Fre­de­rik Tif­fels hat das per­fek­te Prä­sent

Der 21-Jäh­ri­ge schießt die Deut­schen per Pen­al­ty ins WM-Vier­tel­fi­na­le ge­gen Ka­na­da

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Sport - Von Joa­chim Lin­din­ger

- Man kann sei­nen 26. Ge­burts­tag auf ver­schie­dens­te Art be­ge­hen. Kann sich selbst be­schen­ken, sich reich­lich be­schen­ken las­sen, auf Ge­schen­ke ver­zich­ten. Mat­thi­as Plach­ta ent­schied sich für ein gro­ßes Fest am Di­ens­tag, mit 18 797 Gra­tu­lan­ten; zum Ge­lin­gen des Abends trug der Eis­ho­ckey-Na­tio­nal­stür­mer selbst ei­ni­ges bei. Und weil sei­ne Mit­spie­ler nicht nach­ste­hen woll­ten, fiel das Prä­sent üp­pig aus: Durch ein 4:3 nach Pen­al­ty­schie­ßen (0:0, 2:1, 1:2/1:0) ge­gen die Aus­wahl Lett­lands hol­te CoGast­ge­ber Deutsch­land bei der Welt­meis­ter­schaft in Köln und Paris sei­ne Zäh­ler zehn und elf. Das Schlüs­sel­spiel war ge­won­nen, der zu­vor punkt­glei­che Geg­ner über­holt, als Vier­ter der Vor­run­den­ge­rup­pe A steht die Mann­schaft von Bun­des­trai­ner Mar­co Sturm im Vier­tel­fi­na­le. Am Don­ners­tag (20.15 Uhr/Sport1) geht es dort, er­neut in Köln, ge­gen den Ers­ten der Grup­pe B: den 26-ma­li­gen Welt­meis­ter Ka­na­da. Ei­ne schwe­re, gera­de des­halb auch sehr reiz­vol­le Auf­ga­be. Oder, um im Bild zu blei­ben, das Schleif­chen ums 4:3.

Merz­li­k­ins bril­liert

Die rich­ti­ge Ba­lan­ce hat­ten sie be­schwo­ren vor­ab, „ent­spannt“, hat­te Ka­pi­tän Chris­ti­an Ehr­hoff ge­sagt, müs­se man sein, „aber fo­kus­siert“. Nur nicht ver­kramp­fen, nicht da­ran den­ken, dass die Heim-WM vor­bei sein könn­te mit der Schluss­si­re­ne. Son­dern ge­nie­ßen, for­der­te Mar­co Sturm, „Spaß ha­ben“. Denn: „Sol­che Spie­le spielt man in sei­ner Kar­rie­re nicht all­zu vie­le.“Ei­ner, der gera­de ei­nes von ähn­li­chem Ka­li­ber hin­ter sich hat mit sei­nen Ed­mon­ton Oi­lers (und nur, weil es ver­lo­ren wur­de, in Köln da­bei ist seit dem Ita­li­en-4:1), ist Le­on Drai­saitl. Der 21-Jäh­ri­ge hat den bald bi­blisch an­mu­ten­den Play-of­fVoll­bart in­zwi­schen mit dem Ras­sier­mes­ser trak­tiert, hat im Fa­mi­li­en­kreis re­ge­ne­riert, hat mit den Kol­le­gen trai­niert. An sei­ner Rol­le än­der­te das nichts: Hoff­nungs­trä­ger, Un­ter­schied­ma­cher, Cen­ter. Mit an­de­ren Sturm­part­nern dies­mal als am Sams­tag­abend: links Ya­sin Eh­liz, rechts Patrick Rei­mer. Mar­co Sturms Pro­gno­se: „Le­on hat noch ei­ni­ges im Tank, und das wird er zei­gen.“

