Gro­ße Show er­öff­net Bo­den­see­fes­ti­val

Ca­me­ron Car­pen­ter und das Orches­t­re Na­tio­nal de Ly­on er­öff­nen das Bo­den­see­fes­ti­val

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Erste Seite - Von Wer­ner M. Grim­mel

FRIED­RICHS­HA­FEN (sz) - Sei­nen Ruf als Show­star hat der US-Or­ga­nist Ca­me­ron Car­pen­ter beim Er­öff­nungs­kon­zert des Bo­den­see­fes­ti­vals in Fried­richs­ha­fen be­stä­tigt. Mit dem Orches­t­re Na­tio­nal de Ly­on und des­sen Di­ri­gen­ten Leo­nard Slat­kin bot der dies­jäh­ri­ge Ar­tist in Re­si­dence ei­ne fu­rio­se In­ter­pre­ta­ti­on von Rach­ma­ni­nows Rh­ap­so­die über ein The­ma von Pa­ga­ni­ni. Bis zum 5. Ju­ni bie­tet das Bo­den­see­fes­ti­val Ver­an­stal­tun­gen un­ter dem Mot­to „Va­ria­ti­ons on Ame­ri­ca“.

FRIED­RICHS­HA­FEN - „Va­ria­ti­ons on Ame­ri­ca“lau­tet das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Bo­den­see­fes­ti­vals. Beim Er­öff­nungs­kon­zert im Graf-Zep­pe­linHaus in Fried­richs­ha­fen er­gänz­te in­des­sen ei­ne star­ke fran­zö­si­sche Kom­po­nen­te die ame­ri­ka­ni­schen Zu­ta­ten. Das Orches­t­re Na­tio­nal de Ly­on spiel­te un­ter der Lei­tung des ame­ri­ka­ni­schen Di­ri­gen­ten Leo­nard Slat­kin zu Be­ginn und nach der Pau­se Mu­sik fran­zö­si­scher Kom­po­nis­ten. Da­zwi­schen stell­te sich der ame­ri­ka­ni­sche Or­ga­nist Ca­me­ron Car­pen­ter als So­list und Ar­tist in Re­si­dence des Fes­ti­vals mit ei­ge­nen Ar­ran­ge­ments für sei­ne In­ter­na­tio­nal Tou­ring Or­gan vor.

Dass es im Pro­gramm­teil mit Car­pen­ter sehr ame­ri­ka­nisch zur Sa­che ge­hen wer­de, ließ nicht nur ein rie­si­ges Ster­nen­ban­ner auf der lin­ken Büh­nen­sei­te ah­nen. Auch die hin­ter dem Orches­ter auf­ge­stell­te Bat­te­rie far­big leuch­ten­der Laut­spre­cher­bo­xen ver­sprach ein im eu­ro­päi­schen Klas­sik­be­trieb eher als fremd emp­fun­de­nes Show-Ele­ment.

Zu­nächst je­doch er­klang Cé­sar Francks Sin­fo­ni­sche Dich­tung „Le Chas­seur mau­dit“nach Gott­fried Au­gust Bür­gers einst be­lieb­ter Bal­la­de „Der wil­de Jä­ger“. Das Orches­ter folg­te Slat­kins mi­mi­ma­ler, aber stets un­be­stech­lich prä­zi­ser Zei­chen­ge­bung rhyth­misch und dy­na­misch be­din­gungs­los. So ge­lang ei­ne eben­so per­fek­te wie span­nen­de Wie­der­ga­be bis hin zum un­heim­lich nä­seln­den Pia­nis­si­mo der ge­stopf­ten Hör­ner über fah­len Strei­cher­tre­mo­li und zum fi­na­len, von Slat­kin spek­ta­ku­lär in­sze­nier­ten Tut­tisch­lag nach erster­ben­dem Pau­ken­wir­bel.

Ser­gej Rach­ma­ni­nows spä­te „Rh­ap­so­die über ein The­ma von Pa­ga­ni­ni“op. 43 ist ein Werk für Kla­vier und Orches­ter. Car­pen­ter hat es sehr frei für Or­gel und Orches­ter be­ar­bei­tet, um da­mit sei­ne Fä­hig­kei­ten und die sei­ner trans­por­ta­blen, von der ame­ri­ka­ni­schen Fir­ma Mar­shall & Ogle­tree ge­bau­ten Di­gi­tal­or­gel um­fas­send und wir­kungs­voll de­mons­trie­ren zu kön­nen. In Fried­richs­ha­fen riss er das be­geis­ter­te Pu­bli­kum mit sei­ner Tran­skrip­ti­on zu Stan­ding Ova­tions hin.

