„Po­si­tiv ist, wenn Leid und Schmerz ver­bin­det, an­statt zu tren­nen“

Die Mut­ter ei­ner an Buli­mie er­krank­ten Toch­ter über ei­ne schlim­me Zeit, an der sie trotz­dem wach­sen konn­te

Schwaebische Zeitung (Biberach) - - SEITE DREI -

(dg) - Ess­ge­stör­te Men­schen lei­den an ei­ner er­krank­ten See­le, die Ur­sa­chen kön­nen viel­fäl­tig sein. Nicht sel­ten lie­gen die Grün­de in fa­mi­liä­ren Kon­flik­ten oder Trau­ma­ta. Den­noch sind die El­tern auch sel­ber Op­fer, lei­den sie doch mit ih­rem Kind, sor­gen sich um sei­ne Ge­sund­heit und ver­zwei­feln an Selbst­vor­wür­fen. Die Mut­ter der an Buli­mie er­krank­ten Ju­lia, de­ren Krank­heits­ver­lauf oben be­schrie­ben wird, gab der „Schwä­bi­schen Zei­tung“Ein­bli­cke in ihr Le­ben.

Kön­nen Sie sich er­in­nern, wann Sie die Buli­mie ih­rer Toch­ter zum ers­ten Mal be­merkt ha­ben?

Ich ha­be Ve­rän­de­run­gen im We­sen mei­ner Toch­ter be­merkt und schob es auf die be­gin­nen­de Pu­ber­tät. Dass stän­dig al­le Vor­rä­te weg wa­ren, schrieb ich zu­nächst mei­ner ei­ge­nen Schus­se­lig­keit zu. Mir ist zwar auf­ge­fal­len, wie schnell und viel sie auf ein­mal aß, brach­te das aber nicht mit ei­ner Ess­stö­rung in Ver­bin­dung. Wie auch, Ess­stö­run­gen wa­ren da­mals, vor knapp zwan­zig Jah­ren, noch kein The­ma.

Wel­che Si­tua­ti­on ist Ih­nen am meis­ten im Ge­dächt­nis ge­blie­ben?

Der Tag, an dem ich in ih­rem Zim­mer ei­nen Ei­mer mit Er­bro­che­nem fand. Die­se Kot­zei­mer täg­lich und über­all, so­gar im Klei­der­schrank. Ich fühl­te Ent­set­zen, Ekel und Wut. Ich hat­te kei­ne Ah­nung von dem Be­griff Buli­mie und des­sen Be­deu­tung. Ich ha­be die Ei­mer ge­leert, sau­ber ge­macht, weil sie stan­ken und mir Ge­dan­ken ge­macht, was das soll. Ich woll­te mit Ju­lia re­den, sie soll­te mir er­klä­ren, war­um sie das tut. Aber sie woll­te nicht.

Was füh­len Sie, wenn Sie an die­se Zeit den­ken?

Die Schuld­ge­füh­le und kei­ne Ah­nung, was das über­haupt be­deu­te­te. Im­mer wie­der die­se Hilf­lo­sig­keit der Krank­heit ge­gen­über. Al­les war noch neu, auch für die Ärz­te und The­ra­peu­ten. Ich ha­be zwar öf­ters mit un­se­rem Haus­arzt dar­über ge­spro­chen und fühl­te mich den­noch al­lei­ne ge­las­sen. Es war ei­ne schlim­me und trau­ri­ge Zeit – für sie und mich. Kein Fort­schritt, im­mer nur Ge­gen­wehr. Dann kam mein see­li­scher Ab­sturz und ich wur­de auch von un­se­rem Haus­arzt in ei­ne psy­cho­so­ma­ti­sche Kli­nik ein­ge­wie­sen. Mei­ne Toch­ter in der ei­nen und ich in ei­ner an­de­ren Kli­nik. Zwi­schen­durch mal Mut­ter­und-Toch­ter-Ge­sprä­che mit dem The­ra­peu­ten, die aber nichts brach­ten, weil sie beim The­ra­peu­ten kei­nen Ton sag­te.

Was den­ken Sie, war der Aus­lö­ser, der Grund für die Ess­stö­rung?

