Igno­ranz der kul­tu­rel­len Viel­falt

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Leserbriefe - Uli Epp­le, Jo­se­phi­ne Ried, Jür­gen Vot­te­ler, Eri­ka Rak, Jo­sef Bopp, Ih­re Re­dak­ti­on

Zum Leit­ar­ti­kel „Nennt das, wie ihr wollt!“(2.5.): Man weiß nicht, ob man la­chen oder wei­nen soll, dass die CDU für den Bun­des­tags­wahl­kampf mal wie­der die Leit­kul­tur aus der Mot­ten­kis­te ge­holt hat. Es ist nicht nur das lo­gi­sche Den­ken, das durch ab­sur­de Pa­ro­len wie „ver­pflich­ten­des Be­kennt­nis zur Mei­nungs­frei­heit“be­lei­digt wird. Tau­bers Leit­kul­tur­vor­stel­lun­gen zei­gen auch ein er­heb­li­ches Maß an Igno­ranz ge­gen­über un­se­rer ei­ge­nen kul­tu­rel­len Viel­falt.

Das wird deut­lich, wenn Sie sich mal kurz die gan­zen Men­schen mit „Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund“weg­den­ken: un­ter uns Ver­blei­ben­den wä­re die CDU-Leit­kul­tur al­les an­de­re als Kon­sens. Mei­ne Haus­ärz­tin be­kä­me wohl ei­ne Ab­mah­nung von Herrn Tau­ber, sie ver­wei­gert mir näm­lich neu­er­dings den Hand­schlag, an­geb­lich aus hy­gie­ni­schen Grün­den. Dann müss­ten wir wohl in Bay­ern auf­räu­men mit den gan­zen Kö­nigs­treu­en, die sich dort in Ver­ei­nen or­ga­ni­sie­ren und da­mit so­gar in der Öf­fent­lich­keit auf­tre­ten, was dem eben­falls von Tau­ber ge­for­der­ten Be­kennt­nis zur De­mo­kra­tie fun­da­men­tal wi­der­spricht. Und die Kirch­tür­me, die Tau­bers Pa­pier ex­pli­zit er­wähnt, sind auch un­ter Deut­schen nur kon­sens­fä­hig, so­lan­ge sie kei­nen Lärm ma­chen. Ich ver­ste­he auch nicht ganz, was Tau­ber da­mit will – geht es ge­gen Mi­na­ret­te, die er nur in Kirch­turm-Op­tik dul­den will, oder sol­len eher gott­lo­se Ge­gen­den in Deutsch­lands Nord­os­ten Kirch­tur­mat­trap­pen er­rich­ten, um in Tau­bers Sinn „deut­scher“aus­zu­se­hen?

Was­ser­burg

Tou­ris­ten wür­den Ne­pal hel­fen

Zum Ar­ti­kel „Schlep­pen­der Wie­der­auf­bau in Ne­pal“(25.4.): Zwei­fel­los ist es die Auf­ga­be ei­ner Zei­tung, ih­re Le­ser über Ent­wick­lun­gen auf der gan­zen Welt zu in­for­mie­ren, auch be­züg­lich des Erd­be­bens in Ne­pal, das in­zwi­schen zwei Jah­re her ist. Im ver­gan­ge­nen Jahr ha­be ich im Zu­ge ei­nes Prak­ti­kums sechs Mo­na­te in Ne­pal ge­lebt und das Land und sei­ne Leu­te sehr gut ken­nen­ge­lernt. Der Ar­ti­kel über die an­geb­lich noch ver­hee­ren­de La­ge dort hat mich nun sehr trau­rig ge­macht, denn den Men­schen vor Ort hilft ei­ne sol­che Be­richt­er­stat­tung kaum.

Dass man in den al­ler­meis­ten Tei­len Ne­pals so gut wie kei­ne Spu­ren des Erd­be­bens mehr fin­det, dass man schon seit an­dert­halb Jah­ren wie­der pro­blem­los trek­ken ge­hen kann, dass die Na­tio­nal­parks im Sü­den des Lan­des nie wirk­lich be­trof­fen wa­ren und je­den für Ele­fan­ten­sa­fa­ris durch die fas­zi­nie­rend un­be­rühr­te Na­tur will­kom­men hei­ßen, da­von ist kein Wort zu le­sen. Was den Ne­pa­le­sen hel­fen wür­de, das wä­ren Tou­ris­ten, schließ­lich ist der Tou­ris­mus ei­ner der größ­ten In­dus­trie­zwei­ge des Lan­des. Doch wenn, wie in die­sem Ar­ti­kel, das Bild von ei­nem Land kom­plett in Schutt und Asche ge­schaf­fen wird, will wohl kei­ner durch das atem­be­rau­ben­de An­na­pur­na Ge­bir­ge wan­dern oder wil­de Pfau­en und Nas­hör­ner be­ob­ach­ten. Scha­de, denn das wä­re das, was Ne­pal jetzt braucht.

