Hil­fe beim An­kom­men

Der Hel­fer­kreis aus Dai­sen­dorf un­ter­stützt Flücht­lin­ge, die neu in der Ge­mein­de sind

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Daisendorf/meersburg - Von Na­di­ne Sapot­nik Hel­fer­krei­ses

- Sha­di Mak­houl kommt aus Homs in Sy­ri­en. Er muss­te aus sei­ner Hei­mat flie­hen und baut sich ein neu­es Le­ben in Deutsch­land auf. Mitt­ler­wei­le lebt der 40-Jäh­ri­ge in Dai­sen­dorf in ei­ner ei­ge­nen Woh­nung. Er ar­bei­tet bei Her­manns­dor­fer im Schüt­zen­haus und sei­ne Ar­beit be­rei­tet ihm viel Freu­de. „Es ist hier al­les sehr gut“, sagt er. Da­bei, dass er sich wohl­fühlt und in der neu­en Hei­mat im­mer mehr an­kommt, ha­ben ihm die Eh­ren­amt­li­chen vom Hel­fer­kreis für Flücht­lin­ge in Dai­sen­dorf ge­hol­fen.

27 Flücht­lin­ge le­ben der­zeit in Dai­sen­dorf. Seit 2013 wer­den Flücht­lin­ge in Dai­sen­dorf auf­ge­nom­men. Im Fe­bru­ar 2016 ka­men fünf Fa­mi­li­en gleich­zei­tig in der klei­nen Ge­mein­de an. „Für uns stand dann fest, dass wir jetzt ei­nen Hel­fer­kreis grün­den“, sagt Ma­ri­an­ne Fel­sche, die die Grup­pe ins Le­ben ge­ru­fen hat. Mitt­ler­wei­le be­steht der Hel­fer­kreis aus sechs Mit­glie­dern. „Na­tür­lich un­ter­stüt­zen uns auch ei­ni­ge Nach­barn“, sagt Fel­sche. Sie spen­den Klei­der oder ba­cken Ku­chen und en­ga­gie­ren sich mit an­de­ren klei­nen Ges­ten. Doch der Kern der Grup­pe be­steht aus sechs Hel­fern – und das sei lei­der nicht ge­nug.

Der Kreis ver­sucht sich so gut es geht, zu or­ga­ni­sie­ren. Mitt­ler­wei­le ha­ben sich die Hel­fer al­le ei­nem „Fach­ge­biet“an­ge­nom­men, in dem sie die Flücht­lin­ge un­ter­stüt­zen. So un­ter­rich­tet die Über­set­ze­rin Ka­rin Hauck de Gon­zá­lez sie in Deutsch und das Ehe­paar Wal­ker hilft be­son­ders bei Be­hör­den­gän­gen und dar­in, die auch für Deut­sche oft schwer ver­ständ­li­chen An­schrei­ben zu ver­ste­hen. Doch bei die­ser Auf­ga­be zie­hen sie längst kei­ne Gren­ze. Sie über­neh­men auch Fahr­diens­te zum Arzt oder hel­fen da­bei, die Woh­nung ein­zu­rich­ten.

Die Eh­ren­amt­li­chen vom Hel­fer­kreis wol­len den Flücht­lin­gen beim An­kom­men hel­fen – bei den schwie­ri­gen und miss­ver­ständ­li­chen An­schrei­ben, da­bei sich ei­ne Woh­nung ein­zu­rich­ten oder die Kin­der zur Schu­le zu schi­cken. „Wir fan­gen mit je­dem von vor­ne an. Es ist ein klei­ner Staf­fel­lauf“, sagt Fel­sche. „Bei uns geht es um den ein­zel­nen Men­schen.“Doch all das ste­he hin­ten­an. In Deutsch­land ge­he es dar­um, dass sie so schnell es geht an­kom­men. „Sie müs­sen ler­nen pünkt­lich zu sein, wie man den Müll trennt und dank­bar sol­len sie sein“, sagt Fel­sche. Sie sieht es kri­tisch, dass vie­le in Deutsch­land nicht im Hin­ter­kopf ha­ben, dass sie aus le­bens­wich­ti­gen Grün­den ge­flo­hen sind.

