Der 500. Jah­res­tag der Re­for­ma­ti­on

Die Theo­lo­gin Mar­got Käß­mann zum Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um

Schwaebische Zeitung (Laupheim) - - ERSTE SEITE -

Die Fei­er­lich­kei­ten zum 500. Jah­res­tag der Re­for­ma­ti­on nä­hern sich ih­rem En­de. Den Ab­schluss bil­det am Re­for­ma­ti­ons­tag ein Fest­got­tes­dienst in der Wit­ten­ber­ger Schloss­kir­che. Mit dem An­schlag der 95 The­sen durch Martin Lu­ther – un­ser Fo­to zeigt den Re­for­ma­tor als Fens­ter­bild in der Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che Ra­vens­burg – wur­de dort vor 500 Jah­ren die Spal­tung der christ­li­chen Kir­che ein­ge­lei­tet. War­um Mar­got Käß­mann, die Lu­ther-Be­auf­trag­te der Evan­ge­li­schen Kir­che, im Ge­gen­satz zum ka­tho­li­schen Kar­di­nal Rein­hard Marx an die­ser Tren­nung fest­hal­ten will, le­sen Sie in un­se­rem In­ter­view. Ob sich ein Be­such der Mann­hei­mer Aus­stel­lung „Re­for­ma­ti­on! Der Süd­wes­ten und Eu­ro­pa“lohnt, er­fah­ren Sie in der Kul­tur.

Mit dem Re­for­ma­ti­ons­tag am 31. Ok­to­ber 2017 neigt sich die Lu­ther­de­ka­de ih­rem En­de zu. In ver­schie­de­nen The­men­jah­ren wur­den die Fol­gen des The­sen­an­schlags vor 500 Jah­ren in Wit­ten­berg durch Martin Lu­ther be­leuch­tet. Vor fünf Jah­ren über­nahm die be­kann­te Theo­lo­gin Mar­got Käß­mann das Amt als Lu­ther­be­auf­trag­te. Im In­ter­view mit Bar­ba­ra Wald­vo­gel blickt sie auf Er­eig­nis­se und Ak­tio­nen vor al­lem im jetzt zu En­de ge­hen­den Jahr zu­rück.

Die Lu­ther­de­ka­de geht zu En­de. Ein zehn­jäh­ri­ger Ma­ra­thon an Ver­an­stal­tun­gen liegt hin­ter den Ver­ant­wort­li­chen in Kir­che und Staat. Sie wa­ren fünf Jah­re lang Bot­schaf­te­rin des Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­ums. Was wür­den Sie sa­gen: Ist man jetzt Lu­ther-satt?

Ich auf je­den Fall nicht, weil ich fin­de, dass Lu­ther und die Re­for­ma­ti­on so vie­le Fa­cet­ten ha­ben, dass wir nur ei­nen Teil auf­neh­men konn­ten. Ich sel­ber ha­be an Lu­ther auch im­mer wie­der neue Sei­ten ent­deckt. Bei­spiels­wei­se den Seel­sor­ger Martin Lu­ther, der viel zu sel­ten wirk­lich wahr­ge­nom­men wird.

Für das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um wur­de mit dem Lu­ther-Lo­go ge­wor­ben. Durch­aus nach­voll­zieh­bar. Schließ­lich ist er der be­kann­tes­te Kopf der Re­for­ma­ti­on. Aber kann man heu­te noch mit den theo­lo­gi­schen Er­kennt­nis­sen des 16. Jahr­hun­derts christ­li­che Kir­che gestal­ten? Ha­ben Theo­lo­gen und Ge­mein­den zum Bei­spiel nicht ein grund­sätz­lich an­de­res Ver­ständ­nis von Kir­che in Ge­sell­schaft und Po­li­tik als Lu­ther?

