Als Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Mark­dor­fer Glo­cken stah­len

Se­nio­ren er­in­nern sich an Ge­schich­te der Kir­chen­ge­bäu­de in der Stadt

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Service/markdorf - Von Sa­rah Scha­ba­ber­le

- Wie viel Ge­schich­te in kirch­li­chen Ge­bäu­den steckt, ist für Lai­en oft nicht zu er­ken­nen. Das christ­li­che Bil­dungs­werk Markdorf und das Team des Se­nio­ren­nach­mit­tags ha­ben des­halb Zeit­zeu­gen ge­be­ten, über ih­re Er­in­ne­run­gen an die Kir­che St. Ni­ko­laus und das evan­ge­li­sche Ge­mein­de­haus zu re­den.

Ruth Hütz, die lan­ge im evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de­rat ak­tiv war, hat­te den Neu­bau des Hau­ses im Wein­berg seit den ers­ten Plä­nen be­glei­tet. Durch die Fir­ma Dor­nier und den Zu­zug vie­ler In­ge­nieu­re auch aus Nord­deutsch­land war die evan­ge­li­sche Kir­che in den 1970er-Jah­ren stark ge­wach­sen. Das Ge­mein­de­haus platz­te aus al­len Näh­ten, wes­halb be­schlos­sen wur­de, ein neu­es Ge­mein­de­haus zu bau­en. In di­rek­ter Nach­bar­schaft zum al­ten Ge­mein­de­haus fand sich schließ­lich ein ge­eig­ne­tes Grund­stück und Ar­chi­tekt Man­fred Fet­scher aus Ill­men­see wur­de 1989 mit dem Bau be­auf­tragt. Her­aus­for­de­run­gen, wie das star­ke Ge­fäl­le und Ein­wän­de des Ober­kir­chen­rats wur­den ge­meis­tert, er­in­nert sich Hütz. Von die­ser Zeit an sei die Öku­me­ne in Markdorf groß ge­schrie­ben wor­den.

Auch Zim­mer­mann Fritz Beck, der lan­ge als Stadt­rat ak­tiv war, kann sich noch an den Neu­bau er­in­nern. Der 92-Jäh­ri­ge blick­te an dem Se­nio­ren­nach­mit­tag auf die Um­bau­ten in St. Ni­ko­laus zu­rück. Ein­prä­gend wa­ren für ihn und vie­le an­de­re Se­nio­ren die Ve­rän­de­run­gen im Zu­ge der neu­en Li­t­ur­gie ab 1965. Nicht nur, dass der Pfar­rer nun in deut­scher statt la­tei­ni­scher Spra­che pre­dig­te, der Al­tar wur­de nach vor­ne ge­rückt und die Kan­zel ab­ge­baut. „Man­che ha­ben ge­sagt, das gibt’s doch nicht, dass der Pfar­rer dem Herr­gott den Hin­tern hin­streckt“, sagt Beck. „Aber man hat sich dar­an ge­wöhnt.“Sicht­lich be­wegt er­zähl­te Beck, wie 1942 die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Glo­cken des Kirch­tur­mes zer­schlu­gen, um sie ein­zu­schmel­zen. 1966 wur­den neue Glo­cken er­neut um­ge­gos­sen, um von da an har­mo­nisch mit den Glo­cken der evan­ge­li­schen Kir­che zu klin­gen.

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