Ell­wan­gen

Punk wird zum Pa­trio­ten

Zum In­ter­view „Wir sind nicht die Ge­schmacks­po­li­zei“mit Cam­pi­no (29.4.): Ist der gu­te Cam­pi­no nur al­ters­mil­de ge­wor­den oder fehlt es sei­ner lin­ken Wahr­neh­mung in­zwi­schen an Schär­fe? Der freut sich wie ein Ho­nig­ku­chen­pferd dar­über, dass Deutsch­land dank Mer­kel im Aus­land „in­zwi­schen ei­nen so gu­ten Ruf“ha­be und man ihm dies in Eng­lisch auf die Na­se bin­det. Nur: Wel­ches Aus­land meint der? Und wel­ches Deutsch­land?

Dass die jahr­zehn­te­lan­ge neo­li­be­ra­le Po­li­tik – die Po­li­tik al­ler bun­des­deut­schen Re­gie­run­gen der letz­ten 30 Jah­re – nach den so­zia­len Mecha­nis­men nun auch die de­mo­kra­ti­schen schlei­chend au­ßer Funk­ti­on setzt (Stich­wort „markt­kon­for­me De­mo­kra­tie“), er­schließt sich ihm, dem „Lin­ken“, dem „Punk“, wohl eben­so­we­nig, wie dass die 1989/90 be­fürch­te­te deut­sche Do­mi­nanz in Eu­ro­pa längst via Ex­port­macht Rea­li­tät ge­wor­den ist. Die uni­ver­sell de­mo­kra­tisch-frei­heit­li­chen, aber von ihm „im Ver­gleich zu an­de­ren Län­dern“of­fen­bar als eher deutsch emp­fun­de­nen Wer­te wie Pres­se­frei­heit, Re­de­frei­heit und der­glei­chen: Da beißt sich der Hund dann end­gül­tig in den Schwanz, da wird der Punk zum ver­kapp­ten Pa­trio­ten, der Lin­ke zum klamm­heim­li­chen Na­tio­na­lis­ten. Nein, lie­ber Cam­pi­no, um das Wört­chen „Stolz“hät­test Du Dich nicht so rum­win­den müs­sen – man hat es auch so ge­merkt.

Bad Wald­see

Un­so­zia­le Ver­ein­ba­run­gen

Zum Ar­ti­kel „Schäu­b­le un­ter­stützt Gastro­bran­che“(25.4.): Ich wun­de­re mich sehr, mit wel­chem Ehr­geiz Wolf­gang Schäu­b­le sich da­für ein­setzt, ei­ne Ge­set­zes­än­de­rung im Gas­tro­no­mie­be­reich auf den Weg zu brin­gen. Da­bei kann ich kei­ner­lei Vor­tei­le für die Gast­stät­ten und Ho­tel­be­sit­zer er­ken­nen. Im Ge­gen­teil, seit Jah­ren kla­gen die Gas­tro­no­men dar­über, dass sie Schwie­rig­kei­ten ha­ben Per­so­nal zu be­kom­men. Dass an Wo­che­n­en­den, Sonn­tags und an Fei­er­ta­gen ge­ar­bei­tet wird, ist al­len be­kannt. Aber dass es oft kei­nen Aus­gleich da­für gibt, ist für vie­le Be­schäf­tig­te in die­ser Bran­che ein­fach nur frus­trie­rend. Auch wenn die Wo­che­n­end­und Fei­er­tags­ar­beit ge­setz­lich ge­re­gelt ist, hal­ten sich die we­nigs­ten Ar­beit­ge­ber dar­an. Die Nacht­schicht, Ru­he­zei­ten und Pau­sen wer­den von den Ar­beit­ge­bern eben­falls miss­ach­tet. Von meh­re­ren Be­kann­ten, die in der Gas­tro­no­mie tä­tig sind, ha­be ich er­fah­ren, dass es üb­lich ist, dass Mit­ar­bei­ter in Teil­schich­ten ein­ge­teilt wer­den und meis­tens erst ei­ne Wo­che vor­her er­fah­ren, wann sie ar­bei­ten müs­sen. Soll­te sich noch am Ta­ges­ab­lauf et­was än­dern, wer­den die Mit­ar­bei­ter kurz­fris­tig um­ge­plant.

