Ein Tod, vie­le Leid­tra­gen­de

„Run­ter vom Gas“wirbt mit neu­en Pla­ka­ten für Ver­kehrs­si­cher­heit

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Panorama - Von Sabine Do­bel

München (dpa) - Ablen­kung, zu ho­hes Tem­po, zu we­nig Ab­stand – mehr als 3200 Menschen star­ben 2016 bei Un­fäl­len auf deut­schen Stra­ßen. Je­der die­ser To­des­fäl­le be­trifft 113 Menschen, er­gab ei­ne Stu­die: An­ge­hö­ri­ge. Freun­de. Und Ret­ter.

„Hal­lo“– Das Han­dy mit der an­ge­fan­ge­nen Nach­richt klemmt noch zwi­schen den Bei­nen des Fah­rers. Der Ta­cho steht bei Tem­po 70. Es dau­er­te nur ei­nen win­zi­gen Au­gen­blick, das Wort zu schrei­ben. Die­ser Au­gen­blick war töd­lich. Der Au­to­fah­rer ras­te fron­tal in ei­nen ent­ge­gen­kom­men­den Last­wa­gen.

Ablen­kung ist ge­fähr­lich

Die vom Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um und vom Deut­schen Ver­kehrs­si­cher­heits­rat (DVR) ge­tra­ge­ne Kam­pa­gne „Run­ter vom Gas“will mit neu­en Pla­ka­ten an den Au­to­bah­nen auf die­se Un­fall­ur­sa­chen auf­merk­sam ma­chen. Im Mit­tel­punkt ste­hen da­bei die Schick­sa­le von Hin­ter­blie­be­nen und an­de­ren Mit­be­trof­fe­nen. Von ei­nem ein­zi­gen Un­fall­tod sind laut der am Di­ens­tag in München vor­ge­stell­ten Stu­die im Schnitt 113 Menschen un­mit­tel­bar be­trof­fen: Vier en­ge Freun­de, 46 Be­kann­te, 42 Ein­satz­kräf­te – und elf An­ge­hö­ri­ge.

Kat­ha­ri­na Körner: Vor zwölf Jah­ren ver­lor sie ih­ren drei­jäh­ri­gen Sohn, ih­ren Mann und ih­ren Bru­der. Ein Freund hat­te die drei mit sei­nem na­gel­neu­en 400-PS-Sport­wa­gen am Mor­gen des 13. Au­gust 2005 ab­ge­holt. Es soll­te ein Aus­flug wer­den. Sie blieb mit den zwei­jäh­ri­gen Zwil­lin­gen zu Hau­se. Al­le drei Kin­der soll­ten am nächs­ten Tag ge­tauft wer­den. „Ge­gen 17 Uhr hat die Po­li­zei ge­klin­gelt.“Die Be­am­ten über­brach­ten die To­des­nach­richt.

Der Wa­gen war auf der Schwarz­wald­hoch­stra­ße beim Über­ho­len aus ei­ner Kur­ve ge­tra­gen wor­den und ge­gen Bäu­me ge­rast. Sohn, Mann und Bru­der ver­brann­ten in den Trüm­mern. Die Auf­prall­ge­schwin­dig­keit lag bei Tem­po 150, er­laubt wa­ren 70 km/ h. Der Un­fall­fah­rer über­leb­te. Er sei nicht ver­ur­teilt wor­den. Wut auf den Fah­rer, der ihr die Liebs­ten raub­te? An­fangs ja. „Dann ha­be ich ge­merkt, dass die Wut mich zer­stört.“

Körner brauch­te Jah­re für den Weg zu­rück ins Le­ben. „Ich bin in den Wald ge­lau­fen und ha­be ge­schrien, weil ich so wahn­sin­ni­ge Schmer­zen im Kör­per hat­te“, be­rich­tet sie. „Teil­wei­se will man gar nicht mehr wei­ter­le­ben.“Heu­te ar­bei­tet die 48-Jäh­ri­ge als The­ra­peu­tin – und hilft Menschen bei den The­men Ver­lust und Tod.

3214 Menschen star­ben 2016 bei Ver­kehrs­un­fäl­len. 2011 wa­ren es noch 4009. Da­mals leg­te die Bun­des­re­gie­rung das Ziel von 40 Pro­zent we­ni­ger To­des­op­fern im Stra­ßen­ver­kehr bis 2020 fest. Zu­letzt hob das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um den Etat für Prä­ven­ti­on um gut ei­ne Mil­li­on Eu­ro auf nun­mehr 14 Mil­lio­nen Eu­ro an.

„Run­ter vom Gas“sol­le auf­rüt­teln – und die dra­ma­ti­schen Aus­ma­ße ei­nes töd­li­chen Un­falls auf­zei­gen, sagt die Par­la­men­ta­ri­sche Staats­se­kre­tä­rin im Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um, Do­ro­thee Bär (CSU).

DVR-Ge­schäfts­füh­re­rin Ute Ham­mer be­tont, es ge­he nicht nur um no­to­ri­sche Ra­ser. „Je­der von uns ist ge­le­gent­lich mal zu schnell. Hier muss auch ei­ne neue Kul­tur Ein­zug hal­ten.“

FO­TO: MI­NIS­TE­RI­UM

Mit dras­ti­schen, neu­en Pla­ka­ten soll an die Ver­ant­wor­tung der Au­to­fah­rer ap­pel­liert wer­den.

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