Wenn das Mu­se­um zum Wasch­sa­lon wird

Ein Gang mit dem Künst­ler Wil­li Si­ber durch die 14. Art Karlsruhe

Schwaebische Zeitung (Alb-Donau) - - ERSTE SEITE - Von Ant­je Mer­ke www.schwa­ebi­sche.de/art-karlsruhe

„Ent­de­cken. Lie­ben. Sam­meln“– so lau­tet das Mot­to der 14. Art Karlsruhe. Ei­ne der Ent­de­ckun­gen bei der Kunstmesse ist Ma­ri­on Eich­mann. Die Künst­le­rin, die 2014 als Sti­pen­dia­tin auf Schloss Mo­chen­tal bei Ehin­gen leb­te, hat für die Mes­se ei­ne In­stal­la­ti­on in Form ei­nes Wasch­sa­lons ent­wor­fen – und zwar aus Pa­pier (Fo­to: Ro­land Rase­mann).

- Un­ter dem Mot­to „Ent­de­cken, lie­ben, sam­meln“prä­sen­tiert die Art Karlsruhe in die­sem Jahr 211 Ga­le­ri­en aus elf Län­dern. Dar­un­ter sind vie­le be­kann­te Aus­stel­ler – auch aus un­se­rer Re­gi­on – so­wie ei­ni­ge Neu­zu­gän­ge. Zu ent­de­cken gibt es vor al­lem Ma­le­rei, Skulp­tur, In­stal­la­ti­on, Zeich­nung und Fo­to­gra­fie, wäh­rend Vi­de­os kei­ne Rol­le mehr spie­len. Sti­lis­tisch ist die Band­brei­te groß. Sie reicht vom Ex­pres­sio­nis­mus bis zur Ge­gen­warts­kunst, vom Ge­gen­ständ­li­chen bis zum Kon­kre­ten.

Wor­an er­kennt man, wie lan­ge ein Be­su­cher be­reits durch die vier Hal­len in Karlsruhe ge­schlen­dert ist? An sei­nen Schu­hen. Denn je län­ger ein Kunst­freund auf dem Mes­se­ge­län­de un­ter­wegs ist, um­so wei­ßer sind sei­ne Ab­sät­ze. Ir­gend­ein Be­stand­teil scheint sich durch den Abrieb beim Lau­fen aus dem Tep­pich zu lö­sen. Auf je­den Fall sorgt die­ses Phä­no­men für Schmun­zeln und Ge­sprächs­stoff – und eh man sich ver­sieht, ist man mit wild­frem­den Men­schen in Kon­takt. Das wie­der­um passt zum Pro­fil der Mes­se, die auf Dia­log zwi­schen Künst­lern, Kunst­händ­lern, Samm­lern und Kun­st­in­ter­es­sier­ten setzt.

19 Skulp­tu­ren­plät­ze

Was die Art Karlsruhe von an­de­ren un­ter­schei­det, sind die von Ta­ges­licht durch­flu­te­ten Hal­len, die an­ge­nehm lo­cke­re Grup­pie­rung der Ko­jen und be­son­ders ih­re groß­zü­gi­gen Skulp­tu­ren­plät­ze. 19 sind es dies­mal. Beim Gang mit dem Bild­hau­er Wil­li Si­ber aus Eber­hard­zell (Kreis Bi­be­rach) durch die Hal­len ent­täuscht al­ler­dings ein Groß­teil der Ins­ze­nie­run­gen. Statt aus­drucks­star­ker State­ments ist oft ein Sam­mel­su­ri­um zu se­hen. „Die Skulp­tu­ren­plät­ze sind be­lie­bi­ger ge­wor­den, es fehlt an Dra­ma­tur­gie und Ge­spür für den Raum“, sagt der 67-Jäh­ri­ge. Si­ber hat Er­fah­rung, al­lein 14 Mes­sen be­such­te er im ver­gan­ge­nen Jahr.

