen­ters. Der 49-Jäh­ri­ge ist sau­er, denn schon wie­der gab es Är­ger mit der Ein­rich­tung. Nicht das ers­te Mal. Un­ter­la­gen sei­en an­geb­lich nie an­ge­kom­men und ei­nen per­sön­li­chen Ter­min zu ver­ein­ba­ren sei kaum mög­lich, sag­te der An­ge­klag­te aus dem süd­li­chen Land­kreis am Augs­bur­ger Amts­ge­richt. Der An­ruf ver­läuft aber nicht so, wie er es sich vor­stellt. Denn er be­kommt kei­nen Mit­ar­bei­ter ans Te­le­fon, son­dern nur den An­ruf­be­ant­wor­ter. Dar­auf­hin kommt es zu ei­ner „ver­ba­len Ex­plo­si­on“, wie es sein Ver­tei­di­ger Ste­phan Eich­horn nennt.

Der 49-Jäh­ri­ge be­lei­digt die An­ge­stell­ten mas­siv – vor al­lem auf se­xu­el­ler Grund­la­ge. Doch der Mann geht noch viel wei­ter. Er sagt, dass der IS ein paar Bom­ben in das Ge­bäu­de wer­fen sol­le. Die An­ge­stell­ten ge­hör­ten exe­ku­tiert, das macht der An­ge­klag­te im Ver­lauf des Ge­sprächs deut­lich. Wenn er ei­ne Ka­lasch­ni­kow hät­te, wür­de er sie al­le hin­rich­ten. Der 49-Jäh­ri­ge er­hielt dar­auf­hin ei­nen Straf­be­fehl in Hö­he von 1800 Eu­ro (120 Ta­ges­sät­ze zu je 15 Eu­ro). Ge­gen die­sen leg­te er Ein­spruch ein.

Bei der Ver­hand­lung gab sich der Mann klein­laut. Er führt an­geb­lich ein zu­rück­hal­ten­des und ru­hi­ges Le­ben. Und das möch­te er auch in Zukunft tun. Den Aus­ras­ter an je­nem Ja­nu­ar­mor­gen die­ses Jah­res kön­ne er sich nicht mehr er­klä­ren. Er weiß nur noch, dass er sich von den An­ge­stell­ten un­ge­recht be­han­delt fühl­te.

Der 49-Jäh­ri­ge gab ei­nen Ein­blick in sei­ne pri­va­ten Schwie­rig­kei­ten. So ha­be er seit Län­ge­rem mit ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men zu kämp­fen, ein An­trag auf Er­werbs­min­de­rungs­ren­te lau­fe. „Aber das zieht sich schon ewig hin“, sag­te der Mann ge­nervt. Sei­nem er­lern­ten Beruf als Dre­her kön­ne er nicht mehr nach­ge­hen. Zu sei­ner er­wach­se­nen Toch­ter und de­ren Mut­ter ge­be es kei­nen Kon­takt.

Seit April er­hält er laut ei­ge­ner Aus­sa­ge vom Job­cen­ter kei­ne Leis­tun­gen mehr, kran­ken­ver­si­chert sei er eben­falls nicht mehr. Mo­men­tan lebt er von sei­nem we­ni­gen Er­spar­ten – sein Bud­get soll aber nur noch ei­nen Eu­ro pro Tag be­tra­gen. Au­ßer­dem be­kommt er To­ma­ten und Gur­ken aus dem Gar­ten sei­ner El­tern.

Rich­ter Phil­ipp Mey­er woll­te von dem nicht-vor­be­straf­ten Mann mehr über sei­ne Zu­kunfts­plä­ne und sei­nen Ta­ges­ab­lauf wis­sen. Doch dar­auf wuss­te der 49-Jäh­ri­ge kei­ne Ant­wort, nur so viel: „Die meis­te Zeit lie­ge ich im Bett. Ab und zu trin­ke ich ein Bier, aber ich neh­me kei­ne Dro­gen oder här­te­re Ge­trän­ke.“

Staats­an­walt Karl Po­bu­da be­an­trag­te in sei­nem Plä­doy­er ei­ne Geld­stra­fe in Hö­he von 900 Eu­ro (90 Ta­ges­sät­ze zu je zehn Eu­ro). Denn die mas­si­ven Be­lei­di­gun­gen aus ei­nem nich­ti­gen An­lass sei­en sei­ner Mei­nung nach ei­ne Frech­heit, die er so sel­ten er­lebt ha­be. Ver­tei­di­ger Eich­horn hob die emo­tio­na­le Aus­nah­me­si­tua­ti­on sei­nes Man­dan­ten her­vor. Trotz der völ­lig in­dis­ku­ta­blen Wort­wahl for­der­te er ei­ne Geld­stra­fe von ma­xi­mal 90 Ta­ges­sät­zen.

Rich­ter Mey­er schloss sich dem An­trag von Staats­an­walt Po­bu­da an. Der spon­ta­ne Aus­bruch kos­tet den Mann dem­nach 900 Eu­ro. Der 49-Jäh­ri­ge hat da­mit kei­nen Ein­trag im Füh­rungs­zeug­nis – die­sen gibt es erst ab ei­ner Geld­stra­fe von mehr als 90 Ta­ges­sät­zen.

„Da­mit ste­hen Ih­nen künf­tig noch al­le Tü­ren of­fen“, sag­te Mey­er. Er riet dem Mann, sich ir­gend­ei­ne Form der Ar­beit zu su­chen, denn auf­ge­ben sei in sei­nem Al­ter noch nicht drin. Die­se Auf­for­de­rung nahm der An­ge­klag­te teil­nahms­los hin. Das Ur­teil ist rechts­kräf­tig.

Der Fall er­in­nert an ei­ne Ver­hand­lung, die vor Kur­zem am Amts­ge­richt war. Da­mals wur­de das Ver­fah­ren ge­gen ei­nen Mit­ar­bei­ter des Land­rats­am­tes we­gen ähn­li­cher An­kün­di­gun­gen – al­ler­dings ge­gen­über Kol­le­gen – ge­gen ei­ne Geld­auf­la­ge von 1800 Eu­ro ein­ge­stellt.

Das Ta­ges­bud­get be­trägt nur ei­nen Eu­ro

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