Der Forst als letz­te Ru­he­stät­te

Fried­wäl­der ver­än­dern un­se­re Be­stat­tungs­kul­tur und stil­len die Sehn­sucht nach der Na­tur

Schwaebische Zeitung (Laupheim) - - ERSTE SEITE - Von Erich Nyffe­negger

MESSKIRCH (nyf) Beim Be­griff „Wald“den­ken wir zu­nächst an Na­tur und Vi­ta­li­tät, an das Le­ben. Doch mitt­ler­wei­le dient der Forst auch als Be­gräb­nis­stät­te. Der Trend zum Fried­wald hat mitt­ler­wei­le auch den Sü­den der Re­pu­blik er­reicht. War­um sich Men­schen für den Wald als letz­te Ru­he­stät­te ent­schei­den:

Am An­fang des letz­ten, des al­ler­letz­ten We­ges steht nicht der Pfar­rer, son­dern der Förs­ter. Im kon­kre­ten Fall Wolf­gang Haf­ner. Und es sind nicht im­mer nur die To­ten, die er be­glei­tet, son­dern auch die Le­ben­den. Denn vie­le Men­schen, die dar­über nach­den­ken, die Ewig­keit un­ter ei­nem Baum im Wald zu ver­brin­gen, wol­len be­reits zu Leb­zei­ten ganz ge­nau wis­sen, wie das denn so ist mit dem Tot­sein in ei­nem Fried­wald.

Wal­traud und Al­bert Wol­fen sind sol­che Men­schen, de­nen be­wusst ist, dass auch ihr Le­ben nicht ewig dau­ern wird. Dass es auch für sie ein En­de al­ler Ta­ge gibt. Aber das macht das Ehe­paar aus Krau­chen­wies nicht be­son­ders un­glück­lich. „Mit 81 und 78 hat man vie­le Men­schen kom­men und schließ­lich für im­mer ge­hen se­hen“, sagt Frau Wol­fen, die jetzt über die laub­be­deck­ten We­ge geht. Tie­fer hin­ein in den Fried­wald Meß­kirch, ih­ren Mann ne­ben sich. Die Son­ne setzt die herbst­li­chen Blät­ter un­ter ein Licht, das wie flüs­si­ges Feu­er von den Bäu­men tropft. Die Luft ist er­füllt vom Ge­zwit­scher der Vö­gel, die mit al­ler Macht die letz­te Kraft des Som­mers her­bei sin­gen. Vom Bo­den steigt der er­di­ge Ge­ruch ster­ben­der Blät­ter auf. Trotz des schwe­ren Atems schei­nen die bei­den Se­nio­ren an die­sem Ort Kraft zu tan­ken.

Tröst­lich, die Rin­de zu strei­cheln

Tat­säch­lich hat die Sze­ne­rie et­was Tröst­li­ches. Ein Ge­fühl von Schoß der Na­tur. Heim­kom­men. Asche zu Asche. Staub zu Staub. Mensch zu Na­tur. Nach ein paar Geh­mi­nu­ten ragt er in die Hö­he, der Fa­mi­li­en­baum der Wol­fens. Wal­traud Wol­fen stützt sich mit ei­nem Arm an der Bu­che ab, strei­chelt die Rin­de, und das Herz wird ihr ein we­nig schwer. Denn un­ter dem Ge­äst wer­den nicht nur sie und ihr Mann Al­bert ei­nes Ta­ges die letz­te Ru­he fin­den. Seit ver­gan­ge­nem Jahr liegt hier be­reits ihr ei­ge­ner Sohn.

„Er war so­fort be­geis­tert von der Idee Fried­wald“, er­in­nert sich Al­bert Wol­fen, des­sen Stim­me da­bei be­legt klingt. Ei­ne be­son­de­re Ver­bin­dung zum Wald ha­be es in der Fa­mi­lie zwar nie ge­ge­ben. Aber als Wal­traud Wol­fen dann, nach­dem der Sohn ge­stor­ben war, ge­mein­sam mit ih­rem Mann ei­nen Baum im Meß­kir­cher Forst aus­ge­sucht hat, da wuss­te sie gleich, als sie vor ihm stand, „das ist er“.