Sind die­se un­so­zia­len Ver­ein­ba­run­gen von Ho­tel- und Gast­stät­ten­ver­band und der Ge­werk­schaft so aus­ge­han­delt? Soll­te sich die Ge­set­zes­än­de­rung von Herrn Schäu­b­le durch­set­zen, wer­den sich die Ar­beits­be­din­gun­gen noch mehr ver­schlech­tern. Ich glau­be nicht, dass es vie­le Ju­gend­li­che ge­ben wird, die dann noch ei­ne Aus­bil­dung in die­ser Bran­che an­stre­ben wer­den.

Baienfurt

Fran­zö­si­sche Aus­ga­be von Tsi­pras

Zum Ar­ti­kel „Der ers­te Wahl­gang geht an Macron“(24.4.): Was er­war­ten die fran­zö­si­schen Wäh­ler und was er­war­ten wir vom mög­lich neu­en Prä­si­den­ten Frank­reichs? Ei­nem Mann, der sich we­der rechts noch links ein­ord­net und mit neu­en Ge­sich­tern ei­ne Wen­de in der fran­zö­si­schen Po­li­tik er­rei­chen will. Wie aus dem Nichts wur­de Emmanuel Macron zum neu­en Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten in Frank­reich auf­ge­baut. Mas­siv be­tei­ligt dar­an war die ge­sam­te Me­dien­land­schaft Eu­ro­pas.

„Sag mir, wer dich zum Kö­nig ge­macht hat und ich sa­ge dir, was für ein Kö­nig du bist“gilt seit je­her in der Po­li­tik. Im Fal­le Macron ist dies ei­ner der mäch­tigs­ten Fa­mi­li­en­clans der Welt – die Roth­schilds. Macron ar­bei­te­te bei der Pa­ri­ser Roth­schil­dBank, mit 31 Jah­ren er­hielt er ei­ne Po­si­ti­on als In­vest­ment­ban­ker bei Roth­schild & Cie, zwei Jah­re spä­ter war er Part­ner bei Roth­schilds selbst und be­glei­te­te 2012 die Über­nah­me der Säug­lings­nah­rungs­spar­te des US-Kon­zerns Pfi­zer durch den Nah­rungs­mit­tel­kon­zern Nest­le für 11,9 Mil­li­ar­den.

Wie so häu­fig in der Po­li­tik wird es auch un­ter Macron lau­fen. Die Fi­nanz­in­dus­trie braucht Wachs­tum und schickt ih­re bes­ten Män­ner ins Ren­nen, um das Schuld­geld­sys­tem bis zum letz­ten Atem­zug zu er­hal­ten. Macron wird die fran­zö­si­sche Aus­ga­be von Tsi­pras, sei­ne Po­li­tik wird eben­so auf hö­he­re Steu­ern und Ab­ga­ben mit Sup­pen­kü­chen hin­aus­lau­fen. Aber er sieht gut aus, hat Stil und kann sich gut ar­ti­ku­lie­ren.

Och­sen­hau­sen

Lie­be Le­se­rin­nen, lie­be Le­ser,

wir freu­en uns über Ih­re Brie­fe. Bit­te ha­ben Sie aber Ver­ständ­nis da­für, dass wir für die Ver­öf­fent­li­chung ei­ne Aus­wahl tref­fen und uns auch Kür­zun­gen vor­be­hal­ten müs­sen. Le­ser­zu­schrif­ten stel­len kei­ne re­dak­tio­nel­len Bei­trä­ge dar. An­ony­me Zu­schrif­ten kön­nen wir nicht ver­öf­fent­li­chen. Schwä­bi­sche Zei­tung Karl­stra­ße 16 88212 Ravensburg Fax-Nr. 0751 / 295599-1499 Le­ser­brie­fe@schwa­ebi­sche­zei­tung.de

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