„Die Be­rüh­rung der Pis­to­le spü­re ich noch“

Dia­na Müll, Lands­hut-Gei­sel, er­in­nert sich an ih­re Ent­füh­rung am 13. Ok­to­ber 1977

Schwaebische Zeitung (Friedrichshafen) - - FRIEDRICHSHAFEN -

FRIEDRICHSHAFEN - Dia­na Müll, Gei­sel bei der Ent­füh­rung der „Lands­hut“, spricht kurz vor dem 40. Jah­res­tag ih­rer Be­frei­ung mit SZKor­re­spon­dent Andre­as Her­holz über die schwers­ten Ta­ge ih­res Le­bens.

Frau Müll, vor vier­zig Jah­ren wur­de im Deut­schen Herbst die Luft­han­sa-Ma­schi­ne Lands­hut mit 86 Ur­lau­bern und fünf Cr­ew­mit­glie­dern von pa­läs­ti­nen­si­schen Ter­ro­ris­ten ent­führt, um RAF-Mit­glie­der aus der Haft frei­zu­pres­sen. Sie wa­ren 19 Jah­re alt und ge­hör­ten zu den Gei­seln an Bord und ent­gin­gen nur knapp dem Tod. Da­bei hät­ten Sie um ein Haar gar nicht im Flie­ger ge­ses­sen…

Wir wa­ren zu spät am Flug­ha­fen an die­sem Mor­gen. Ei­gent­lich war das Bo­ar­ding der Lands­hut schon ab­ge­schlos­sen. Die Tür der Ma­schi­ne war ei­gens für uns noch ein­mal ge­öff­net wor­den. Wir wa­ren ei­ne Grup­pe jun­ger, ver­rück­ter Frau­en, die die Rei­se nach Mallor­ca ge­won­nen und uns dort erst ken­nen­ge­lernt hat­ten. Hät­ten wir die Ma­schi­ne nur ver­passt. Wir hat­ten wie die an­de­ren Pas­sa­gie­re auch ei­nen tol­len Ur­laub ge­habt. Die Stim­mung an Bord war gut und aus­ge­las­sen. Nach ei­ner St­un­de dann be­gann der blan­ke Hor­ror. Da hat noch nie­mand ge­ahnt, was uns noch für ei­ne Odys­see be­vor­steht.

Als die Ma­schi­ne bei ei­ner Zwi­schen­lan­dung in Du­bai nicht auf­ge­tankt wer­den soll­te, es­ka­lier­te die Si­tua­ti­on und sie wä­ren bei­na­he vom Ter­ro­ris­ten Mahmud exe­ku­tiert wor­den…

Die Stel­le an mei­ner Schlä­fe, die kal­te Be­rüh­rung der Pis­to­le spü­re ich heu­te noch. Das wer­de ich nicht los. Kei­ne Chan­ce, das zu ver­ges­sen. Ich hat­te To­des­angst. Er hat ge­zählt. Bei neun hat­te ich mit mei­nem Le­ben ab­ge­schlos­sen. Bei zehn kam über Funk die Nach­richt vom To­wer: Stopp. Wir tan­ken auf! Dann wur­de mir schwarz vor Au­gen. Fast wä­re ich ohn­mäch­tig ge­wor­den und von der Flug­zeug­tür aus der Ma­schi­ne ge­stürzt. Von da an weiß ich nicht mehr viel.

Wie geht es Ih­nen heu­te da­mit?

Heu­te geht es mir gut. Ich bin wie­der sta­bil. Gut, dass die Lands­hut jetzt nach Deutsch­land kommt und an die Er­eig­nis­se er­in­nert. Das ist ein Stück Zeit­ge­schich­te. Ich ha­be noch ei­ni­ge Kon­tak­te zu drei, vier an­de­ren Lands­hut-Pas­sa­gie­ren.

Ha­ben Sie Un­ter­stüt­zung und Ent­schä­di­gung von staat­li­cher Seite er­hal­ten?

Am An­fang war ich die Ent­führ­te. Da ha­be ich mich noch nicht als Op­fer ge­fühlt. Spä­ter bin ich schwer krank ge­wor­den, ha­be sehr ge­lit­ten. Das war schlimm, fast schlim­mer noch als die Ent­füh­rung. Da fühl­te man sich al­lein ge­las­sen. Ich muss­te ei­ne The­ra­pie ma­chen, die­se selbst be­zah­len und mich ver­schul­den. Da gab es kei­ne Un­ter­stüt­zung oder Ent­schä­di­gung vom Staat. Die Bun­des­re­gie­rung hat da­mals nichts für uns ge­macht. Die Kärn­te­ner Lan­des­re­gie­rung, die nichts da­mit zu tun hat­te, hat al­le Lands­hut-Pas­sa­gie­re zu ei­nem Ski­ur­laub ein­ge­la­den. Heu­te bin ich sta­bil und ha­be das gut ver­ar­bei­tet, kann da­mit gut um­ge­hen. Da­bei hat mir auch mein Buch „Mo­ga­di­schu – die Ent­füh­rung der Lands­hut und die dra­ma­tisch Be­frei­ung“ge­hol­fen, das ich mit Chris­ti­ne Bo­de ge­mein­sam ge­schrie­ben ha­be. Na­tür­lich gibt es im­mer wie­der Mo­men­te, da kom­men ei­nem die Trä­nen. Das ist auch gut so. Die Er­in­ne­rung bleibt.

DPA

Dia­na Müll

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