Ju­gend wünscht sich mehr Un­ter­schie­de

Was jun­ge Men­schen über ih­re ers­te Bun­des­tags­wahl den­ken

Schwaebische Zeitung (Laupheim) - - LAUPHEIM - Von Kat­ha­ri­na Brill

LAUPHEIM - Mar­co geht wäh­len. Ame­lie auch. Und auch Ja­kob und Li­sa wer­den am 24. Sep­tem­ber ih­re Stim­men zur Bun­des­tags­wahl ab­ge­ben. Nicht un­be­dingt, weil sie das Ge­fühl ha­ben, da­mit viel zu ver­än­dern. Aber we­nigs­tens, sa­gen sie, um zu ver­hin­dern, dass Par­tei­en mit ex­tre­men An­sich­ten an die Macht kom­men.

Drei Mil­lio­nen Erst­wäh­lern gibt es in die­sem Jahr bei der Bun­des­tags­wahl. Wenn man sich bei ei­ni­gen aus der Re­gi­on um­hört und nach ih­rem Ver­hält­nis zur Politik fragt, er­fährt man: Es ist ih­nen sehr wich­tig, ih­re Stim­me ab­zu­ge­ben und an der Politik teil­zu­neh­men. Nur glau­ben die we­nigs­ten, dass sich nach der Wahl wirk­lich et­was ver­än­dern könn­te. Viel mehr schei­nen ih­nen al­le Po­li­ti­ker sehr ähn­li­che, un­er­füll­ba­re Wahl­ver­spre­chen zu ge­ben und sich zu we­nig von­ein­an­der zu un­ter­schei­den. Das er­schwert es den Erst­wäh­lern, sich ei­ne ei­ge­ne Mei­nung zu bil­den und zu ent­schei­den, wel­che Par­tei sie un­ter­stüt­zen möch­ten. „Oft ist mir nicht klar, für was die Par­tei­en ei­gent­lich ste­hen, und sie schei­nen aus­tausch­bar zu sein. Das ist sehr ver­wir­rend, und ich wür­de mir mehr Klar­heit wün­schen“, er­klärt et­wa die 21-jäh­ri­ge Lea.

Än­dert die Wahl et­was?

Auch Mar­co glaubt nicht, dass sich nach der Wahl wirk­lich et­was än­dern wird: „Es gibt ei­nem zwar das Ge­fühl, et­was zu be­ein­flus­sen, aber ich bin der Mei­nung, dass eta­blier­te Par­tei­en wie die SPD und CDU im­mer die Mehr­heit der Wäh­ler an­spre­chen. Be­son­ders auch we­gen dem Al­ters­durch­schnitt in Deutsch­land.“Ge­meint ist ei­ne ge­wis­se de­mo­gra­fi­sche Schief­la­ge: 61,5 Mil­lio­nen Deut­sche sind nach Schät­zung des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts im Bun­des­ge­biet wahl­be­rech­tigt. Die über 70-Jäh­ri­gen ma­chen da­von mehr als 20 Pro­zent aus, wäh­rend die un­ter 30-Jäh­ri­gen laut ei­nem ARD-Bei­trag nur 15 Pro­zent der Wäh­ler stel­len. Man­che von ih­nen fühl­ten sich un­ter­re­prä­sen­tiert. Auch um der Stim­me jun­ger Men­schen mehr Ge­wicht zu ver­lei­hen, spre­chen sich SPD, Lin­ke und Grü­ne für ein Wahl­recht ab 16 aus.

Je­de Stim­me hat Ge­wicht

Re­bec­ca Hof­mann, die in ei­ner Wo­che zum ers­ten Mal wäh­len geht, hat sich im Vor­feld vie­le Ge­dan­ken ge­macht. „Ich möch­te mei­ne Stim­me auch für all die­je­ni­gen nut­zen, die selbst noch nicht wäh­len dür­fen und ge­ra­de Din­ge wie Bil­dungs­po­li­tik nicht mit­ge­stal­ten kön­nen“, sagt die Lauphei­me­rin. „Ich den­ke, un­se­re De­mo­kra­tie lebt da­von, dass man sei­ne po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen nicht leicht­fer­tig trifft, son­dern sich be­wusst ist, dass je­de Stim­me am En­de gleich viel Ge­wicht im Ge­samt­er­geb­nis hat.“

Auch für Ja­ni­na Hu­ber aus Laupheim ist die Wahl nichts Selbst­ver­ständ­li­ches: „Wenn ich schon das Recht ha­be, mit­zu­be­stim­men, dann möch­te ich die­ses Pri­vi­leg auch nut­zen.“Denn genau das be­deu­tet De­mo­kra­tie für sie: Mit­be­stim­mung und freie Mei­nungs­äu­ße­rung.

