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Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Kultur -

lle re­den vom Wet­ter – wir auch. En­de April muss­te man Schnee schip­pen, die ers­ten Mai­ta­ge wa­ren al­les an­de­re als be­rau­schend, und be­hal­ten die Me­teo­ro­lo­gen recht, so bleibt es wei­ter­hin für die Jah­res­zeit zu kalt. Al­te Bau­ern­re­geln ha­ben al­ler­dings Trost pa­rat: „Ein küh­ler Mai / bringt al­ler­lei“, heißt es da. Oder: „Mai kühl und nass / füllt Scheu­er und Fass“. Oder: „Ein küh­ler Mai wird hoch ge­acht / hat stets ein frucht­bar Jahr ge­bracht“. Al­so al­les halb so schlimm? Wet­ter­re­geln sind sprich­wört­lich ge­wor­den, und an ih­rem grund­sätz­li­chen Wahr­heits­ge­halt soll hier auch nicht ge­zwei­felt wer­den. Aber vie­le die­ser Sprü­che stim­men nach­weis­lich nicht mehr, was den Zeit­punkt an­geht – Mai-Re­geln gel­ten für April, April-Re­geln für März etc. Man­che gro­ßen Geis­ter wie et­wa US-Prä­si­dent Do­nald Trump tun zwar den Kli­ma­wan­del als Hirn­ge­spinst ab. Die Wirk­lich­keit sieht je­doch an­ders aus. Der Wan­del ist da, wie uns die­ser Früh­ling lehrt: Zu schnell zu warm, und dann doch noch ein­mal ei­ne eis­kal­te Du­sche, die den Bau­ern rie­si­ge Schä­den ein­brach­te und das froh­ge­mu­te Fül­len von Scheu­er und Fass sehr frag­wür­dig wer­den lässt. Die­se Zeit­ver­schie­bung wird üb­ri­gens von un­se­rem deut­schen Lied­gut be­stä­tigt. Neh­men wir nur zwei be­lieb­te Ti­tel: „Der Mai ist ge­kom­men, / die Bäu­me schla­gen aus“und „Komm, lie­ber Mai, und ma­che / die Bäu­me wie­der grün“. Zu spät, lie­ber Mai, die Bäu­me ha­ben aus­ge­schla­gen. Und wenn Goe­the in sei­nen „Mai­lied“dich­tet „Es drin­gen Blü­ten / aus je­dem Zweig“, so sieht das heute an­ders aus. Die­ses Jahr hat es sich – ab­ge­se­hen vom hö­he­ren Berg­land – längst aus­ge­drun­gen, und was wie­der­um En­de April noch blüh­te, ist vie­ler­orts er­fro­ren. Trotz­dem wur­de am 1. Mai wie­der übe­r­all „Der Mai ist ge­kom­men, die Bäu­me schla­gen aus“ge­schmet­tert. Lie­der oder Ge­dich­te spie­geln eben oft Ver­gan­gen­heit, oh­ne dass wir groß dar­über nach­den­ken. Da­zu kommt aber noch et­was an­de­res: Der Mai ist emo­tio­nal sehr stark be­setzt. Die­se Er­kennt­nis spiel­te zum Bei­spiel ei­ne Rol­le, als in ei­ner Früh­pha­se der Recht­schreib­re­form­de­bat­te das „In­sti­tut für deut­sche Spra­che“und die „Ge­sell­schaft für deut­sche Spra­che“1987 ein neu­es Re­gel­werk skiz­zier­ten. Da­rin soll­te im Sin­ne ei­ner gro­ßen Gleich­schal­tung auch die Un­ter­schei­dung zwi­schen ei und ai ent­fal­len. Man hät­te al­so fort­an Kei­ser ge­schrie­ben und Mei. Der Auf­schrei war ge­wal­tig. Das kön­ne man mit so ge­fühls­be­la­de­nen Wör­tern wie Kai­ser und Mai nicht ma­chen. Der Vor­schlag war so­fort vom Tisch. Letzt­lich ei­ne ab­sur­de Dis­kus­si­on. Aber apro­pos ab­surd: In ei­nem Buch mit Bau­ern­re­geln fin­det sich auch: „Don­nert’s im Mai / ist der April vor­bei“. Das müs­sen wir jetzt vor­ver­le­gen: „Don­nert’s im April, / macht der März, was er will.“

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