Sie wol­len durch ih­re Hil­fe den Rah­men für ein neu­es Le­ben in ei­nem neu­en Land für die Neu­an­kömm­lin­ge schaf­fen. Doch ganz so ein­fach sei das al­les nicht, er­klärt Ka­rin Hauck de Gon­zá­lez. Al­le Flücht­lin­ge hät­ten ein Trau­ma und mit ih­ren per­sön­lich Er­leb­nis­sen zu kämp­fen. Die Hel­fer ge­ra­ten im­mer wie­der in die Si­tua­ti­on, dass sie bei den Flücht­lin­gen Er­in­ne­run­gen an die Flucht we­cken. „Sie re­den dann sehr viel da­von“, sagt Hauck de Gon­zá­lez.

Ein Eis es­sen wä­re oft schö­ner

Für die Hel­fer sind sol­che Si­tua­tio­nen oft sehr in­ten­siv – auch, weil sie nicht wirk­lich hel­fen kön­nen und sich vor­ran­gig um Be­ge­ben­hei­ten küm­mern müs­sen, die die In­te­gra­ti­on vor­an­trei­ben sol­len. Sie wür­den sich häu­fi­ger lie­ber um die Men­schen an sich küm­mern und viel­leicht ei­nen schö­nen Nach­mit­tag mit ih­nen ver­brin­gen. Viel­leicht ein Eis es­sen.

Doch da­für bleibt kaum Zeit, schließ­lich müs­sen an­de­re Din­ge er­le­digt wer­den. Hin­zu­kommt auch, dass al­le­samt auch ein Pri­vat­le­ben ha­ben – um Hil­fe wei­ter­zu­ge­ben und an­de­re zu un­ter­stüt­zen, muss auch der ei­ge­ne Ak­ku ge­la­den sein. „Wir ha­ben ja auch al­le selbst ei­ne Fa­mi­lie, um die wir uns küm­mern müs­sen“, sagt Fel­sche. Oft wer­den die Hel­fer von den Flücht­lin­gen zum Kaf­fee ein­ge­la­den und müs­sen ab­leh­nen. „Das tut mir im­mer sehr leid“, sagt Hauck de Gon­zá­lez.

Auch wenn die Ar­beit für die Hel­fer oft an­stren­gend sein kann, ver­bin­den al­le auch Glücks­mo­men­te mit ih­rer eh­ren­amt­li­chen Ar­beit. „Für mich war es ein ganz be­son­de­rer Mo­ment, als die ers­ten Flücht­lin­ge, die wir hier auf­ge­nom­men ha­ben, ihr Ab­schie­bungs­ver­bot be­kom­men ha­ben“, sagt Fel­sche. „Wir ha­ben dann ei­nen rie­si­gen Eis­be­cher ge­ges­sen.“Die Fa­mi­li­en wür­den oft ei­ne un­glaub­li­che An­span­nung ver­spü­ren. „Sie kom­men mit Trau­ma­ta her und be­kom­men hier neue da­zu“, sagt Fel­sche.

Sha­di Mak­houl be­ginnt im Som­mer ei­ne Aus­bil­dung zum Koch bei Her­manns­dor­fer im Schüt­zen­haus. In sei­ner Hei­mat in Sy­ri­en hat­te er ei­ne Ca­te­ring­fir­ma, die gro­ße Ge­sell­schaf­ten be­lie­fert hat. Er freut sich dar­auf, die deut­sche Kü­che noch nä­her ken­nen­zu­ler­nen – mit Spätz­le und Maul­ta­schen. Sein Traum ist es, ei­nes Ta­ges sein ei­ge­nes Lo­kal zu er­öff­nen. „Ich möch­te dort sy­risch, deutsch und fran­zö­sisch ko­chen“, sagt er und lä­chelt.

Wer auch Teil des wer­den möch­te, kann sich bei Ma­ri­an­ne Fel­sche oder den an­de­ren Mit­glie­dern mel­den.

FO­TO: FELIX KÄSTLE/DPA

Drei­mal pro Wo­che fin­det im Dai­sen­dor­fer Rat­haus ein Deutsch­kurs für die Ge­flo­he­nen statt.

FO­TO: NA­DI­NE SAPOT­NIK

Sie hel­fen ge­mein­sam in Dai­sen­dorf: Ka­rin Hauck de Gon­zà­lez (von links), Bir­git Wal­ker, Wer­ner Wal­ker, Dietrich H. Bo­e­ge, Sha­di Mak­houl und Ma­ri­an­ne Fel­sche.

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