Es ist ganz klar, dass wir Lu­ther nicht ein­fach 500 Jah­re wei­ter­bea­men kön­nen. Die mit­tel­al­ter­li­che Welt da­mals und un­se­re hoch­tech­ni­sier­te Welt heu­te sind ver­schie­den. Aber die Gr­und­fra­gen des Men­schen blei­ben. Wie fin­det mein Le­ben Sinn? Wie wird es ge­recht­fer­tigt? Auch Grund­la­gen des Glau­bens blei­ben für die evan­ge­li­schen Chris­ten die glei­chen: dass die Bi­bel im Zen­trum steht; dass Je­sus Chris­tus im Zen­trum steht; dass nicht die Kir­che Sün­den ver­gibt, son­dern Gott al­lein – das sind wei­te­re Kenn­zei­chen un­se­rer Kir­che. Es ist al­so vie­les ge­blie­ben, aber na­tür­lich muss sich die Kir­che der Re­for­ma­ti­on be­stän­dig er­neu­ern. Das hat Lu­ther üb­ri­gens selbst ge­sagt.

Wie hat sich ganz all­ge­mein die Sicht­wei­se auf den Re­for­ma­tor ver­än­dert im Ver­gleich zu den Lu­ther­ju­bi­lä­en in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten?

Was sich ganz deut­lich ver­än­dert hat, ist die Wahr­neh­mung der Re­for­ma­ti­on als Ge­samt­ge­sche­hen. Die Tsche­chen wa­ren die­ses Jahr ganz stark be­tei­ligt, weil klar ist, dass schon Jan Hus 100 Jah­re vor Lu­ther Teil der re­for­ma­to­ri­schen Be­we­gung war. Die Schweiz war den gan­zen Sommer in ei­nem ei­ge­nen Pa­vil­lon bei der Welt­aus­stel­lung in Wit­ten­berg prä­sent, weil die ober­deut­sche Re­for­ma­ti­on eben auch ein Teil des Ge­sche­hens war. Al­so Re­for­ma­ti­on als eu­ro­päi­sches Er­eig­nis hat sich in die­sem Jahr erst­mals ge­spie­gelt im Ver­gleich zu den sehr deutsch-na­tio­na­len Fei­ern 1817 und 1917.

Sind Sie per­sön­lich Lu­ther nä­her­ge­kom­men, oder hat bei Ih­nen durch die in­ten­si­ve Be­schäf­ti­gung mit sei­ner Vi­ta das Lu­ther­bild ein paar Krat­zer ab­be­kom­men?

Da muss ich ei­ne dop­pel­te Ant­wort ge­ben. Zum ei­nen be­wun­de­re ich ihn mehr, weil ich das Sprach­ge­nie Lu­ther die letz­ten Jah­re noch ein­mal be­wusst wahr­ge­nom­men ha­be. Wie er ge­run­gen hat, die rich­ti­gen Wor­te für die Über­set­zung zu fin­den, und da­mit un­se­re deut­sche Spra­che schuf, das ist mir im De­tail noch ein­mal klar ge­wor­den. Neh­men wir doch nur ein­mal das Wort Lü­cken­bü­ßer. Auf so ein Wort muss man erst ein­mal kom­men. Oder Geiz­hals. Er hat dar­um ge­run­gen, wirk­lich die Bi­bel zu dol­met­schen. Das fin­de ich fas­zi­nie­rend, weil das ja auch heu­te die Auf­ga­be ist, den Glau­ben in un­see­in

re Zeit zu dol­met­schen. Zum an­de­ren sind mir na­tür­lich ge­ra­de das Aus­maß sei­nes An­ti­ju­da­is­mus und die da­mit ver­bun­de­ne ge­walt­tä­ti­ge Spra­che mit gro­ßem Schre­cken noch ein­mal be­wusst ge­wor­den.

The­ma An­ti­ju­da­is­mus. Ha­ben Sie das Ge­fühl, dass ge­ra­de die­ser Teil von Lu­thers Bio­gra­fie lust­voll auf­ge­grif­fen wur­de, um ihn vom So­ckel zu sto­ßen?

Das ist am­bi­va­lent. Zum ei­nen bin ich sehr froh, dass wir es deut­lich the­ma­ti­siert ha­ben und dass sich die Syn­ode der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land klar von Lu­thers Ju­den­schrif­ten dis­tan­ziert hat. Das war wich­tig. Zum an­de­ren wird es na­tür­lich ger­ne be­nutzt, um Evan­ge­li­sche Kir­che und Lu­ther ins­ge­samt zu kri­ti­sie­ren. Und da müs­sen wir sa­gen, nicht nur Lu­ther war An­ti­ju­da­ist, son­dern zum Bei­spiel auch der Phi­lo­soph Eras­mus von Rot­ter­dam.