Hol­ly­wood lässt grü­ßen

Im Ge­gen­satz zu an­de­ren so­lis­tisch auf­tre­ten­den Mu­si­kern blei­ben Kon­zer­t­or­ga­nis­ten beim Aus­üben ih­rer Kunst in der Re­gel für Zu­hö­rer un­sicht­bar. Dass ein Künst­ler, der le­bens­lang an der Per­fek­ti­on sei­nes Spiels ar­bei­tet, mit die­ser Si­tua­ti­on ha­dert, kann man ver­ste­hen. Car­pen­ter lässt den Spiel­tisch sei­ner Or­gel vor dem Orches­ter auf­stel­len und sitzt mit Rü­cken zum Pu­bli­kum qua­si auf dem Prä­sen­tier­tel­ler. Auf die­se Wei­se ist sei­ne virtuose, durch strass­be­setz­te Schu­he zu­sätz­lich her­vor­ge­ho­be­ne Pe­dalar­beit auch op­tisch zu ver­fol­gen.

Wie Pop- und Rock­mu­si­ker setzt Car­pen­ter Show-Ef­fek­te be­wusst ein. Er be­ruft sich da­bei auch auf Stars klas­si­scher Kunst­mu­sik wie Pa­ga­ni­ni und Liszt, de­ren Bei­spie­le zei­gen, dass Ele­men­te von Selbst­dar­stel­lung im­mer schon ih­ren Platz in die­ser Tra­di­ti­on ge­habt ha­ben. Sei­ne Rach­ma­ni­now-Tran­skrip­ti­on ist maß­ge­schnei­dert auf die Zur­schau­stel­lung sei­nes Kön­nens. In Fried­richs­ha­fen ge­hör­te da­zu auch in­fla­tio­nä­res Um­re­gis­trie­ren als zu­sätz­li­ches Spek­ta­kel. Mu­si­ka­lisch frei­lich stör­ten sol­che Ma­nie­ris­men, weil das Klang­bild wie ein Cha­mä­le­on stän­dig sei­ne Far­be wech­sel­te und die Mu­sik wie ein tö­nen­des Kalei­do­skop in Ein­zel­tei­le zer­fiel. Zu­sam­men­hän­ge der Par­ti­tur gin­gen da­bei ver­lo­ren.

Car­pen­ters groß­ar­tig auf­rau­schen­de „Über­ma­lun­gen“er­in­ner­ten pha­sen­wei­se an Hol­ly­woods Film­mu­sik und nä­her­ten sich da­bei auch den Gren­zen des Kitschs. Trotz ge­le­gent­lich in­sta­bi­ler Tem­pi in Car­pen­ters Spiel hielt Slat­kin das Orches­ter prä­zis bei der Stan­ge. Als Zu­ga­be folg­te ei­ne zir­kus­ar­tis­tisch ze­le­brier­te Gi­gue aus Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs Fran­zö­si­scher Sui­te Nr. 5 und ein volks­tüm­li­ches, tech­nisch bril­lant auf­ge­don­ner­tes Show-Stück, in­klu­si­ve Dop­pel­pe­dal. Es er­in­ner­te an die Jahr­markt­smu­sik für Ki­no­or­gel in der Tra­di­ti­on des le­gen­dä­ren ame­ri­ka­ni­schen Vir­tuo­sen Vir­gil Fox, der als Vor­läu­fer Car­pen­ters gel­ten kann.

Über­ra­gen­des Orches­ter

Nach der Pau­se de­mons­trier­te das Orches­t­re Na­tio­nal de Ly­on sei­ne über­ra­gen­de Klas­se bei den fünf Sät­zen von Ber­li­oz’ ge­nia­ler „Sym­pho­nie phan­tas­tique“. Den An­fang nahm Slat­kin rhap­so­disch frei, den zwei­ten Satz sehr be­schwingt, den vier­ten Satz („Mar­che au Supp­li­ce“) ge­mes­sen und kon­trol­liert als un­auf­halt­sam der Ka­ta­stro­phe zu­stre­ben­den Alp­traum. Im gran­di­os mu­si­zier­ten Fi­nal­satz lug­ten die ver­zerr­ten Frat­zen ei­nes Hier­ony­mus Bosch um die Ecke. Nach die­ser über­wäl­ti­gen­den In­ter­pre­ta­ti­on führ­ten zwei au­gen­zwin­kernd dar­ge­bo­te­ne Zu­ga­ben aus Bi­zets „Car­men“in den Be­reich der lo­cke­ren Un­ter­hal­tung zu­rück.

FO­TO: RO­LAND RASEMANN

Ca­me­ron Car­pen­ter, der ame­ri­ka­ni­sche Or­ga­nist, schert sich an den Ma­nua­len sei­ner Di­gi­tal­or­gel nicht um Zu­rück­hal­tung. Leo­nard Slat­kin di­ri­giert das Orches­t­re Na­tio­nal de Ly­on hin­ge­gen mit mi­ni­ma­ler Zei­chen­ge­bung, aber nicht we­ni­ger per­fekt und prä­zi­se.

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