Kei­ner hat den Blues wie er

Joe Bo­na­mas­sa zeigt in Stutt­gart, war­um er als ei­ner der welt­weit bes­ten Gi­tar­ris­ten gilt

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Kultur - Von Da­ni­el Dre­scher

STUTT­GART - Er gilt der­zeit als un­an­ge­foch­te­ner Blues­rock-Su­per­star: Joe Bo­na­mas­sa hat am Frei­tag­abend rund 4000 Kon­zert­gän­ger in der Stutt­gar­ter Por­sche-Are­na mit sei­nem Gi­tar­ren­spiel be­ein­druckt.

Das ed­le Sak­ko ist dun­kel ver­färbt, als Joe Bo­na­mas­sa die Gi­tar­re tri­um­phie­rend in die Hö­he reckt und von der Büh­ne geht. Durch­ge­schwitzt. Bis da­hin wirk­te er durch sei­nen ty­pi­schen Look mit Son­nen­bril­le und An­zug die meis­te Zeit eher wie Agent Smith aus den „Ma­trix“-Fil­men. Und es gibt durch­aus Stim­men, die ihm at­tes­tie­ren, ähn­lich ma­schi­nell zu wir­ken wie das schick ge­klei­de­te Com­pu­ter­pro­gramm aus den phi­lo­so­phisch an­ge­hauch­ten Sci­ence-Fic­tion-Fil­men.

Auch an die­sem Abend in der Lan­des­haupt­stadt muss man sich manch­mal fra­gen, ob da ein Mensch auf der Büh­ne steht. Ein­fach, weil es fast schon zu ma­kel­los ist, was Bo­na­mas­sa aus den Gi­tar­ren, die er mehr­fach wech­selt, raus­holt. Blue­si­ge Ton­fol­gen, har­te Rock­riffs, un­ver­schäm­te Groo­ves, hals­bre­che­ri­sche So­li – der Mann ist das, was man ge­mein­hin ei­nen Sai­ten­he­xer nennt. Seit dem Er­schei­nen sei­nes De­büt­al­bums „A New Day Yes­ter­day“vor 17 Jah­ren hat sich Bo­na­mas­sa zu ei­nem der bes­ten Blues­mu­si­ker des Pla­ne­ten ent­wi­ckelt, Gram­myno­mi­nie­rung und (un­ter an­de­rem) ei­ne Gol­de­ne Schall­plat­te für 100 000 ver­kauf­te DVDs ei­nes Kon­zert­mit­schnitts in der Roy­al Al­bert Hall in Lon­don in­klu­si­ve.

Den An­fang an die­sem Abend ma­chen fünf Songs sei­nes ak­tu­el­len Al­bums „Blues of De­spe­ra­ti­on“, un­ter an­de­rem der Ti­tel­track. Mit dem 2016er-Werk er­reich­te er zum 16. Mal Platz eins der Bill­board Charts, öf­ter als je­der an­de­re Künst­ler vor ihm, wie sei­ne Agen­tur stolz ver­mel­det. Der Ti­tel des Al­bums führt da­bei al­ler­dings et­was auf die fal­sche Fähr­te, denn Joe Bo­na­mas­sa spielt nicht nur Blues und ist genau des­halb je­mand, auf den sich Mu­sik­fans un­ter­schied­lichs­ter Co­leur ei­ni­gen kön­nen. Das sieht man auch in Stutt­gart. Da spielt der tä­to­wier­te bär­ti­ge Me­tal­ler Luft­gi­tar­re, da­ne­ben wippt der er­grau­te Funk­ti­ons­ja­cken­trä­ger mit dem Fuß und noch ei­ne Rei­he wei­ter staunt ein Kind mit gro­ßen Au­gen über die Büh­nen­show des Ame­ri­ka­ners.

Auch an der um zwei Sän­ge­rin­nen und zwei Blech­blä­ser ver­stärk­ten Be­gleit­band lässt sich die mu­si­ka­li­sche Viel­falt, die von Big-Band-Sound über Jazz und Gos­pel bis hin zu har­tem Rock reicht, ab­le­sen – und die mu­si­ka­li­sche Klas­se. Bo­na­mas­sa stellt je­des Mit­glied vor und nennt Künst­ler, mit de­nen sei­ne mu­si­ka­li­schen Mit­strei­ter eben­falls schon ge­spielt ha­ben. Key­boar­der Ree­se Wyn­ans et­wa stand be­reits mit dem 1990 töd­lich ver­un­glück­ten Blues-Gi­gan­ten Stevie Ray Vaughn auf der Büh­ne.

Wer braucht schon Haa­re?

Und dann spielt Bo­na­mas­sa mit der größ­ten Selbst­ver­ständ­lich­keit in „Lo­ve Ain’t a Lo­ve Song“ein Wahn­sinns­so­lo. Da stört nicht wei­ter, dass sich die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Pu­bli­kum auf ein paar An­ek­do­ten be­schränkt: Über sei­ne Deutsch­kennt­nis­se („Dan­ke“und „Bier“) so­wie den 40. Ge­burts­tag, den er heu­te fei­ert. Er ha­be sich mit vier nie träu­men las­sen, dass er Jahr­zehn­te spä­ter ein­mal so gro­ße Shows spie­len wer­de. Al­ler­dings hät­te er auch nicht ge­dacht, dass sein Haupt­haar da schon so schüt­ter sei. Dann zieht er wie­der so ra­sant vom Leder, dass sich die Fra­ge stellt: Wer braucht schon Haa­re, wenn er so be­gna­det spie­len kann? Im Lauf des Abends spielt sich Bo­na­mas­sa in ei­nen wah­ren Rausch, und im­mer dür­fen Songs wie „Pre­ten­ding“auch aus­ufern, es wird so­liert und im­pro­vi­siert. Es macht Spaß, sich mit­rei­ßen zu las­sen von die­sem Rausch.

Ei­nen scha­len Nach­ge­schmack hin­ter­las­sen in­des die Kar­ten­prei­se. In der teu­ers­ten Ka­te­go­rie zahlt der ge­neig­te Kon­zert­gän­ger 150 Eu­ro. Roy­al Al­bert Hall hin oder her, Blues war mal die Mu­sik der ein­fa­chen Arbeiter. Doch sol­che Prei­se ma­chen Kon­zer­te zu et­was, das sich eher das mitt­le­re Ma­nage­ment leis­ten kann. Blues­rock als Fall für die gut be­tuch­te Kli­en­tel – so hat­te sich das Blues-Ur­va­ter Ro­bert John­son da­mals wohl nicht vor­ge­stellt.

FO­TO: DA­NI­EL DRE­SCHER

Spielt sich und das Pu­bli­kum in ei­nen Rausch­zu­stand: Joe Bo­na­mas­sa in Stutt­gart.

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