Wie wür­den Sie die Rol­le Martin Lu­thers im Bau­ern­krieg be­schrei­ben?

Lu­ther selbst hat­te ja zum Le­bens­en­de ge­zwei­felt, ob er sich rich­tig ver­hal­ten hat­te. Zu­erst schlug er sich auf die Sei­te der Bau­ern. Aus gro­ßer Angst vor chao­ti­schen Zu­stän­den er­klär­te er aber dann den Fürs­ten, sie könn­ten zu Recht mit Ge­walt drein­schla­gen. Das bleibt als Schat­ten über der Re­for­ma­ti­on. Weil die Bau­ern sei­nen Frei­heits­ruf sehr klar auch als Ruf zur in­di­vi­du­el­len Frei­heit ver­stan­den. Und ich den­ke, in der Kon­se­quenz auch zu Recht.

The­ma in­di­vi­du­el­le Frei­heit. Wird sie heu­te nicht fast schon über­stra­pa­ziert? Wel­che Vor­stel­lung von der Frei­heit ei­nes Chris­ten­men­schen hat­te Lu­ther?

Frei­heit als pu­re Ego­ma­nie und pu­rer In­di­vi­dua­lis­mus war nicht Lu­thers Idee. „Der Chris­ten­mensch ist ein frei­er Herr al­ler Din­ge und nie­man­dem Un­ter­tan“, for­mu­lier­te er. Das stimmt. Aber der zwei­te Satz lau­tet eben: „Der Chris­ten­mensch ist

dienst­ba­rer Knecht al­ler Din­ge und je­der­mann un­ter­tan.“Die Frei­heit ist im­mer ei­ne Frei­heit mit den an­de­ren oder auch ei­ne Frei­heit für die an­de­ren und für die Ge­mein­schaft. Lu­ther hat ei­ne Ver­pflich­tung des Men­schen ge­se­hen, sei­ne Ga­ben ein­zu­brin­gen für die Ge­sell­schaft. Da­bei be­ton­te er, dass die Ga­be der Magd, die den Be­sen schwingt, ge­nau­so wich­tig ist, wie die Ga­be des Fürs­ten, der das Land re­giert. Je­der Mensch hat für Lu­ther ei­ne Be­ru­fung und da­mit ei­nen Be­ruf.

Es geht al­so nicht nur um mich per­sön­lich. Es gibt wun­der­ba­re Sät­ze von Lu­ther ge­gen die Faul­heit. So sag­te er ein­mal: „Wir kön­nen nicht er­war­ten, dass uns ein ge­bra­te­nes Huhn ins Maul fliegt.“Auf der an­de­ren Sei­te hat er eben auch das be­tont, was wir heu­te Sub­si­dia­ri­tät nen­nen. Wenn du für dich selbst sor­gen kannst, dann sor­ge für dich selbst. Aber du hast auch die Ver­pflich­tung, für die Ge­mein­schaft ein­zu­tre­ten. Ich fin­de das sehr an­schau­lich in der ers­ten Ord­nung für den „Ge­mei­nen Kas­ten“ge­re­gelt. Da­bei wird klar: Du gibst jetzt nicht Al­mo­sen, weil du dich selbst er­hö­hen willst oder da­mit dir Sün­den er­las­sen wer­den, son­dern du gibst, wenn du kannst, aus Ver­pflich­tung für die Ge­mein­schaft. Wer nicht für sich sor­gen kann, der wird von der Ge­mein­schaft ver­sorgt – und des­halb wird das Bet­teln ab­ge­schafft. Das fin­de ich doch sehr schön. Das Bet­teln wird ver­bo­ten, weil je­der Mensch so ver­sorgt wird, dass er nicht bet­teln muss. Das ist ei­ne sehr so­zia­le Kom­po­nen­te. Dar­an muss ich im­mer wie­der den­ken, wenn ich durch Ber­lin ge­he und Men­schen bet­teln se­he.

Was wa­ren aus Ih­rer Sicht die Hö­he­punk­te im Amt als Lu­ther-Be­auf­trag­te?