Miss­lun­ge­ne Bei­spie­le gibt es in Karlsruhe vie­le. Hier sol­len nur ei­ni­ge we­ni­ge er­wähnt wer­den. Die Ga­le­rie aus Frankfurt et­wa hat Köp­fe von ver­schie­de­nen Künst­lern auf So­ckel ge­stellt und oh­ne Kon­zept lieb­los an­ein­an­der­ge­reiht. „Das tut ei­nem Künst­ler weh, zu­mal sich die klei­nen Ar­bei­ten im Raum ver­lie­ren“, sagt Si­ber be­trof­fen. Auch GNG aus Pa­ris prä­sen­tiert auf ih­rem Platz ein Kon­glo­me­rat an klei­nen Skulp­tu­ren von meh­re­ren Bild­hau­ern. Teil­wei­se wur­den so­gar Stell­wän­de auf­ge­baut. Im Grun­de sind es eher Ko­jen­ob­jek­te. „Sol­che Auf­trit­te sol­len ei­ne Käu­fer­schicht an­spre­chen, die sich hin und wie­der ein Kunst­stück fürs Wohn­zim­mer kauft“, meint Si­ber. Dö­be­le aus Mann­heim hat sich zwar im­mer­hin auf ei­ne Me­tall­künst­le­rin na­mens An­ge­li­ka Sum­ma kon­zen­triert, aber auch hier ist der Platz zu voll­ge­stellt. Hin­zu kommt laut Wil­li Si­ber: „Die Ob­jek­te sind schon sehr de­ko­ra­tiv und er­in­nern an das Sor­ti­ment ei­nes Gar­ten­bau­be­triebs.“

Re­gio­na­le Künst­ler

Blick­fän­ge un­ter den Skulp­tu­ren­plät­zen sind aus­ge­rech­net je­ne, die Bild­hau­er aus Ober­schwa­ben und dem All­gäu prä­sen­tie­ren. Al­len vor­an ein Aus­stel­ler aus dem Raum Sig­ma­rin­gen: Die Ga­le­rie Wohl­hü­ter aus Lei­ber­tin­gen-Thal­heim, die schon 2016 für die schöns­te Ins­ze­nie­rung aus­ge­zeich­net wor­den war. Mit viel Ge­spür für den Raum hat das Ga­le­ris­ten­paar auch dies­mal wie­der in Hal­le 2 auf 100 Qua­drat­me­tern meh­re­re rie­si­ge, ros­ti­ge Plas­ti­ken von Rein­hard Sche­rer lo­cker ver­teilt. Der Wan­ge­ner spielt „raf­fi­niert mit Flä­che und Vo­lu­men, In­nen- und Au­ßen­raum aus Stahl“, so Si­ber.

Äu­ßerst ge­lun­gen ist auch der Skulp­tu­ren­platz von No­t­hel­fer aus Berlin. Der Ga­le­rist hat ei­nen Gang wei­ter spar­sam, aber ef­fekt­voll Skulp­tu­ren von Ro­bert Schad in Sze­ne setzt. Das Mo­tiv des ge­bür­ti­gen Ra­vens­bur­gers ist die plas­ti­sche Li­nie aus ver­ros­te­tem Stahl, die hier vom Bo­den aus weit in den Raum hin­ein greift. „Die Ar­bei­ten ha­ben ge­nau die rich­ti­ge Grö­ße, und ein Ob­jekt in Sicht­wei­te der Ga­le­rie ver­knüpft den Skulp­tu­ren­platz ge­konnt mit der Ko­je“, er­klärt Wil­li Si­ber.

Für Über­ra­schung sorgt Ma­ri­on Eich­mann bei Tam­men & Part­ner aus Berlin in Hal­le 3. Die Künst­le­rin, die aus dem Ruhr­pott stammt und 2014 als Sti­pen­dia­tin auf Schloss Mo­chen­tal bei Ehin­gen leb­te, hat für die Mes­se ei­ne In­stal­la­ti­on in Form ei­nes Wasch­sa­lons ent­wor­fen. Mit die­sen All­tags­ge­gen­stän­den, die an die PopArt an­knüp­fen, geht es ihr um „das Pla­ka­ti­ve, Schril­le und Bun­te in un­se­rer Ge­sell­schaft“, meint Si­ber. Wer ge­nau hin­schaut, ent­deckt, dass es sich um Pa­pier­col­la­gen han­delt, die mit Lie­be fürs De­tail zu­sam­men­ge­setzt wur­den. Schon bei ih­rem Auf­ent­halt in Ober­schwa­ben ar­bei­te­te Eich­mann wie be­ses­sen mit Sche­re und Pa­pier, am En­de hat­te sie ei­ne Seh­nen­schei­den­ent­zün­dung. Auch hier lo­cken gro­ße, zwei­di­men­sio­na­le, kun­ter­bun­te Col­la­gen an der Stirn­wand der Ga­le­rie den Be­su­cher ge­schickt ins In­ne­re.