Mit der Be­däch­tig­keit ei­nes Pries­ters sagt die sanf­te Stim­me von Bru­no Zöld: „Das er­le­ben wir oft, dass Men­schen, die sich für den Fried­wald ent­schei­den, ei­nen ganz be­stimm­ten Baum fin­den und so­fort wis­sen ,das ist mei­ner’.“Zöld ist in­ner­halb des Un­ter­neh­mens Fried­wald für Meß­kirch zu­stän­dig. In Deutsch­land gibt es in­zwi­schen 60 Stand­or­te, zwei da­von ne­ben Meß­kirch auch in Hei­li­gen­berg. Da­mit ist die letz­te Ru­he un­ter Bäu­men kei­ne exo­ti­sche An­ge­le­gen­heit mehr, son­dern sie rückt im­mer mehr ins Be­wusst­sein der Ge­sell­schaft.

Und es gibt ei­ne Rei­he von Grün­den, die für das Kon­zept spre­chen: Wäh­rend kon­ven­tio­nel­le Fried­hö­fe in der Re­gel ein Min­dest­maß an Gr­ab­pfle­ge nö­tig ma­chen, ist im Fried­wald al­les weit­ge­hend der Na­tur und der Macht der Jah­res­zei­ten un­ter­wor­fen. Gr­ab­schmuck ist nicht nur nicht er­wünscht, son­dern wi­der­spricht dem Kon­zept des Fried­walds. „Wir wol­len al­les so weit wie mög­lich der Na­tur über­las­sen“, sagt Bru­no Zöld. Na­tür­lich sorgt der Förs­ter da­für, dass die We­ge be­geh­bar blei­ben. Er pflegt den Wald, so­dass er zu­gäng­lich ist. Die We­ge wer­den bei Be­darf mit Rin­den­mulch ver­se­hen. To­t­holz räumt er aus. Viel mehr aber auch nicht.

„Bar­rie­re­frei kann ein Fried­wald al­so nicht sein“, er­klärt Zöld, der pein­lich ge­nau dar­auf ach­tet, die kon­ven­tio­nel­len Be­stat­tungs­ar­ten nicht schlecht zu ma­chen. „Al­les hat sei­ne Be­rech­ti­gung. Der Mensch soll frei dar­über ent­schei­den kön­nen.“So wie die Fa­mi­lie Wol­fen, die es „noch kei­nen Au­gen­blick be­reut hat“, sich für den Fried­wald in Meß­kirch ent­schie­den zu ha­ben. Ein biss­chen lie­ge das schon auch an ganz prak­ti­schen Er­wä­gun­gen. Das Gr­ab nicht pfle­gen zu müs­sen zum Bei­spiel, weil die Na­tur im Wan­del der Jah­res­zei­ten den im­mer pas­sen­den Schmuck pa­rat ha­be. „Preis­güns­tig ist es auch“, sagt Al­bert Wol­fen und zeigt auf den Fa­mi­li­en­baum, der im kon­kre­ten Fall 4350 Eu­ro ge­kos­tet hat und mit des­sen Er­werb das Recht ver­bun­den ist, bis zu zehn Per­so­nen dort zu be­stat­ten. „Der Baum, und da­mit die Ru­he­stät­te, sind dann bis zu 99 Jah­re ga­ran­tiert.“Die­se 99 Jah­re gel­ten ab dem Zeit­punkt der Fried­wal­der­öff­nung, der in Meß­kirch wur­de 2011 ge­grün­det. Wird heu­te, im Jahr 2017 bei­ge­setzt, so gilt die Ru­he­zeit al­so bis zum Jahr 2110 und be­trägt 93 Jah­re. Da­zu kommt pro Ur­ne ei­ne Be­set­zungs­ge­bühr von der­zeit 275 Eu­ro. Die Kre­ma­to­ri­en in Deutsch­land sind mitt­ler­wei­le auf Wald­be­stat­tun­gen vor­be­rei­tet und ver­fü­gen über die ent­spre­chen­den Ur­nen.

Zwar ist in vie­len Fäl­len bei der Bei­set­zung noch ein Pfar­rer da­bei, doch es geht auch oh­ne: „Die Ab­schieds­fei­ern sind sehr in­di­vi­du­ell“, er­klärt Bru­no Zöld. Das rei­che von der schweig­sa­men Ze­re­mo­nie mit zwei Per­so­nen bis zur präch­ti­gen Pro­zes­si­on mit 200 Leu­ten samt Ka­pel­le. „Wir hat­ten auch schon mal Mo­tor­rad­fah­rer, die die Ur­ne des Ka­me­ra­den auf der Har­ley Da­vid­son zum Baum ge­fah­ren ha­ben“, er­in­nert sich Zöld. Für al­le Ar­ten von Ge­den­ken steht ein And­achts­platz zur Ver­fü­gung.