Hö­he­punkt für mich per­sön­lich wa­ren die 16 Wo­chen „Welt­aus­stel­lung Re­for­ma­ti­on“in die­sem Sommer in Wit­ten­berg. Ich war je­de Wo­che meh­re­re Ta­ge in Wit­ten­berg. Mich hat be­geis­tert, dass so vie­le Men­schen aus al­ler Welt ge­kom­men sind, dass Ka­tho­li­ken, Re­for­mier­te, Bap­tis­ten, Men­no­ni­ten auch en­ga­giert wa­ren, dass aus ganz Deutsch­land Eh­ren­amt­li­che die Pa­vil­lons ge­stal­tet ha­ben. 15 000 Kon­fir­man­den und Kon­fir­man­din­nen wa­ren da, 4 200

Pfad­fin­der und Pfad­fin­de­rin­nen – das fand ich sehr be­glü­ckend, weil es die Le­ben­dig­keit un­se­rer Kir­che, die Viel­falt und Ex­pe­ri­men­tier­freu­de ge­zeigt hat.

Aber es heißt doch, dass man mit mehr Be­su­chern ge­rech­net hät­te. Stimmt das nicht?

Al­so für mich wa­ren mit ei­ner hal­ben Mil­li­on ge­nug Be­su­cher da. An Zahl­spie­len ha­be ich mich nie be­tei­ligt. Und ich den­ke, die hal­be Mil­li­on Men­schen, die da war, war be­geis­tert.

Im Schwei­zer Pa­vil­lon war ei­ne Dru­cke­rei in­stal­liert. Re­for­ma­ti­on oh­ne Buch­druck geht ja gar nicht. Wie weit ist die Dru­cke­rei ge­kom­men?

Das war auch ei­ne Er­in­ne­rung dar­an, dass oh­ne den Buch­druck die Ide­en der Re­for­ma­ti­on im 16. Jahr­hun­dert nicht so schnell hät­ten ver­brei­tet wer­den kön­nen. Die Schwei­zer ha­ben es tat­säch­lich ge­schafft, das Neue Tes­ta­ment zu­sam­men mit den Be­su­chern zu dru­cken. Es konn­te am En­de der Aus­stel­lung über­reicht wer­den. Es ist sehr schön ge­wor­den.

Gab es auch Tief­punk­te?

Ein schlim­mes Er­leb­nis war, als ei­ne 25-jäh­ri­ge Ko­lum­bia­ne­rin, die Frei­wil­li­gen­dienst in Wit­ten­berg ge­leis­tet hat­te, bei ei­nem tra­gi­schen Ver­kehrs­un­fall ums Le­ben kam. Ich muss­te am nächs­ten Morgen ei­ne And­acht für die jun­gen Leu­te hal­ten. Das war für mich im Rück­blick der schwers­te Tag.

Staat und Kir­che ha­ben für die­ses Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um in ver­schie­de­nen Gre­mi­en teil­wei­se er­folg­reich zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Der Re­for­ma­ti­ons­tag wur­de so­gar zum ein­ma­li­gen staat­li­chen Fei­er­tag aus­ge­ru­fen. Ist so viel Nä­he zwi­schen Staat und Kir­che heu­te noch ver­tret­bar?

Das den­ke ich schon. Un­ser Land ist christ­lich ge­prägt. Es gibt ei­ne Tren­nung von Staat und Kir­che. Die Kir­che wird dem Staat nicht un­mit­tel­bar hin­ein­re­den und der Staat nicht in die Kir­chen­lei­tun­gen. Al­ler­dings hört der Staat das Vo­tum der Kir­che, zum Bei­spiel zu gro­ßen ethi­schen Fra­gen. Das fin­de ich auch ge­recht­fer­tigt. Au­ßer­dem ha­ben wir ja auch

Kon­flik­te. Zum Bei­spiel beim The­ma Kir­chen­asyl oder in der Flücht­lings­fra­ge. Ich den­ke, es be­steht ein an­ge­mes­se­nes Ver­hält­nis von Dis­tanz und Nä­he. Der Bun­des­tag hat ja 2011 ein­stim­mig ge­sagt, beim Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um han­de­le es sich nicht al­lein um ein kirch­li­ches Er­eig­nis, son­dern um ein kul­tur­his­to­ri­sches Er­eig­nis, das nicht nur Be­deu­tung für Deutsch­land, son­dern für Eu­ro­pa hat. Und das ist in der Tat so.