Durch den frü­hen Tod mei­nes Man­nes und mei­ne De­pres­sio­nen ist die Le­bens­freu­de, das of­fe­ne, ge­sel­li­ge Haus, die glück­li­che Ehe­frau und Mut­ter ver­schwun­den. Die tie­fe Trau­rig­keit in mir war wohl an­ste­ckend. Ich ha­be mich sehr be­müht, gut zu funk­tio­nie­ren, aber wohl nicht gut ge­nug. Al­le mei­ne Lie­be und Für­sor­ge galt mei­ner Toch­ter. Ver­mut­lich zu viel des Gu­ten. Sie hat mei­ne trau­ri­ge See­le wohl be­merkt. Ich kann nur ver­mu­ten, dass hier der Aus­lö­ser für die Buli­mie steckt.

Wie wirk­te sich das Ess­ver­hal­ten Ih­rer Toch­ter auf Ih­ren ei­ge­nen All­tag aus?

Das Geld, auf ei­ne klei­ne Wit­wen­ren­te und das Kin­der­geld ge­schrumpft, spiel­te ei­ne gro­ße Rol­le. Ich muss­te spa­ren. Ein­kau­fen und weg­schlie­ßen. Denn al­les, selbst lie­be­voll ge­koch­tes Es­sen, lan­de­te im Klo. Das mach­te mich schon wü­tend. Die Ei­mer wa­ren zwar weg, aber jetzt muss­te ich eben die Klos sau­ber ma­chen. Ar­bei­ten ge­hen und Geld ver­die­nen, die Toch­ter im Haus al­lei­ne las­sen, trau­te ich mir nicht zu. In der Zeit nach dem ers­ten Kli­nik­auf­ent­halt gab es ei­ne kur­ze, gu­te Zeit. Sie ver­sprach sich zu be­mü­hen, wenn ich sie aus der Kli­nik ho­le. Sie war sehr fried­lich und auch das Ess­ver­hal­ten schien sich ge­bes­sert zu ha­ben. Aber bald hat­te die Sucht sie wie­der im Griff und es ging von vor­ne los.

Wie hat die Buli­mie Ihr ei­ge­nes Le­ben ver­än­dert?

Es hat mei­ne Jah­re, die ich seit der Buli­mie mei­ner Toch­ter mit­er­lebt ha­be, sehr ge­prägt. Im­mer in Sor­ge um sie und ih­re Ge­sund­heit und vor al­lem die Aus­wir­kun­gen auf ih­re Per­sön­lich­keit, ih­re da­durch chao­ti­sche Welt, ihr Hin und Her und ih­re Zer­ris­sen­heit. Tag und Nacht hat es mich be­las­tet und ich konn­te nicht los­las­sen und hel­fen. Es hat mich in mei­nem Le­ben blo­ckiert.

Ha­ben Sie sich ge­schämt?

Ja, Wit­we, ei­ne süch­ti­ge Toch­ter, oh­ne Part­ner. Da schämt man sich, weil man ver­sagt hat.

Ha­ben Sie es ir­gend­wann ak­zep­tiert? Als ge­ge­ben an­ge­nom­men?

Ak­zep­tie­ren muss man es, än­dern kann man es lei­der nicht. Der oder die Kran­ke muss es sel­ber be­kämp­fen. An­ge­nom­men ha­be ich es, nicht weil ich es will, son­dern weil ich es muss.

Ver­letzt Sie die Buli­mie per­sön­lich?

Sie hat mich per­sön­lich ver­letzt. Es wa­ren mei­ne Ge­füh­le, mei­ne Sor­ge und Hilfs­be­reit­schaft, die nicht an­ge­nom­men wor­den sind. Auch die An­grif­fe auf mich ha­ben mich sehr ver­letzt und trau­rig ge­macht. Heu­te sieht die Sa­che an­ders aus. Ju­lia und ich ha­ben den Weg zu­ein­an­der ge­fun­den, trotz Buli­mie, und da­für bin ich sehr dank­bar.

Se­hen Sie auch ir­gend­et­was Po­si­ti­ves an dem Gan­zen?

Ja, un­se­re Be­zie­hung ist sehr tief ge­wor­den. Wahr­schein­lich weil wir um das Lei­den von­ein­an­der wis­sen und das uns zu­sätz­lich ver­bin­det. Es ist viel Zeit ver­gan­gen. Ich bin alt ge­wor­den und mei­ne Toch­ter er­wach­sen, da sieht man die Din­ge an­ders. Po­si­tiv ist, wenn Leid und Schmerz ver­bin­det, an­statt zu tren­nen, der Mensch dar­an wächst, to­le­ran­ter und acht­sa­mer wird.

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