„Ich ha­be mei­nen in­ne­ren Frie­den ge­fun­den“

Hel­mut Lot­ti ist auf Come­back-Tour – Aus­ge­ruht, oh­ne Tou­pet und mit neu­em Al­bum

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Menschen -

Und plötz­lich war er weg. Ab­gang von der Büh­ne, Schein­wer­fer aus, kei­ne Schlag­zei­len mehr: Hel­mut Lot­ti hat­te ge­nug von Stress und Druck des Mu­sik­ge­schäfts, woll­te ein­fach Ru­he und Zeit für sich ha­ben. Fast sechs Jah­re lang hat sich die­se Schaf­fens­pau­se hin­ge­zo­gen – nun ist der al­te Char­meur wie­der da, nach dem Come­back-Al­bum folgt die Come­back-Tour. Und doch ist der 47jäh­ri­ge Bel­gi­er nicht mehr (al­lein) je­ner Schwie­ger­mut­ter-Traum wie vor sei­ner Aus­zeit – und das nicht nur ob sei­nes Ver­zichts auf sein Tou­pet. Ge­blie­ben ist hin­ge­gen das Lam­pen­fie­ber, denn: „Die­ses Ad­re­na­lin brau­che ich, das gibt mir Ener­gie“, wie Hel­mut Lot­ti vor sei­nem Auf­tritt in Berlin Chris­toph Forst­hoff er­zählt hat.

„Un­ge­dul­dig, leicht ge­reizt, ego­zen­trisch, ziem­lich faul“: So ha­ben Sie mir vor zehn Jah­ren auf die Fra­ge nach Ih­ren Schwä­chen ge­ant­wor­tet – wie hat sich der Mensch Hel­mut Lot­ti seit­her ver­än­dert?

Ich bin nicht mehr so ego­zen­trisch (lacht). Die drei an­de­ren Ei­gen­schaf­ten hin­ge­gen tref­fen durch­aus noch zu…

Wer Ih­ren ak­tu­el­len Tour­plan sieht, kann sich Faul­heit bei Ih­nen kaum vor­stel­len …

Ich brau­che die­se Faul­heit, um dann plötz­lich die Din­ge sehr in­ten­siv zu ma­chen. Hät­te ich die­se Faul­heit nicht und könn­te nicht Nein sa­gen zu man­chen Sa­chen, dann wä­re ich nicht in der La­ge, an­de­res so kon­zen­triert und fo­kus­siert an­zu­ge­hen.

War dies auch ein Grund für Ih­re mehr­jäh­ri­ge Aus­zeit?

Nein, der Grund war, dass der Ver­trag mit mei­ner Plat­ten­fir­ma da­mals aus­lief und es für mich in dem Mo­ment ein­fach mal reich­te. Ich woll­te wis­sen und ent­de­cken, was es sonst noch gab in mei­nem Le­ben und auch dar­über nach­den­ken, wie es kam, dass es bei mir privat im­mer schief ge­lau­fen ist und ob das et­was mit mei­ner Kar­rie­re zu tun hat­te – heu­te weiß ich, dass das nicht der Fall ist.

Ist es für Künst­ler schwie­ri­ger, dau­er­haft in ei­ner glück­li­chen Be­zie­hung zu le­ben?

Das hat nichts da­mit zu tun – auch wenn ich Müll­mann ge­we­sen wä­re, wä­ren mei­ne drei Ehen ge­schei­tert. Ich ha­be ganz ein­fach im­mer nur die fal­schen Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen.

In­wie­fern fal­sche Ent­schei­dun­gen?

Falsch in­so­fern, dass ich ei­gent­lich drei­mal von An­fang an wuss­te, was schief läuft. Doch ich dach­te: Ich ma­che wei­ter und lö­se das. Aber wenn es schon an der Ba­sis Sa­chen gibt, die nicht okay sind – und da­mit mei­ne ich nicht, dass mei­ne Part­ne­rin­nen nicht okay ge­we­sen wä­ren: Es fehl­te ein­fach die Grund­la­ge für ei­ne dau­er­haf­te Be­zie­hung. Und da hät­te ich ei­gent­lich gleich sa­gen sol­len: Schluss da­mit – und das ha­be ich drei­mal nicht ge­macht.

Wenn Sie viel über sich und Ihr Le­ben nach­ge­dacht ha­ben – müs­sen wir uns dann ei­nen vor sich hin sin­nie­ren­den Hel­mut Lot­ti vor­stel­len?

Oh nein, ich ha­be viel Spaß ge­habt! Ich ha­be schö­ne Rei­sen un­ter­nom­men und bin kul­tu­rell in Bel­gi­en sehr ak­tiv ge­we­sen. So war ich Ju­ry-Vor­sit­zen­der un­se­res wich­tigs­ten Thea­ter­fes­ti­vals, saß in der Ju­ry ei­nes Film­fes­ti­vals, ha­be auf der Büh­ne Poe­sie und Mu­sik mit­ein­an­der kom­bi­niert ge­bracht mit Lie­dern da­zwi­schen – und vor al­lem sel­ber auch ganz vie­le Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen be­sucht.

Und wie ha­ben die­se Jah­re den Künst­ler Hel­mut Lot­ti ver­än­dert?