Mit den Bun­des­prä­si­den­ten Gauck und jetzt St­ein­mei­er so­wie Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel fan­den sich Po­li­ti­ker an der Spit­ze des Staa­tes, die mit der Kir­che ver­bun­den sind. Wer­den die­se Ver­bin­dun­gen auch die Zu­kunft prä­gen?

Das wird sich si­cher auch ver­än­dern. Weil wir zu­neh­mend Sä­ku­la­ri­sie­rung er­ken­nen und mehr Men­schen po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men, die nicht kirch­lich ver­bun­den sind. Da­mit müs­sen wir in Zu­kunft rech­nen. Trotz­dem den­ke ich, auch wenn un­se­re Kir­chen zah­len­mä­ßig klei­ner wer­den, wer­den sie doch Be­deu­tung ha­ben in die­sem Land, weil sie vom christ­li­chen Glau­ben spre­chen, Tra­di­ti­on und Ge­mein­schaft wah­ren und als öf­fent­li­che Stim­me zu Frie­den und Ge­rech­tig­keit mah­nen. Das war selbst der Fall bei der Kir­che in der DDR in ei­ner Min­der­hei­ten- und Un­ter­drü­ckungs­si­tua­ti­on.

The­ma Öku­me­ne: Vor dem Re­for­ma­ti­ons­jahr 2017 gab es Stim­men aus der ka­tho­li­schen Kir­che, die al­len­falls ein Ge­den­ken be­ge­hen, aber kein Ju­bi­lä­um fei­ern woll­ten. Was ist nun pas­siert? Wur­de öku­me­nisch ge­dacht oder öku­me­nisch ge­fei­ert?

Es wur­de mei­nes Erach­tens öku­me­nisch ge­fei­ert. Fei­ern heißt ja nicht, im­mer nur lus­tig auf dem Tisch zu tan­zen. Wir ha­ben auch Fei­ern zum Na­tio­nal­fei­er­tag am 3. Ok­to­ber, wo In­hal­te im Vor­der­grund ste­hen. Und wir ha­ben auch in­halt­lich mit­ein­an­der ge­ar­bei­tet. Kar­di­nal Wal­ter Kas­per hat ge­sagt, das Jahr 2017 war ein Kai­ros der Öku­me­ne. Das heißt für mich aber nicht, dass die Un­ter­schie­de ein­ge­eb­net wer­den. Wir ha­ben auch ge­fragt: „Was heißt evan­ge­lisch sein?“Für Pro­tes­tan­ten zeigt das Pap­st­amt ein an­de­res Mo­dell von Kir­che. Die Ehe ist für uns kein Sa­kra­ment. Die Hei­li­gen ha­ben bei uns ei­ne an­de­re Rol­le. Wir or­di­nie­ren Frau­en in al­le Äm­ter. Die Un­ter- schie­de kön­nen von mir aus blei­ben, aber es muss klar sein: Es ver­bin­det uns mehr als uns trennt. Ich den­ke, das war in die­sem Jahr schon sehr deut­lich.

Ober­schwa­ben hat ver­mut­lich Ge­schich­te ge­schrie­ben. In Ra­vens­burg wur­de nach ei­nem zwei­jäh­ri­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess un­ter dem The­ma „Vom Tren­nen zum Tei­len“, in­iti­iert von der ka­tho­li­schen Sei­te, am 8. Ok­to­ber die Ra­vens­bur­ger Er­klä­rung ver­ab­schie­det – un­ter­zeich­net vom ka­tho­li­schen und evan­ge­li­schen Pfar­rer, vom Ober­bür­ger­meis­ter und vie­len wei­te­ren Bür­gern. Dar­in wird aus­drück­lich zum Abend­mahl ein­ge­la­den – auch von ka­tho­li­scher Sei­te. Ist die­ses ein ein­ma­li­ges mu­ti­ges Bei­spiel von eu­cha­ris­ti­scher Gast­freund­schaft, oder ken­nen Sie wei­te­re Bei­spie­le die­ser Art?

