Amts­ge­richt schnürt ein di­ckes Pa­ket

20-jäh­ri­ge Häf­le­rin we­gen Prü­gelat­ta­cke ver­ur­teilt – Be­glei­te­rin­nen se­hen Ver­fah­ren we­gen Fal­sch­aus­sa­ge ent­ge­gen

Schwaebische Zeitung (Markdorf) - - Wir Am See - Von Gun­nar M. Flo­tow

- Ein di­ckes „er­zie­he­ri­sches Maß­nah­men­pa­ket“hat das Amts­ge­richt Tettnang am Mitt­woch­abend ei­ner Häf­le­rin mit auf den Weg ge­ge­ben. 100 Ar­beits­stun­den, ver­pflich­ten­de Be­su­che bei Be­ra­tungs­ge­sprä­chen und ein So­zi­al­trai­nings­kurs. Die 20-Jäh­ri­ge hat­te in ei­ner Ra­vens­bur­ger Dis­co wie von Sin­nen auf ei­ne an­de­re Frau ein­ge­prü­gelt.

„Was sol­len wir heu­te mit Ih­nen ma­chen?“Es wur­de ganz, ganz ru­hig im gro­ßen Sit­zungs­saal des Amts­ge­richts Tettnang, als Rich­ter Mar­tin Hus­sels nach vier St­un­den Ver­hand­lungs­dau­er die­se Fra­ge an die An­ge­klag­te rich­te­te. Die jun­ge Frau lä­chel­te ver­le­gen und kne­te­te ih­re Hän­de, be­vor sie lei­se ant­wor­te­te: „Hof­fent­lich kei­ne Haft.“Wer die 20Jäh­ri­ge sah, wie sie sich die Trä­nen aus den Au­gen wisch­te, konn­te sich kaum vor­stel­len, dass sie auch ein an­de­res Ge­sicht hat. Doch das hat­te sie am frü­hen Mor­gen des 16. Ok­to­ber 2016 in ei­ner Ra­vens­bur­ger Dis­co ge­zeigt. Ge­si­chert ist, dass sie im Toi­let­ten­vor­raum ei­ne 37-Jäh­ri­ge an­rem­pel­te. Nach ei­ner kur­zen Dis­kus­si­on gin­gen die Frau­en – bei­de üb­ri­gens stark al­ko­ho­li­siert – nach drau­ßen. We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter kam es auf der Rau­cher­te­ras­se zu ei­ner wüs­ten Schlä­ge­rei, bei der bei­de Frau­en zu Bo­den stürz­ten und sich in­ein­an­der ver­hak­ten. Ein un­ab­hän­gi­ger Zeu­ge be­rich­te­te, dass die Häf­le­rin mit Fäus­ten aus­ge­teilt ha­be, ih­re Kon­tra­hen­tin da­ge­gen ha­be nur ver­sucht, die Hie­be ab­zu­weh­ren. „Ich ha­be noch nie ge­se­hen, dass ei­ne Frau so zu­schlägt“, be­ton­te er. Zwei Män­ner tren­nen schließ­lich die Frau­en. Her­bei­ge­ru­fe­ne Po­li­zis­ten er­tei­len der 20-Jäh­ri­gen und ih­ren bei­den Freun­din­nen ein Platz­ver­bot.

Die An­ge­klag­te be­haup­te­te, dass sie von der 37-Jäh­ri­gen be­lei­digt wor­den sei. Ge­naue Er­in­ne­run­gen an den Vor­fall ha­be sie nicht mehr, schließ­lich sei sie „to­tal be­sof­fen“ge­we­sen. „Drau­ßen ist’s halt ir­gend­wie los­ge­gan­gen.“Sie gab zu, dass sie ein Al­ko­hol­pro­blem ha­be und be­trun­ken zu Ag­gres­sio­nen nei­ge.

„Ich ver­ste­he es im­mer noch nicht“, sag­te das Op­fer der Prü­gelat­ta­cke am Mitt­woch aus. Die 37-Jäh­ri­ge be­stritt, die An­ge­klag­te mit Schimpf­wör­tern be­legt zu ha­ben und er­klär­te, dass sie to­tal per­plex ge­we­sen sei, dass je­mand „so ein ex­tre­mes Ge­walt­po­ten­zi­al“ent­wi­ckeln kön­ne.

Mit ih­rer ge­ord­ne­ten und de­tail­lier­ten Schil­de­rung der Er­eig­nis­se konn­te die Haupt­zeu­gin das Ge­richt über­zeu­gen – im Ge­gen­satz zu zwei Be­glei­te­rin­nen der An­ge­klag­ten, die mit ziem­lich wi­der­sprüch­li­chen Aus­sa­ge ver­such­ten, de­ren Ver­si­on zu stüt­zen. Ober­staats­an­walt Wolf­gang Angs­ter hielt nicht hin­term Berg mit sei­nem Ver­dacht, dass die­se Aus­sa­gen ab­ge­spro­chen wur­den. Von sei­ner An­kün­di­gung, ih­nen ein Ver­fah­ren we­gen Fal­sch­aus­sa­ge an­zu­hän­gen, lie­ßen sich die bei­den Frau­en nicht be­ein­dru­cken. Sie blie­ben da­bei: Die 37-Jäh­ri­ge ha­be üb­le Be­lei­di­gun­gen aus­ge­sto­ßen, „Stress ge­sucht“und sei „voll aus­ge­ras­tet“.

Beim Vor­trag der Ju­gend­ge­richts­hel­fers wur­de deut­lich, dass im Le­ben der An­ge­klag­ten so ziem­lich al­les schief ge­lau­fen ist: Tren­nung der El­tern, häus­li­che Ge­walt, Al­ko­hol­pro­ble­me, Fehl­zei­ten in der Schu­le, Schul­den, mit 14 Jah­ren die ers­ten Straf­ta­ten, mit 16 Jah­ren sechs Mo­na­te Ju­gend­knast. Sie selbst sag­te, dass ihr Le­ben „ei­ne ein­zi­ge Bau­stel­le“sei. Auf die Fra­ge „Was sol­len wir heu­te mit Ih­nen ma­chen?“ga­ben Rich­ter Hus­sels und sei­ne bei­den Schöf­fen die­se Ant­wort: 100 St­un­den ge­mein­nüt­zi­ge Ar­beit, Be­ra­tungs­ge­sprä­che und ein So­zi­al­trai­nings­kurs. Von ei­ner Ge­fäng­nis­stra­fe sah das Ge­richt nur ab, weil die letz­te Straf­tat schon ei­ni­ge Jah­re zu­rück­liegt.

FO­TO: COLOURBOX

Ganz so zim­per­lich wie auf die­sem Fo­to ging die Schlä­ge­rei nicht von­stat­ten. Die An­ge­klag­te soll laut Zeu­gen­aus­sa­gen mit der Faust zu­ge­schla­gen ha­ben. „Ich ha­be noch nie ge­se­hen, dass ei­ne Frau so zu­schlägt“, sagt er in der Ver­hand­lung.

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