Im Start­drit­tel al­ler­dings zeig­te sich an­de­res: dass es ein ver­dammt har­tes Stück Ar­beit wer­den wür­de ge­gen die­se Let­ten, de­nen ihr neu­er Trai­ner Bob Hart­ley seit Jah­res­en­de ei­nen neu­en Spi­rit, ei­ne neue tak­ti­sche Aus­rich­tung im­plan­tiert hat. „Noch bes­ser or­ga­ni­siert“(Mar­co Sturm), stan­den sie de­fen­siv kom­pakt, lau­er­ten auf Feh­ler, auf Kon­ter. Zwar blie­ben die rar, aber: Da war ge­nug Qua­li­tät für bö­se Na­del­sti­che. Und da war die Qua­li­tät des El­vis Merz­li­k­ins. Beim HC Lu­ga­no ver­dient der 23-jäh­ri­ge Tor­hü­ter sei­ne Fran­ken; er ist sie wert – Patrick Rei­mer vor al­lem muss­te das er­ken­nen. Der Top-Tor­jä­ger der DEL schoss di­rekt, ver­zö­gert, schoss flach, hoch. MERZ­LI­K­INS! Dass bei Ya­sin Eh­liz' Ver­such das Ge­stän­ge ein­sprang, darf nicht un­er­wähnt blei­ben, eben­so­we­nig das Schuss­ver­hält­nis bei Pau­se eins. 19:4. Eh­liz'scher Zwi­schen­ruf: „Bei fünf ge­gen fünf sind wir deut­lich über­le­gen. Wir müs­sen so wei­ter­ma­chen und hof­fen, dass ei­ner rein­geht.“

Kei­ne Wi­der­re­de. Viel Wi­der­stand aber. Der wuchs nach Mo­ritz Mül­lers Straf­zeit. Nun kam auch Phil­ipp Gru­bau­er ins Spiel; auf den Punkt fit war der Schluss­mann aus Ober­bay­ern re­spek­ti­ve Washington. Das be­wies bei der nächs­ten Un­ter­zahl ei­ne akro­ba­tisch-spek­ta­ku­lä­re Ret­tungs­tat mit­tels Kel­le. Da in­des stand es be­reits 2:0, nach­dem zu­nächst Da­vid Wolf ei­nen Schlag­schuss Chris­ti­an Ehr­hoffs ver­wer­tet hat­te (31:02), dann der auf­ge­rück­te Den­nis Sei­den­berg Nutz­nie­ßer von Mar­cus Kinks ab­ge­wehr­tem Ver­such war (31:29). Das Rei­mer/Merz­li­k­in­sSpiel­chen üb­ri­gens lief mun­ter wei­ter nach die­sem Dop­pel­schlag, auch Le­on Drai­saitl sah ein­mal un­gläu­big dem Puck nach: Müss­te doch ei­gent­lich in Tor sein ... War er aber nur noch im deut­schen – bei Gu­n­ars Sk­vor­covs' ver­deck­tem Schlen­zer (38:42) hat­te Phil­ipp Gru­bau­er we­der Sicht noch Chan­ce.

2:1 al­so. Kom­for­ta­bel ist an­ders. Kom­for­ta­bel aber gibt es ge­gen Lett­land nicht. Sie­he Ri­ga, sie­he Pyeong­chang-Qua­li­fi­ka­ti­on. Das deut­sche 3:2 vom ver­gan­ge­nen Herbst war dem Gast An­trieb. Für ei­nen Schlag- ab­tausch, der zum At­tri­but „of­fen“si­cher­lich auch ein „hoch­klas­sig“be­kom­men kann. Und mit dem leich­ten Vor­wurf ver­se­hen wer­den muss, dass dem wach­sen­den let­ti­schen Druck bald zu sehr in der ei­ge­nen de­fen­si­ven Zo­ne be­geg­net wur­de. Schnel­le Auf­bau­päs­se wur­den rar, an Ent­las­tung man­gel­te es. Ja­nis Sprukts schließ­lich sag­te „dan­ke“(48:22). Aus nächs­ter Nä­he. Al­les auf Null! Bis Chris­ti­an Ehr­hoff auf die Sün­der­bank muss­te. Uvis Ba­l­ins­kis nahm Maß, An­d­ris Dze­rins fälsch­te ab. 2:3 (56:08). Ge­burts­tag ge­crasht? Nein. Als Phil­ipp Gru­bau­er bei Ar­turs Kul­das Stra­fe längst vom Eis war und die Uhr noch 32,8 Net­to­se­kun­den an­zeig­te, leg­te Le­on Drai­saitl auf. Für Fe­lix Schütz – Ver­län­ge­rung. Pen­al­ty­schie­ßen da­nach. Die ul­ti­ma­ti­ve Zu­spit­zung. Fre­de­rik Tif­fels ließ das kalt. Er ver­wan­del­te. Mit 21. Als letz­ter Schüt­ze. Als ein­zi­ger.

Mat­thi­as Plach­ta dürf­te ihm ei­nen aus­ge­ben.

FO­TO: DPA

Pen­al­ty- Schie­ßen mit Hap­py End – da darf man schon mal herz­haft la­chen. Fre­de­rik Tif­fels war nach sei­nem Tref­fer zum 4: 3 glück­se­lig.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.