Ich ken­ne wei­te­re Bei­spie­le, die aber nicht so öf­fent­lich sind. Das Ra­vens­bur­ger Bei­spiel fin­de ich sehr gut, mu­tig und rich­tig. Denn eu­cha­ris­ti­sche Gast­freund­schaft – das sa­gen auch ka­tho­li­sche Theo­lo­gen – ist theo­lo­gisch denk­bar. Dass wir uns ge­gen­sei­tig zur Eucha­ris­tie, zum Abend­mahl ein­la­den kön­nen, das ist ein sicht­ba­res Zei­chen, das vie­len ka­tho­li­schen und evan­ge­li­schen Chris­ten wich­tig ist.

Wie sind die Per­spek­ti­ven für die evan­ge­li­schen Kir­chen nach dem 31. Ok­to­ber 2017? Kehrt man zu­rück zum bu­si­ness as usu­al und da­mit auch zu den mä­ßig bis schlecht be­such­ten Got­tes­diens­ten?

Ich wün­sche mir, dass das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um ei­ne Er­mu­ti­gung ist, Spi­ri­tua­li­tät auf­zu­wer­ten, For­men von Got­tes­dienst zu fin­den, die Men­schen an­spre­chen. Das ha­ben wir in Wit­ten­berg ex­pe­ri­men­tiert. Aben­dand­acht auf dem Markt­platz, Mit­tags­ge­bet mit­ten in der Öf­fent­lich­keit, aber auch die öf­fent­li­che Kaf­fee­ta­fel in Leip­zig, die Ta­fel in Erfurt, in Ra­vens­burg – das sind neue Mo­del­le, die gut an­kom­men. Die Ein­la­dun­gen auf öf­fent­li­chen Plät­zen zu Ge­sprä­chen über Gott und die Welt so­wie zu klei­nen For­men der And­acht schaf­fen Zu­gän­ge zur Kir­che, und wir hof­fen, dass die­se Bei­spie­le auch an an­de­ren Or­ten Schu­le ma­chen.

„Frei­heit als pu­re Ego­ma­nie und pu­rer In­di­vi­dua­lis­mus war nicht Lu­thers Idee.“Mar­got Käß­mann

„Das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um 2017 ha­ben wir erst­mals welt­of­fen, in­ter­na­tio­nal und öku­me­nisch ge­fei­ert.“Mar­got Käß­mann

En­det Ihr Amt mit dem 31. Ok­to­ber 2017?

Nein. Es en­det tat­säch­lich mit mei­nem Ru­he­stand am 30. Ju­ni 2018. Durch den Ur­laub, der üb­rig ist, wird der 15. Mai 2018 mein letz­ter Ar­beits­tag sein.

Auch da­nach wer­den Sie si­cher­lich ei­ne viel ge­frag­te Frau der evan­ge­li­schen Kir­che sein. Aber wel­che Er­fah­run­gen neh­men Sie aus Ih­rem Amt als Re­for­ma­ti­ons­be­auf­trag­te mit in den be­vor­ste­hen­den Ru­he­stand?

Per­sön­lich neh­me ich viel Be­geis­te­rung mit. Für mich war es groß­ar­tig mit so vie­len jun­gen Leu­ten der Ge­ne­ra­ti­on mei­ner Kin­der zu­sam­men­zu­ar­bei­ten, die in Wit­ten­berg in der Ge­schäfts­stel­le für das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um ak­tiv wa­ren. Es war schön zu er­le­ben, wie viel Be­geis­te­rung und En­ga­ge­ment bei den jun­gen Leu­ten für un­se­re Kir­che da ist. Da ma­che ich mir um die Zu­kunft un­se­rer Kir­che doch we­ni­ger Sor­gen.

Wie lau­tet Ihr kur­zes, prä­gnan­tes Fa­zit zum Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um?

Das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um 2017 ha­ben wir erst­mals welt­of­fen, in­ter­na­tio­nal und öku­me­nisch ge­fei­ert. Das zeigt, wie viel Ent­wick­lung in den letz­ten 100 Jah­ren mög­lich war.

FO­TO: DPA

Vor fünf Jah­ren über­nahm Mar­got Käß­mann das Amt als Lu­ther-Be­auf­trag­te, es en­det Mit­te 2018 mit ih­rem Ru­he­stand.

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