Ich glau­be, ich ha­be mich nicht so sehr ver­än­dert – und das wer­den die Men­schen auf mei­ner Tour auch er­fah­ren. Ich bin im­mer noch der glei­che Hel­mut (lacht).

Das Image des Schmu­se­sän­gers tra­gen Sie al­so nach wie vor mit sich.

Ich weiß nicht, was ge­nau die­ses Image be­deu­ten soll, aber na­tür­lich wer­de ich Lie­der sin­gen, die sich schon frü­her in mei­nen Pro­gram­men ge­fun­den ha­ben, und im ers­ten Teil des Abends gibt es wie im­mer Songs von mei­nem neu­en Al­bum. In­so­fern wird mei­ne Show sein wir frü­her – und ich bin auch wie­der auf Tour mit dem Gol­den Sym­pho­nic Orches­tra.

Sein­er­zeit gal­ten Sie als Traum al­ler Schwie­ger­müt­ter – und heu­te?

Wis­sen Sie, all das ha­be ich nicht er­fun­den und ich be­schäf­ti­ge mich nicht mit sol­chem Blöd­sinn (lacht).

Hof­fen Sie, dass durch Ih­re Aus­zeit viel­leicht auch man­cher Kri­ti­ker Sie aus ei­nem neu­en Blick­win­kel se­hen könn­te? In­wie­fern?

Das Image von Leu­ten wie Ma­don­na ist doch gera­de, dass sie je­de Wo­che et­was an­de­res ma­chen – mach­ten sie das nicht, dann wä­re das auch falsch. Bei mir ist es um­ge­kehrt: Mein Image ist, dass ich nichts än­dern soll.

Nun, zu­min­dest Ihr äu­ße­res Image ha­ben Sie ver­än­dert, in­dem Sie jetzt auf Ihr Tou­pet ver­zich­ten … Ih­re neu­en Lie­der und Co­ver­songs krei­sen um Glau­be, Lie­be, Hoff­nung – schwingt da auch der christ­li­che Glau­be mit?

Es gibt ei­ne gan­ze Men­ge ech­ten Glau­bens auf mei­nem Al­bum. Und ein Ti­tel, den ich sel­ber ge­schrie­ben ha­be, er­zählt die Ge­schich­te ei­nes At­he­is­ten, der sagt, er brau­che kei­nen Gott, um glück­lich und gut zu sein.

Be­keh­ren wol­len Sie al­so dann doch nie­man­den?

Mir ist es egal, an was Men­schen glau­ben oder ob sie über­haupt an ei­nen Gott glau­ben. Zu­mal Glau­be für mich nicht nur ei­ne Sa­che der Re­li­gi­on ist: Ich glau­be an die po­si­ti­ve Ener­gie von Men­schen und dass es wich­tig ist zu ver­su­chen, an­de­ren Men­schen durch die ei­ge­nen po­si­ti­ve Ener­gie ein gu­tes Ge­fühl zu ver­mit­teln. Denn po­si­ti­ve Ener­gie kann von ei­nem Men­schen auf ei­nen an­de­ren über­ge­hen und sich da­bei noch ver­stär­ken – und wir soll­ten im­mer ver­su­chen, po­si­tiv im Le­ben zu ste­hen.

Sie ha­ben mehr als 13 Mil­lio­nen Al­ben ver­kauft – ist Hel­mut Lot­ti ein glück­li­cher Mensch?

Das glau­be ich schon – ich glau­be nicht, dass ich mir noch mehr er­träu­men kann als das, was ich schon er­lebt ha­be. Ich ha­be mei­nen ei­ge­nen in­ne­ren Frie­den ge­fun­den – künf­tig möch­te ich ein­fach Freu­de an mei­ner Ar­beit ha­ben und noch so lan­ge wie mög­lich tol­le Ti­tel sin­gen.

Tour-Ter­mi­ne:

We­gen ei­ner Kehl­kopf­ent­zün­dung wur­de der Auf­tritt am 12.5. in Kempten kurz­fris­tig ab­ge­sagt. Er­satz­ter­min: 2. Ju­ni. Nächs­tes Kon­zert in der Re­gi­on: Stutt­gart, Lie­der­hal­le, 20.5., 20 Uhr, Kar­ten: 0711/2555555

FO­TO: JENS VAN ZOEST

Sän­ger Hel­mut Lot­ti prä­sen­tiert sich nach ei­ni­gen Jah­ren Aus­zeit wie­der sei­nem Pu­bli­kum. Ich hof­fe gar nichts! In Bel­gi­en ha­be ich ja künst­le­risch et­was ganz an­de­res ge­macht, doch so ein­fach geht das als Künst­ler nicht: Wenn du ein Image hast, kannst du nicht ver­su­chen, dies zu än­dern. Und wer Leu­te wie Ma­don­na und Da­vid Bo­wie als Bei­spiel an­führt, um zu be­le­gen, dass man sich sehr wohl künst­le­risch än­dern kön­ne: Das ist Blöd­sinn. Ich bin ganz ein­fach äl­ter ge­wor­den und ich wer­de es auch nicht mehr ver­ste­cken, dass ich äl­ter wer­de. Ich bin nicht mehr der idea­le Schwie­ger­sohn, son­dern ich bin ein Sän­ger. Wenn die Men­schen in mei­ne Kon­zer­te kom­men, dann sol­len sie nicht we­gen mei­nes Images kom­men, son­dern we­gen mei­ner Lie­der.

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