Per­so­nen und Pro­gram­me

Ins­ge­samt 766 jun­ge Leu­te im Al­ter von 18 bis 21 Jah­ren wer­den in Laupheim zum ers­ten Mal an der Bun­des­tags­wahl teil­neh­men. Un­ter den von der SZ Be­frag­ten schei­nen eher Per­so­nen als Par­tei­pro­gram­me wich­tig. Der 18-jäh­ri­ge Cars­ten Schlü­ter er­klärt das so: „Es sind eher die Un­ter­schie­de zwi­schen den Leu­ten, die die Par­tei­en ver­tre­ten. Das sieht man vor al­lem bei ih­ren öf­fent­li­chen Auf­trit­ten.“Denn die Ver­spre­chen sei­en ja al­le ähn­lich: mehr Ar­beits­plät­ze, Frie­den, sau­be­re Um­welt, ei­ne bes­se­re Zu­kunft.

„Die Un­ter­schie­de zwi­schen den Par­tei­en lie­gen da­rin, wem die Politik tat­säch­lich nützt“, sagt Re­bec­ca Hof­mann. „Den Fir­men, Ban­ken, Groß­ver­die­nern? Fa­mi­li­en, Kin­dern, die selbst nicht wäh­len dür­fen, oder Ar­beits­su­chen­den? Hilft die Politik dem In­di­vi­dua­lis­ten oder der (Welt-) Ge­mein­schaft?“

Aber nicht nur über die Glaub­wür­dig­keit der Po­li­ti­ker ma­chen sich die Erst­wäh­ler Ge­dan­ken: „De­mo­kra­tie be­deu­tet für mich vor al­lem viel Ar­beit. Denn was bringt sie mir, wenn sich die Mei­nung der Wäh­ler mal kurz um 360 Grad dreht und über­haupt nicht zu­kunfts­ori­en­tiert ist?“, sagt der 21-jäh­ri­ge Ja­kob. Er kri­ti­siert die Wäh­ler­schaft als un­be­stän­dig und viel zu leicht zu be­ein­flus­sen. „Wenn vor der Wahl ein An­schlag in Deutsch­land wä­re, dann wür­de die AfD auf ein­mal viel mehr Stim­men be­kom­men, und die Grü­nen flie­gen aus dem Bun­des­tag.“

Mehr mu­ti­ge Ide­en sind ge­fragt

Andre­as ist sei­ner Mei­nung: „Ich glau­be, mehr als durch die Wahl ver­än­de­re ich et­was, wenn ich mit an­de­ren dar­über dis­ku­tie­re, wen und war­um ich wäh­le.“Denn genau das feh­le doch oft bei po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen: of­fen­sicht­li­che Un­ter­schie­de, manch­mal auch ge­wag­te und neue Ide­en der Par­tei­en. „Schaut man sich die al­ten Wahl­pro­gram­me an, wirkt es, als wä­ren die Par­tei­en frü­her viel wei­ter aus­ein­an­der ge­we­sen“, sagt Ja­kob. Auch Re­bec­ca hat die­sen Wunsch an die Politik: „Dass sie sich mehr an ih­re Wahl­ver­spre­chen hält und auch et­was mu­ti­ge­re Ide­en durch­setzt.“

Trotz vie­ler Zwei­fel, ob die Wahl et­was ver­än­dert, sind sich al­le be­frag­ten Erst­wäh­ler in ei­ner Sa­che ei­nig: De­mo­kra­tie ist nichts Selbst­ver­ständ­li­ches. Oder, wie vie­le der von der SZ be­frag­ten Jung­wäh­ler be­ton­ten: „Wir müs­sen die De­mo­kra­tie be­wah­ren und an ihr ar­bei­ten. Da­für lohnt es sich, wäh­len zu ge­hen.“

„Wenn ich schon mit­be­stim­men darf, dann möch­te ich die­ses Pri­vi­leg auch nut­zen.“

Ja­ni­na Hu­ber

„Die Un­ter­schie­de zwi­schen den Par­tei­en lie­gen da­rin, wem die Politik tat­säch­lich nützt.“

Re­bec­ca Hof­mann

„Es sind eher die Un­ter­schie­de zwi­schen den Leu­ten, die die Par­tei­en ver­tre­ten.“Cars­ten Schlü­ter

FO­TO: DPA

Drei Mil­lio­nen Erst­wäh­ler sind zur Bun­des­tags­wahl 2017 auf­ge­ru­fen. In Laupheim sind 766 jun­ge Men­schen erst­mals wahl­be­rech­tigt.

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