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Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Seite Drei -

ch ha­be ih­rer Mut­ter doch ver­spro­chen, dass ich gut auf sie auf­pas­sen wer­de. Und jetzt, und jetzt ...“Ali Joa­i­dan kann den Satz nicht zu En­de spre­chen. Als der 33Jäh­ri­ge auf sein Te­le­fon guckt, bricht er in Trä­nen aus. Auf dem Dis­play ist ein Foto sei­nes sechs­jäh­ri­gen Soh­nes Hus­sain und sei­ner vier­jäh­ri­gen Toch­ter Zain­ab. Zain­ab liegt zu die­sem Zeit­punkt im Lei­chen­haus, Hus­sains leb­lo­ser Kör­per treibt ir­gend­wo im Meer zwi­schen Kos und Bo­drum. Die bei­den Kin­der sind im Arm ih­res Va­ters er­trun­ken, als er sie vor Krieg und Ge­walt in Si­cher­heit brin­gen woll­te.

Vor knapp drei Mo­na­ten er­trank der drei­jäh­ri­ge Ay­lan aus Sy­ri­en. Er woll­te mit sei­nen El­tern nach Eu­ro­pa flie­hen. Sei­ne Lei­che wur­de an ei­nem Strand in der Nä­he des tür­ki­schen Ba­de­or­tes Bo­drum an­ge­spült, die Bil­der lös­ten welt­weit Ent­set­zen aus. Es darf kei­nen wei­te­ren Ay­lan ge­ben, for­der­ten Po­li­ti­ker an­ge­sichts der Bil­der des to­ten Kin­des. Doch das Ster­ben geht wei­ter. Min­des­tens 3548 Flücht­lin­ge (Stand 24.11.) sind nach An­ga­ben der In­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on in die­sem Jahr be­reits im Mit­tel­meer er­trun­ken. Un­ter den jüngs­ten Op­fern sind Zain­ab und Hus­sain.

Mas­kier­te Män­ner dro­hen

„Was hät­te ich denn ma­chen sol­len?“, ent­geg­net Ali Joa­i­dan auf den Vor­wurf, den nur er selbst sich macht. „Wä­ren wir im Irak ge­blie­ben, wä­ren mei­ne Kin­der jetzt auch tot“, sagt der Po­li­zist. An ei­nem Check­point in Bag­dad ent­deck­te er meh­re­re in ei­nem Au­to ver­steck­te Schall­dämp­fer. Der Po­li­zist ließ die ver­meint­li­chen At­ten­tä­ter fest­neh­men. Kurz dar­auf er­hielt er ei­nen An­ruf sei­nes Va­ters: „Bei dir zu Hau­se sind mas­kier­te Män­ner auf­ge­taucht. Sie ha­ben nach dei­nen Kin­dern ge­sucht. Sie wol­len dich und dei­ne Kin­der tö­ten.“Ali Joa­i­dan nahm die Dro­hun­gen der mut­maß­li­chen Kom­pli­zen der von ihm fest­ge­nom­me­nen Män­ner ernst, flüch­te­te mit Has­san (10), Ha­wra (9), Hus­sain und Zain­ab in die Tür­kei. Zwei Jah­re zu­vor war sei­ne Frau an Herz­ver­sa­gen ge­stor­ben, ihr hat­te er ge­schwo­ren, die Kin­der zu be­schüt­zen.

Schlauch­boot statt Yacht

In der Tür­kei wur­de der Va­ter von Men­schen­schmugg­lern an­ge­spro­chen. Sie zeig­ten ihm das Bild ei­ner gro­ßen Yacht. Das Boot sah ver­trau­en­er­we­ckend aus. „Für mei­ne Kin­der woll­te ich das si­chers­te Boot. Da­für war ich be­reit, je­den Preis zu zah­len“, sagt der vier­fa­che Va­ter. 8000 Eu­ro knüpf­ten die Schleu­ser ihm für fünf Plät­ze ab. Kurz dar­auf brach­ten sie ihn und sei­ne Kin­der nachts an ei­nen ein­sa­men Strand in der Nä­he von Bo­drum. Doch statt ei­ner see­taug­li­chen Yacht lag dort ein al­tes, et­wa drei Me­ter lan­ges Schlauch­boot. „Da ge­he ich mit mei­nen Kin­dern nicht rauf“, sag­te Ali Joa­i­dan. Als er die Pis­to­le ei­nes Schleu­sers im Rü­cken spür­te, ging er doch. Zu­sam­men mit elf wei­te­ren Men­schen leg­te das Boot ab. Ein Scher­ge des Men­schen­schmugg­ler­rings nahm Kurs auf die Lich­ter der nur we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fern­ten grie­chi­schen In­sel Kos.

