Kein Glas un­ter Freun­den

Ein voll­trun­ke­ner Ge­burts­tags­gast steigt oh­ne Füh­rer­schein auf ei­nen Rol­ler und fährt heim­wärts – Die Fei­er­ge­sell­schaft pros­tet ihm bei der Ab­fahrt zu

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Seite Drei - Von Erich Nyffe­negger

die Po­li­zis­ten zu­erst gar nicht glau­ben. Als ei­ne St­un­de spä­ter die Blut­ent­nah­me 2,62 Pro­mil­le at­tes­tiert, wird klar, dass die al­ko­hol­schwan­ge­re Him­mel­fahrt tat­säch­lich im Be­reich von 3 Pro­mil­le statt­ge­fun­den hat.

Jetzt, ein hal­bes Jahr spä­ter, ist aus dem trink­freu­di­gen Par­ty­gast ein maul­fau­ler An­ge­klag­ter ge­wor­den. Ganz al­lein sitzt er vor dem Rich­ter am Wan­ge­ner Amts­ge­richt. Nicht mal ei­nen Straf­ver­tei­di­ger hat er. Auch kei­ner der an­geb­li­chen Freun­de be­glei­tet ihn bei sei­nem schwe­ren Gang. Und er sieht ein biss­chen so aus, als ha­be sich der Vor­fall erst am Vor­tag er­eig­net: Ab­we­sen­der Blick, im Zen­trum des ma­ge­ren Ge­sichts ei­ne mäch­ti­ge Na­se, leicht ge­rö­tet. Vio­let­te Äder­chen durch­zie­hen die Haut. Der Drei­ta­ge­bart ist we­nigs­tens ei­ne Wo­che alt. Ein biss­chen er­in­nert die Gestalt an Karl Va­len­tin. Der Rich­ter mus­tert den Mon­teur lan­ge, und nach­dem der Staats­an­walt in dür­ren Wor­ten sei­ne An­kla­ge ver­le­sen hat, stellt das Ge­richt die Fra­ge: „Sie räu­men die Vor­wür­fe ein?“Der Mann auf der An­kla­ge­bank streicht sich mit der fla­chen Hand übers Ge­sicht und sagt zö­ger­lich: „Ich weiß nur noch lü­cken­haft, was war.“Mit dem Rol­ler sei das aber grund­sätz­lich so ge­we­sen: Der stand ge­ra­de bei be­sag­tem Freund, der die Ge­burts­tags­fei­er ge­schmis­sen hat. „Weil der hät­te den dros­seln sol­len.“Spä­ter – wenn er wie­der mal ei­nen Füh­rer­schein zu­rück­be­kom­men soll­te – hät­te der Mon­teur das Fahr­zeug für sei­ne Ar­beits­we­ge nut­zen wol­len. „Weil die zehn Ki­lo­me­ter mit dem Ra­del sind halt schon weit.“Zur Par­ty hin­ge­fah­ren sei er aber noch mit dem Fahr­rad. „Al­so 2,62 Pro­mil­le, auf die­sen Wert muss man sich erst­mal hocht­rin­ken“, kon­sta­tiert der Rich­ter. „War­um sind Sie dann nicht mit dem Fahr­rad heim­ge­fah­ren? Was ha­ben Sie sich ge­dacht?“Schul­ter­zu­cken.

Mit­füh­len­der Mah­ner

Als der Rich­ter dann die Li­ta­nei an frü­he­ren Stra­fen vor­liest, die im­mer wie­der mit Al­ko­hol zu tun ha­ben und mit dem Fah­ren oh­ne Fahr­er­laub­nis, kommt ein Stöh­nen von der An­kla­ge­bank und schließ­lich der fa­ta­lis­ti­sche Satz: „Ist halt so, was soll ich sa­gen.“Und in die­sem Mo­ment ver­wan­delt sich der Rich­ter in ei­nen mit­füh­len­den Mah­ner. „Ha­ben Sie schon ein­mal dar­über nach­ge­dacht, dass Sie Al­ko­ho­li­ker sind?“, sagt er übers Pult ge­beugt. Schul­ter­zu­cken. Die Un­ord­nung im Le­ben des Mon­teurs, die Last für die Ehe­frau, die seit 20 Jah­ren mit den Es­ka­pa­den le­ben muss, eben­so die Kin­der­schar, das al­les streift der Rich­ter in sei­ner Re­de. Warnt vor Schlag­an­fall, Herz­in­farkt und schwe­rem Le­ber­scha­den. Je­den ein­dring­li­chen Ap­pell be­stä­tigt der An­ge­klag­te mit ei­nem Ni­cken, me­cha­nisch, wie ein Wa­ckel­d­ackel. „Es ist nun mal so, das möch­te ich jetzt zum Ab­schluss brin­gen“, sagt er mit wach­sen­der Un­ge­duld. Ihm scheint all das be­wusst zu sein, aber hö­ren will er es nicht.

Viel­leicht ist das der Grund, war­um das Ge­richt schließ­lich zu ei­nem un­ge­wöhn­li­chen Ur­teil kommt: Ei­ne Frei­heits­stra­fe von zwei Mo­na­ten zur Be­wäh­rung, al­ler­dings mit ei­ner Be­wäh­rungs­frist von lan­gen drei Jah­ren. Da­zu kommt die Auf­la­ge, zwei Ge­sprä­che in ei­ner Sucht­be­ra­tung zu füh­ren. Und der Rich­ter be­stimmt, dass dem Mon­teur ein Be­wäh­rungs­hel­fer an die Sei­te ge­stellt wird, zu dem er Kon­takt hal­ten muss, sonst kippt die Be­wäh­rung.

Was jetzt aus dem Rol­ler wird, der bis zum heu­ti­gen Tag im­mer noch beim an­geb­li­chen Freund steht? Klar ist, dass er sich das Dros­seln spa­ren kann. Denn der Rost wird das Fahr­zeug eher zer­fres­sen ha­ben, als dass ei­ne Füh­rer­schein­stel­le dem Mon­teur wie­der ei­ne Fahr­er­laub­nis er­teilt. Nach­denk­lich blei­ben Rich­ter und Staats­an­walt noch ei­nen Mo­ment sit­zen, als der Mon­teur auf­steht.

„Tja“, sagt der Rich­ter schließ­lich und klappt die Ak­te zu. Und der Ver­ur­teil­te ver­lässt den Sit­zungs­saal Num­mer sechs oh­ne zu be­grei­fen, dass aus­ge­rech­net ein Amts­rich­ter ge­ra­de ver­sucht hat, mehr Freund zu sein, als all die Sauf­kum­pa­ne bei der Ge­burts­tags­fei­er es je wa­ren.

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