Oa­se der Ru­he

Ei­ne der bes­ten Ver­tre­ter in Deutsch­land für Bild­hau­er­kunst ist üb­ri­gens Schef­fel aus Bad Hom­burg. Ga­le­rie­chef Chris­ti­an Schef­fel hat mit drei rie­si­gen Plas­ti­ken von Ni­gel Hall ei­ne wohl­tu­en­de Oa­se der Ru­he im Mes­se­ge­tüm­mel ge­schaf­fen. Selbst Wil­li Si­ber ist von die­sem State­ment be­ein­druckt. Die Prei­se sind al­ler­dings ge­sal­zen und lie­gen zwi­schen 180 000 und 270 000 Eu­ro pro Ob­jekt.

Der ein­zi­ge Skulp­tu­ren­platz, der von ei­nem Künst­ler­paar be­spielt wird, ist bei Be­ge Ga­le­ri­en aus Ulm in Hal­le 3 zu fin­den. Andrea und Ni­ko­laus Kern­bach aus Au­len­dorf set­zen hier auf Kon­tras­te – das Schwe­re ge­gen das Leich­te, das Kom­pak­te ge­gen das Ge­schich­te­te, der Stein ge­gen den Kar­ton. „We­ni­ger wä­re hier al­ler­dings mehr ge­we­sen, vor al­lem bei den St­ei­nen“, sagt Wil­li Si­ber. Und er hat recht.

In den Ko­jen selbst sind auf der Mes­se noch wei­te­re Künst­ler aus dem Süd­wes­ten zu ent­de­cken. Mehr­fach ver­tre­ten ist wie im­mer Wil­li Si­ber. Fünf Ga­le­ri­en zei­gen neue Ar­bei­ten von ihm: ne­ben ge­knick­ten Stahl­roh­ren und Schicht­holz­trop­fen auch Wand­ob­jek­te mit gla­sier­ten Flä­chen, die von in­ter­es­san­ten Mus­tern durch­zo­gen wer­den. Die Prei­se für sei­ne Wer­ke lie­gen je nach Grö­ße zwi­schen 200 und 20 000 Eu­ro. Eben­falls mit brand­neu­en Wer­ken wer­den, wie schon in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, Isa Dahl, Jörg Bach, Jo­sef Bü­cheler, An­ne Car­nein und Jür­gen Knub­ben vor­ge­stellt. Dahl hat sich so­gar an Ke­ra­mik ge­wagt und für Ma­jo­li­ka aus Karlsruhe ei­ne Serie von Tel­lern ent­wor­fen.

Son­der­schau Druck­gra­fik

Apro­pos neu. Die Art Karlsruhe zeigt erst­mals in Hal­le 1 ei­ne Son­der­schau zur Druck­gra­fik. Sie dient als Brü­cken­schlag zwi­schen je­nem Ort der Auf­la­gen­küns­te und den an­de­ren Hal­len, wie Mes­se­grün­der und Ga­le­rist Ewald Schra­de aus Ehin­gen er­klärt. Das Kon­zept stieß bei den Ga­le­ri­en auf gro­ße Re­so­nanz.

Ins­ge­samt 119 druck­gra­fi­sche Wer­ke hat ei­ne Ju­ry für die Aus­stel­lung aus­ge­wählt. Das Spek­trum reicht von der Klas­sik bis zur Ge­gen­warts­kunst, wo­bei die mensch­li­che Fi­gur im Zen­trum steht. Tra­di­tio­nell sind sol­che Blät­ter vor al­lem für jun­ge Kunstsammler mit schma­lem Geld­beu­tel von gro­ßem In­ter­es­se. Doch wer sich Zeit nimmt und in al­ler Ru­he über das Mes­se­ge­län­de schlen­dert, kann auch an an­de­ren Stel­len Schnäpp­chen ent­de­cken. Bei­spiels­wei­se bei den OneAr­tist-Shows, die vor al­lem jun­ge, un­be­kann­te Künst­ler prä­sen­tie­ren. 193 Auf­trit­te sind es dies­mal, so vie­le wie noch nie.

FO­TOS: RO­LAND RASE­MANN

Ni­ko­laus und Andrea Kern­bach aus Au­len­dorf set­zen mit ih­rem Ga­le­ris­ten Bernd Ge­se­rick (Mit­te) auf Kon­tras­te.

Wil­li Si­ber (rechts) bei sei­nem Gang durch Hal­le 2, wo der Ga­le­rist Wer­ner Wohl­hü­ter (links) Plas­ti­ken des Wan­ge­ner Künst­lers Rein­hard Sche­rer zeigt.

Ei­ne Son­der­aus­stel­lung zeigt Zeich­nun­gen, Col­la­gen und Ob­jekt­kunst von To­mi Un­ge­rer aus der Samm­lung Würth.

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