Doch um ih­ren Pro­fit zu stei­gern, hat­ten die Schleu­ser nicht voll­ge­tankt. Als der Au­ßen­bor­der stot­ternd aus­ging, wur­de der über­la­de­ne Kahn ma­nö­vrier­un­fä­hig, Wel­len schlu­gen ins Boot, es ver­lor im­mer mehr Luft, Pa­nik brach aus. Als ein Flücht­ling die Küs­ten­wa­che ru­fen woll­te, schlug der Schleu­ser ihm das Han­dy aus der Hand. Das Was­ser im Boot stieg hö­her und hö­her. Ha­wra und Has­san klam­mer­ten sich am un­ter­ge­hen­den Boot fest. Ali, der selbst nicht schwim­men kann, ver­such­te, sei­ne bei­den jüngs­ten Kin­der ir­gend­wie über Was­ser zu hal­ten. Doch Zain­ab und Hus­sain schluck­ten im­mer wie­der Was­ser, ver­lo­ren im Arm ih­res Va­ters mehr­fach das Be­wusst­sein. „Schlaf nicht ein“, brüll­te Ali sei­nen Sohn an. Hus­sain ant­wor­te­te: „Pa­pa, ich will schla­fen.“

Als nach St­un­den end­lich ein Boot der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che auf­tauch­te, klet­ter­ten Ha­wra und Has­san ent­kräf­tet an Bord, Ali reich­te den Rettern zu­nächst sei­ne Toch­ter Zain­ab. Als er selbst an Bord ge­zo­gen wur­de, ent­glitt ihm Hus­sain. „Mein Sohn, mein Sohn, mein Sohn! Er ist da im Was­ser“, schrie der Va­ter. Doch in der Nacht konn­te nie­mand ei­nen Sechs­jäh­ri­gen ent­de­cken.

Als Ali sei­nen Blick vom un­ter­ge­hen­den Boot ab­wand­te, sah er an Deck des Ret­tungs­boo­tes Zain­ab. Die Vier­jäh­ri­ge at­me­te nicht mehr. „Sie sag­ten mir, dass sie in mei­nem Arm er­trun­ken war, aber sie ha­ben nicht mal ver­sucht, sie wie­der­zu­be­le­ben“, er­zählt der Va­ter drei Ta­ge nach­dem er zwei sei­ner Kin­der ver­lor un­ter Trä­nen. Für Ha­wra und Has­san ver­sucht er, ir­gend­wie zu funk­tio­nie­ren. Es ge­lingt ihm kaum.

Nachts lie­gen die bei­den Kin­der in sei­nen Ar­men. Schlaf fin­den sie nur sel­ten. Denn zur Trau­er kommt die Angst. „Der Schleu­ser, der mit uns im Boot saß, wur­de fest­ge­nom­men. Ich ha­be ge­gen ihn aus­ge­sagt. Da­nach er­hielt ich ei­nen An­ruf der Men­schen­schmugg­ler aus der Tür­kei. Sie wol­len mich und mei­ne Kin­der um­brin­gen. Wir müs­sen hier weg. Au­ßer­dem kann ich den An­blick die­ses Mee­res nicht mehr er­tra­gen“, sagt der Va­ter.

Zu Zain­abs Be­er­di­gung ka­men sechs Män­ner und ei­ne Frau. Sie sind sel­ber Flücht­lin­ge oder eh­ren­amt­li­che Hel­fer. In der Mo­schee be­te­ten sie mit dem Imam für Zain­ab und ih­ren ver­miss­ten Bru­der. Un­ter­des­sen brach­te ein Lie­fer­wa­gen den ein­bal­sa­mier­ten und in Tü­cher ge­wi­ckel­ten Leich­nam in ei­nem wei­ßen Kin­ders­arg zum mus­li­mi­schen Fried­hof. Als der To­ten­grä­ber das Kind aus dem Sarg hob, zeich­ne­te sich der Kör­per der Vier­jäh­ri­gen un­ter dem wei­ßen Lei­nen ab. Zain­abs Va­ter fiel schluch­zend auf die Knie, küss­te durch das Tuch ein letz­tes Mal sei­ne Toch­ter. Nach­dem die Trau­er­gäs­te das Gr­ab mit Er­de ge­füllt hat­ten, brach ei­ner von ih­nen ei­nen Zweig von ei­nem Oli­ven­baum, steck­te ihn ne­ben den St­ein, der Zain­abs Gr­ab mar­kiert. Ali wird von Omar Man­sour, ei­nem grie­chi­schen Ge­schäfts­mann mit ägyp­ti­schen Wur­zeln, ge­stützt. Zain­bas Tod macht ihn trau­rig und wü­tend zu­gleich. „Das Schleu­ser­ge­schäft ist nichts an­de­res als or­ga­ni­sier­ter Mord. Der Tod die­ser Kin­der ist ei­ne Schan­de für die gan­ze Welt“, sagt Man­sour.