„In der Re­gel sind die Bei­set­zun­gen aber eher ru­hig ge­hal­ten“, sagt Förs­ter Wolf­gang Haf­ner, der – wenn es so­weit ist – die Er­de aus­hebt und die Stel­le für die Ur­ne vor­be­rei­tet. Am An­fang sei es schon ein we­nig selt­sam ge­we­sen, sich mit die­sen neu­en Auf­ga­ben zu be­fas­sen. Schließ­lich hat­te er mit Be­stat­tun­gen nicht das Ge­rings­te zu tun, be­vor et­wa sechs Hekt­ar Wald des Hau­ses Fürs­ten­berg zum Fried­wald wur­den. „Aber in­zwi­schen ist das ganz nor­mal für mich ge­wor­den“, sagt Haf­ner. Al­ler­dings müs­se man in der La­ge sein, die Trau­er der an­de­ren nicht all­zu nah an sich her­an­zu­las­sen. Er selbst kann sich in­zwi­schen eben­falls vor­stel­len, ein­mal im Wald – sei­nem jet­zi­gen Ar­beits­platz – die letz­te Ru­he zu fin­den.

Den ei­ge­nen Baum ge­sät

Die Rüh­rung legt sich deut­lich hör­bar auf die Stim­me des Förs­ters, wenn er die klei­ne Ge­schich­te von sei­nem Baum er­zählt: Vor ein paar Jah­ren ha­be er im Bü­ro ein klei­nes Ku­vert mit Aka­zi­en-Sa­men her­um­lie­gen ge­habt. Zu­nächst ha­be er nicht ge­wusst, was da­mit an­fan­gen. Dann setz­te Haf­ner ein paar Sa­men an ei­ner schö­nen Stel­le im Fried­wald in die Er­de. Und sie­he da: Bald wur­de ei­ne zar­te Pflan­ze dar­aus, dann ein kräf­ti­ges Bäum­chen. Und ir­gend­wann wird dar­aus Haf­ners Baum ge­wach­sen sein. Ei­ner, mit dem der Förs­ter auf ei­ne be­rüh­ren­de Art ver­bun­den ist. Ei­ne Be­zie­hung be­son­de­rer Art.

„So et­was su­chen die Men­schen bei uns“, be­stä­tigt Bru­no Zöld, wäh­rend Wal­traud und Al­bert Wol­fen sich von ih­rem Sohn ver­ab­schie­den, in­dem sie mit der Hand über die Rin­de des Bau­mes strei­cheln. „So schön, wie es heu­te hier ist, könn­te es auf dem Fried­hof gar nicht sein“, sagt Wal­traud Wol­fen, und ihr Mann stützt sie ein we­nig auf dem kur­zen Marsch zum Park­platz. Zum Ab­schied schickt die Son­ne noch ein­mal be­son­ders kräf­ti­ge Strah­len, und der Wind schiebt die Zwei­ge ein we­nig bei­sei­te, da­mit das Licht die bun­ten Blät­ter noch ein­mal zum Leuch­ten brin­gen kann. „Auf Wie­der­se­hen“, sagt Wal­traud Wol­fen mit ih­rer zar­ten Stim­me und wirft ei­ne Kuss­hand in je­ne Rich­tung, wo der Sohn ruht und wo die gan­ze Fa­mi­lie ei­nes Ta­ges ver­eint sein wird.

Am Stamm ist ei­ne schlich­te Ta­fel mit den Na­men der Ver­stor­be­nen an­ge­bracht. Bis zu zehn Ur­nen kön­nen um ei­nen Baum be­stat­tet wer­den.

FO­TOS: CHRIS­TI­AN FLEMMING

Bru­no Zöld (links) be­treut den Fried­wald Messkirch – so auch Men­schen wie das Ehe­paar Wal­traud und Al­bert Wol­fen, das sich hier sei­nen Fa­mi­li­en­baum aus­ge­sucht hat.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.