Bier­brau­er mit Sam­mel­lei­den­schaft

Gün­ter Ball­reich schmeckt feins­te Un­ter­schie­de im Gers­ten­saft

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Service/markdorf - Von Sa­rah Scha­ba­ber­le

- Freun­den schenkt Gün­ter Ball­reich ger­ne mal ein Bier ein – je­de Sor­te ins rich­ti­ge Glas, ver­steht sich. Der Mark­dor­fer ist als Brau­meis­ter um die gan­ze Welt ge­reist und hat da­durch ei­ne be­son­de­re Sam­mel­lei­den­schaft ent­deckt: Bier­krü­ge.

„Bier ver­bin­det“, sagt er. Das zeigt sich ganz prak­tisch beim Blick in sei­nen Gar­ten. In der Hain­bu­chen­he­cke zum Nach­bar­grund­stück gibt es ei­ne Lü­cke, wie ein Stück The­ke, et­wa 50 Zen­ti­me­ter breit. Die ha­ben die Nach­barn ex­tra hin­ein­ge­schnit­ten. „Da tref­fen wir uns manch­mal auf ein Bier“, er­klärt er. Da­bei hät­te Ball­reich Renn­fah­rer wer­den kön­nen. Di­rekt an der Renn­stre­cke sei er ge­bo­ren wor­den, er­zählt er, im Kran­ken­haus, das ne­ben dem Ho­cken­heim­ring stand. Doch er ver­schenk­te sein Herz an ein gol­den-pri­ckeln­des Ge­tränk: Es war am En­de sei­ner Schul­zeit in den 1960er-Jah­ren, als der Nef­fe ei­ner Leh­re­rin in sei­ne Klas­se in der Nä­he von Ho­cken­heim kam und von sei­nem Beruf als Brau­er er­zähl­te. Ball­reich, der ei­gent­lich schon ei­nen Lehr­ver­trag als tech­ni­scher Zeich­ner in der Ta­sche hat­te, war so­fort fas­zi­niert. Vor al­lem die Ge­rü­che in der Braue­rei zo­gen den jun­gen Mann in ih­ren Bann. Und so nahm er das Auf­ste­hen um 4 Uhr und die um­ständ­li­che, 25 Ki­lo­me­ter wei­te Zug­fahrt von Ho­cken­heim nach Mann­heim in Kauf und lern­te, wie man aus Was­ser, Malz, He­fe und Hop­fen ein schmack­haf­tes Bier braut.

Über 50 Jah­re spä­ter ist Ball­reichs Ex­per­ti­se im­mer noch sehr ge­fragt. Im­mer wie­der ru­fen ehe­ma­li­ge Kun­den aus Chi­na oder Finn­land in Mark­dorf an und fra­gen den 70-Jäh­ri­gen um Rat. Und Ball­reich hilft ger­ne. Zwar kann er nicht mehr zu den Braue­rei­en fah­ren, aber er gibt Tipps am Te­le­fon oder per E-Mail. Mit sei­ner Frau Brigitte wohnt Ball­reich in ei­ner Neu­bau­woh­nung im Mark­dor­fer Sü­den. Vor mitt­ler­wei­le fünf Jah­ren ka­men sie aus Nür­tin­gen hier her, um nä­her am See zu sein. Die Stadt kann­ten sie vor al­lem über den Markt, bei dem sie in den Jah­ren zu­vor re­gel­mä­ßig von ih­rer Im­men­staa­der Fe­ri­en­woh­nung aus ein­ge­kauft hat­ten.

Be­ruf­lich hat Ball­reich fast die gan­ze Welt be­reist. Nach dem Wehr­dienst ging der jun­ge Brau­er zur Meis­ter­schu­le nach Ulm und ar­bei­te­te an­schlie­ßend ei­ni­ge Jah­re bei ver­schie­de­nen Braue­rei­en. Schließ­lich wech­sel­te er als An­wen­dungs­und Ver­fah­rens­tech­ni­ker zu ei­nem Zu­lie­fer­be­trieb, um Braue­rei­en bei Pro­ble­men zu be­ra­ten. Sei­ne Er­fah­rung und sein fei­ner Ge­schmacks­sinn mach­ten es ihm mög­lich, selbst feins­te Un­ter­schie­de in der Her­stel­lung und Qua­li­tät er­ken­nen. Wenn Bier nicht so schmeck­te wie es soll­te oder zu schnell ver­darb, such­te der Brau­meis­ter nach der Ur­sa­che. Das konn­te mal ein Fil­ter sein, der aus­ge­tauscht oder ge­rei­nigt wer­den muss­te, mal ein Feh­ler im Ablauf oder bei der Ver­ar­bei­tung der Roh­stof­fe. „Da hab ich oft nicht lan­ge for­schen müs­sen, das war die Er­fah­rung“, er­zählt Ball­reich.

Der Fra­ge, wel­ches Bier das bes­te ist, weicht der Spe­zia­list aber aus: „Das muss je­der für sich sel­ber ent­schei­den. Das Bier, das dir am besten schmeckt, ist das bes­te Bier für dich“, sagt er di­plo­ma­tisch. Aber er ver­rät: Sein Lieb­lings­bier kommt aus der Kon­stan­zer Pri­vat­braue­rei Rup­pa­ner. „Man kann die In­halts­stof­fe her­aus­schme­cken, den Hop­fen, das Malz. Die Har­mo­nie in dem Bier stimmt.“Das ge­be es auch bei an­de­ren Bie­ren, aber er hal­te es so, dass er Bier trin­ke, das aus der Re­gi­on kom­me.

Wer häu­fig bei Kun­den ist, be­kommt auch im­mer mal wie­der et­was ge­schenkt, in Ball­reichs Fall wa­ren das Bier­krü­ge und -glä­ser. Im Lau­fe sei­nes Be­rufs­le­bens – mit ein paar Zu­käu­fen – ka­men da ei­ne Men­ge zu­sam­men, rund 3000 Stück schätzt er. Hin­zu ka­men über 600 Fla­schen Bier aus al­ler Welt und Email­le­schil­der der Braue­rei­en. Im Haus in Nür­tin­gen hat­te je­des Stück sei­nen Eh­ren­platz. Doch in die neue Woh­nung konn­te er sei­ne Samm­lung nicht mit­neh­men. Ein paar be­son­de­re Stü­cke such­te er raus, der Rest wur­de ver­scher­belt. „Das Bier ha­be ich weg­ge­schüt­tet.“Rund 30 ganz be­son­de­re Glä­ser und eben­so vie­le Bier­krü­ge hat der drei­fach Opa und Uro­pa mit nach Mark­dorf ge­nom­men. Sie be­kom­men ei­nen Eh­ren­platz in sei­nem Bü­ro. „Da muss er sie sel­ber put­zen“, sagt sei­ne Frau, die sich da­für lie­ber um ih­re Pup­pen küm­mert. Et­wa 30 Lieb­ha­ber­stü­cke hat sie, schätzt Brigitte Ball­reich. Die hat ihr Mann – ganz Jä­ger und Samm­ler – von sei­nen Rei­sen mit­ge­bracht. „Bis ich ge­sagt ha­be, jetzt ist Schluss.“

FO­TO: SLE

Stolz zeigt Gün­ter Ball­reich sei­ne Schät­ze – hier ein Glas und sei­ne Ko­pie aus der Nür­tin­ger Braue­rei, bei der er als Brau­meis­ter ge­ar­bei­tet hat. Sei­ne Frau Brigitte ist froh, dass sie sie nicht mehr ab­stau­ben muss.

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