Ha­wra und Has­san wa­ren nicht bei der Be­er­di­gung ih­rer klei­nen Schwes­ter. „Das woll­te ich ih­nen er­spa­ren“, sagt Ali. Er hat­te Angst, dass sei­ne Kin­der am An­blick ih­rer to­ten Schwes­ter zer­bre­chen könn­ten. Ali: „Ich möch­te nicht noch ein Kind ver­lie­ren.“

Nach­dem ih­re klei­ne Schwes­ter vor ih­ren Au­gen er­trank und sie ih­ren jün­ge­ren Bru­der in den Flu­ten un­ter­ge­hen sa­hen, ha­ben Ha­wra und Has­san zu­nächst kaum ge­spro­chen. „Am An­fang konn­ten sie nicht wei­nen. Sie wa­ren leer, ein­fach leer“, sagt ihr Va­ter. Statt mit Wor­ten ver­such­te der zehn­jäh­ri­ge Has­san sich über Bil­der mit­zu­tei­len. Im­mer und im­mer wie­der mal­te der Zehn­jäh­ri­ge das­sel­be Mo­tiv: Meh­re­re Men­schen Ali, des­sen vier­jäh­ri­ge Toch­ter und der sechs­jäh­ri­ge Sohn bei der Flucht

er­tran­ken. Auch Hass­ans Schwes­ter malt. Doch auf ih­ren Bil­dern sieht man kei­ne er­trin­ken­den Men­schen, son­dern ei­ne war­me Son­ne, grüne Bäu­me und bun­te Blu­men. Da­zwi­schen hat sie glit­zern­de Prin­zes­sin­nen-Sti­cker ge­klebt.

Ma­ri­na Spy­ri­da­ki, Psy­cho­lo­gin der Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on „Ärz­te oh­ne Gren­zen“, be­treu­te Has­san, Ha­wra und ih­ren Va­ter un­mit­tel­bar nach dem Schiffs­un­glück. Die The­ra­peu­tin: „Die bei­den Kin­der ver­su­chen, das Er­leb­te auf ganz un­ter­schied­li­che Wei­se zu ver­ar­bei­ten. Wäh­rend Has­san malt, was ge­schah, flüch­tet Ha­wra sich in ei­ne hei­le Traum­welt.“

Mitt­ler­wei­le ist Ali mit sei­nen bei­den Kin­dern in At­hen. Dort küm­mert sich die grie­chi­sche Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on Prak­sis um die trau­ma­ti­sier­te Fa­mi­lie. Rechts­an­wäl­tin An­to­nia Moust­a­ka hat in der grie­chi­schen Haupt­stadt mit Ali und sei­nen bei­den Kin­dern für die Fa­mi­lie ei­nen An­trag auf die von EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Juncker vor­ge­schla­ge­ne Um­ver­tei­lung von Flücht­lin­gen ge­stellt. „Ei­gent­lich woll­ten Ali und sei­ne Kin­der in die Schweiz, weil dort be­reits sei­ne Mut­ter, sei­ne Schwes­ter, sein Bru­der und sein Nef­fe woh­nen. Aber da die Schweiz kein EU-Mit­glied ist, steht Deutsch­land jetzt ganz oben auf der Lis­te“, sagt An­wäl­tin Moust­a­ka.

Auf die Zu­kunft kon­zen­trie­ren

Weil Ali und sei­ne Kin­der auf­grund der trau­ma­ti­schen Er­leb­nis­se auf der Flucht als be­son­de­rer Här­te­fall gel­ten, soll ihr An­lie­gen be­vor­zugt be­han­delt wer­den. Viel­leicht kön­nen Va­ter, Toch­ter und Sohn schon in ein paar Wo­chen in At­hen ein Flug­zeug in ih­re neue Hei­mat be­stei­gen. Die Kos­ten für den Flug wird die In­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­ti­on für Mi­gra­ti­on über­neh­men, Ali und sei­nen Kin­dern wird so zu­min­dest die lan­ge und an­stren­gen­de Flucht über die West­bal­kan-Rou­te er­spart blei­ben. „Sie rea­li­sie­ren all­mäh­lich, was pas­siert ist. Zu­gleich ver­su­chen sie, sich auf ih­re Zu­kunft zu kon­zen­trie­ren“, sagt An­to­nia Moust­a­ka.

Das Schick­sal der Fa­mi­lie nimmt die er­fah­re­ne An­wäl­tin mit – auch wenn sie im­mer wie­der mit El­tern zu tun hat, die auf der Flucht ein oder meh­re­re Kin­der ver­lo­ren ha­ben. Ein­mal be­riet sie ei­ne Frau, bei der mit­ten auf dem Meer die We­hen ein­setz­ten. Weil das Kind im Ge­burts­ka­nal ste­cken blieb, nah­men an­de­re Flücht­lin­ge ein Mes­ser zur Hand. Die Frau über­leb­te den Kai­ser­schnitt im Schlauch­boot. Das Ba­by nicht.

„Wä­ren wir im Irak ge­blie­ben, wä­ren mei­ne Kin­der jetzt

auch tot.“

FOTOS: EVA FISCHL

Ver­zweif­lung: Va­ter Ali (33, im blau ge­streif­ten Pull­over) beim Be­gräb­nis sei­ner To­cher Zain­ab (4) auf der grie­chi­schen In­sel Kos.

Der Ira­ker Ali Joa­i­dan (33) zeigt in ei­nem Ho­tel auf Kos ein Foto sei­nes ver­stor­be­nen Soh­nes.

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